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Edgar Steiger - Nächtlicher Ritt

Edgar Steiger - Nächtlicher Ritt


Ich bin der Sturm, der über dich braust,
Du schönste der Edeltannen.
Ich halte dich fest in krampfender Faust
Und trage dich hurtig von dannen.

Schweratmend ruhst du, selig glühende Frau,
Auf meinen bebenden Armen.
Aus deinen Haaren küss' ich den Tau,
Und fühle ein wildes Erwarmen.

Warm über die zuckenden Glieder rinnt
Der rieselnde Mainachtsregen,
Und die Liebe überschauert dich lind
Mit ihrem süßesten Segen.

Und wärst du der Teufel und wärst du der Tod,
Ich will dich umschlingen und pressen
Und das lachende Glück und die wimmernde Not
Und die eigene Seele vergessen.


Aus: Chorus eroticus, Neue deutsche Liebesgedichte, Herausgegeben von Karl Lerbs, Rainer Wunderlich Verlag, Leipzig, 1921
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Klabund - Für Mimi

Klabund - Für Mimi



Was ich dir hier singe,
Ist nur für dich gemacht.
Die violette Syringe,
Der Mond und das Ding der Dinge
Ist nur für dich gemacht.

Die heimliche Lust der Lüste
Ist nur für dich gemacht.
O gib mir deine Brüste!
Ebbe und Flut unsrer Küste
Sind nur für dich gemacht.

Das breite Bett, ich dächte,
Es ist für dich gemacht.
Komm, löse deine Flechte,
Denn diese Nacht der Nächte,
Sie ist für uns gemacht!


Aus: Chorus eroticus, Neue deutsche Liebesgedichte, Herausgegeben von Karl Lerbs, Rainer Wunderlich Verlag, Leipzig, 1921

Rudolf von Delius - Katharina

Rudolf von Delius - Katharina




Ich will ja nicht deiner Seele wehe tun,
zarte, geistliebe Frau,
aber ich brauche deiner Glieder warmes Pulsen doch
— geschlossenen Auges — brauche deiner Knie
hingebend süße Willigkeit.

Du magst lächeln, aber mein Herz pocht so
und verrät mich sonst an die Sinnenhölle,
daß ich ganz schlecht werde vor Flammenqual.

Gute, Stirnhelle — das schwere Dunkelspiel
deiner starken Seele klingt wieder an
und siegjubelnd reichst du mir treu die Hand.
»Bändigung« Aber du, ich bin ganz dein:
und auch deine Brüste, du, gehören zur Seele
und nur dein Schoß ist so wunderstill.


*
Gibt mir dein Auge nicht die alte Lösung?
Da quirlt es heiter in Champagnerlust
(zerplatzend Schmetterlings-Sinnenglück),
doch alles wird lichtstrudelnd breit durchleuchtet
vom tiefen Goldglanz deiner Seelengüte.


Aus: Chorus eroticus, Neue deutsche Liebesgedichte, Herausgegeben von Karl Lerbs, Rainer Wunderlich Verlag, Leipzig, 1921

Otfried Krzyzanowski - Carmen Delirans

Otfried Krzyzanowski - Carmen Delirans



Carmen delirans, o Lied des Wahnsinns,
das Leben bist du: zwischen Tag und Nacht: die Erschütterung.

Zu Tag und Nacht, zu keinem Menschen sprichst du,
mein geheimstes Sein sprichst du aus.

Zu einem Menschen zu sprechen! Gemeinsam ist
das Siechenhaus. Ich scheue zurück davor.

Dies eine wünsche ich nur,
daß mir der andern Sinnen ewig fremd sei.

Verzeihung, Herr oder Fräulein, Sie oder Du,
schweifen meine Blicke zu keck —
ich bin nicht neugierig, nein!

Die Haut verbirgt sich nicht und mancher Hals verlockt
zum Küssen oder Morden.


Aus: Die Bücherei Maiandros eine Zeitschrift von 60 zu 60 Tagen herausgegeben von H. Lautensack, A. R. Meyer, A. Ruest, IV-V. Buch, 1. Mai 1913

Walter Hasenclever - Die Schwester

Walter Hasenclever -  Die Schwester




Schnell von zitterndem Arm streif das Gewand dir ab,
biege dich katzengleich, zärtliche Liebhaberin.
Leise den Finger tauch ein in dein feuchtes Grab,
unerlöst, du allein, schwankend durch Bilder hin.
Und wie du tiefer dich wärmst, steigen dir Städte auf,
Kavaliere und Herrn, heiß an dein Knie gepreßt;
in bacchantischer Lust treibst du auf Stromes Lauf,
hoch in die Gluten geküßt, und du tanzst auf dem Fest.
Und wie du jäh dich bäumst, sinnloser Rausch dich umfängt,
eilt deines Herzens Takt wilder in dunkelndes Glück,
bis dich erwachendes Licht, das deine Wimpern sengt,
müde aus traumloser Flut hebt auf die Kissen zurück.

Aus: Die Bücherei Maiandros eine Zeitschrift von 60 zu 60 Tagen herausgegeben von H. Lautensack, A. R. Meyer, A. Ruest, IV-V. Buch, 1. Mai 1913

Alexander Bessmertny - Das verlorene Paradies

Alexander Bessmertny - Das verlorene Paradies



Die Schlange zeigte uns im Paradies
den Wurm im Apfel aufgebrochner Lust,
das Tier, das uns aus Eden ganz verstieß,
spinnt gitternd sich um jede nackte Brust.

Vom Samen aufgeblasen wie von Gift
ist jetzt das Mädchen, das den Liebsten küßte,
und widerwillig doch gezwungen trifft
der Blick die milchgeschwollnen langen Brüste.

Aufdringlich wie ein schlechtes Monument
springt uns der Zweck mit Steiß und Stank entgegen,
und keine Schönheit blieb, die sich nur kennt,
sich selbst ermordend muß sie Keime legen.

Die Schlange in dem phosphorgelben Tal
zieht atmend ein den Dunst von Tod und Zeugung.
Und nur verschnittner Knaben Madrigal
hebt Gottes Haupt empor aus seiner Beugung.


Aus: Die Bücherei Maiandros eine Zeitschrift von 60 zu 60 Tagen herausgegeben von H. Lautensack, A. R. Meyer, A. Ruest, IV-V. Buch, 1. Mai 1913

Jakob Wassermann - Liebe von damals

LIEBE VON DAMALS

Unbefriedigtes Verlangen,
Wie erdrückst du mich,
Wenn ich nach dem tagelangen
Zwischen Groll- und Hoffnunghangen
Seufzend Deinem Trotze wich!

Keine Arbeit will von statten,
Keine heit're Stunde naht.
Einst, wenn wir geküsst uns hatten,
Gieng ich in dem milden Schatten
Deiner Liebe Pfad um Pfad.

Muss ich jetzt um Küsse betteln
Wie ein armer Vagabund?
Soll ich mit belohnten Vetteln
Jugendglück und Kraft verzetteln?
Öffne doch den stolzen Mund!

Fürchtest Du, dass meine Hände
Dir das schneeige Hemd beschmutzt . . .?
Ahnst Du nicht, dass Liebesbrände
Wie die meinen Dich am Ende
Schöner als zuvor geputzt?

Unbefriedigtes Verlangen,
Wie erfüllst du mich!
Gram und Scham auf blassen Wangen
Bin ich in die Nacht gegangen,
Aber Du bliebst jüngferlich.

(Aus Wiener Rundschau 1897)