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Montag, 16. April 2012

Theobald Tiger - Sexuelle Aufklärung

Postkarte Mata Hari



Sexuelle Aufklärung

Tritt ein, mein Sohn, in dieses Varieté!
Die heiligen Hallen füllt ein lieblich Odium
von Rauchtabak, Parfums und Eßbüfett.
Die blonde Emmy tänzelt auf das Podium,
der erste und der einzige Geiger schmiert »Kollodium«
auf seine Fiedel für das hohe C . . .
So blieb es. und so ists seit dreißig Jahren ―
drum ist dein alter Vater mit dir hergefahren.

Sieh jenes Mädchen! Erster Jugendblüte
leichtrosa Schimmer ziert das reizende Gesicht.
So war sie schon, als ich mich noch um sie bemühte,
und wahrlich: ich blamiert mich nicht!
Siehst du sie jetzt. wie sie voll Scham erglühte?
Was flüstert sie? »Det die de Motten kriecht . . .!«
Wie klingt mir dieser Wahlspruch doch vertraut
aus jener Zeit, da ich den Referendar gebaut!

Sei mir gegrüßt, du meine Tugendlilie.
du altes Flitterkleid. du Tamburin!
Nimm du sie hin, mein Sohn ― es bleibt in der Familie ―
und lern bei ihr: es gibt nur ein Berlin!
Nun aber spitz die Ohren, denn gleich singt Ottilie
ihr Lieblingslied vom kleinen Zeppeliihn . . .
Kriegst du sie nicht, soll dich der Teufel holen!
Verhalt dich brav ― und damit Gott befohlen!

Aus: Theobald Tiger, Fromme Gesänge, Felix Lehmann Verlag, Charlottenburg, 1919




Sonntag, 15. April 2012

Robert Garrison - Liebesnacht

Egon Schiele - Umarmung



Liebesnacht

Schon steigt im Ost das graue Morgenlicht.
Nur du und ich, wir schreiten traumversunken!
An meinen Körper schmiegt dein Leib sich dicht
Und deine Augen starren sehnsuchtstrunken.

Ja, schmiegʼ dich fest . . . noch ist die Nacht nicht aus,
Die Erde träumt, kein Mensch kann uns belauschen!
So tretʼ ich mit dir in das dunkle Haus
Und höre nur dein Atmen und dein Rauschen.

Du wilde Nacht! Du wildes, süßes Weib!
Ein Wonneschauer ging durch meine Glieder —
Dann sank ich stumm vor dem entblößten Leib,
Dem zitternden, im trunknen Taumel nieder.

Im Osten hoch die Morgensonne stand. . . .
Du schmiegtest dich an mich als wie mein eigen.
Was unsʼre durstʼgen Seelen fest verband,
Verriet der wunden Lippen süßes Schweigen.

Aus: Robert Garrison, Nachtfalter, Modernes Verlagsbureau, Curt Wigand, Berlin, Leipzig, 1908