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Pierre Louys - Zärtlichkeiten

ZÄRTLICHKEITEN




Schließe sanft deine Arme um mich, wie einen
Gürtel. O berühre, o berühre so meine Haut!
Nicht das Wasser und nicht der Südwind sind
lieblicher als deine Hand.

Liebe mich heute, kleine Schwester, du bist an
der Reihe. Gedenk der Zärtlichkeiten, die ich
dich in der vergangenen Nacht gelehrt, und nah
bei mir, die müde ist, knie nieder und rede nicht.

Deine Lippen senken sich von meinen Lippen.
Dein ganzes aufgelöstes Haar folgt ihnen, wie die
Liebkosung dem Kusse folgt. Sie gleiten über mei-
nen linken Busen; sie verbergen mir deine Augen.

Gib mir deine Hand, sie ist warm! Drück mir
die meine und laß sie nicht los. Besser als die
Lippen vereinen sich die Hände und ihrer Leiden-
schaft kommt nichts gleich.


Aus: Pierre Louys, Lieder der Bilitis, Übertragen von Richard Hübner, J. Zeitler Verlag, Leipzig, 1901. Illustration von George Barbier

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Albert Möser - An den Tod

An den Tod.
Im Lärm des Tages sind sie starr befangen:
Seht an die Jagd, die stürmisch-ruhelose,
Mild rast der Schwarm, dem Nichts vermag zu wehren;
Ein Jeder ringt, daß er, was nützt, erlose,
Nach ird’schem Wohl steht einzig sein Verlangen,
Ihm jagt er nach mit Sorgen, lastend-schweren;
Genuß! heißt ihr Begehren,
Der winkt und lockt sirenenhaften Klanges
Und bändigt ganz der bebenden Gedanken;
Ihn suchen, die da athmen, all’ und ranken
Um’s irdische Sein sich zäh’ und gier’gen Dranges;
Am Staube seht ihr durst’gen Sinns sie kleben,
Und ihrer Sehnsucht Ziel heißt: Leben! Leben!
Doch dir, o Tod, naht selten nur ihr Fragen,
Sie lieben’s nicht, den Geist dir zuzuwenden,
Und deinen Namen nennt nicht gern die Lippe;
Denn sieh! dein Amt ist, mitleidlos zu enden
Das Sein, das sie entzückt, und drum mit Zagen Malt dich ihr Geist als höhnisches Gerippe;
Mit Stundenglas und Hippe,
Hohläugig, grinsend, wangenlos und beinern,
Also im Sinn lebst du dem Erdensohne,
Und schreckhaft gleich dem Haupte der Gorgone
Schaffst du…

Jakob Wassermann - Liebe von damals

LIEBE VON DAMALS

Unbefriedigtes Verlangen,
Wie erdrückst du mich,
Wenn ich nach dem tagelangen
Zwischen Groll- und Hoffnunghangen
Seufzend Deinem Trotze wich!

Keine Arbeit will von statten,
Keine heit're Stunde naht.
Einst, wenn wir geküsst uns hatten,
Gieng ich in dem milden Schatten
Deiner Liebe Pfad um Pfad.

Muss ich jetzt um Küsse betteln
Wie ein armer Vagabund?
Soll ich mit belohnten Vetteln
Jugendglück und Kraft verzetteln?
Öffne doch den stolzen Mund!

Fürchtest Du, dass meine Hände
Dir das schneeige Hemd beschmutzt . . .?
Ahnst Du nicht, dass Liebesbrände
Wie die meinen Dich am Ende
Schöner als zuvor geputzt?

Unbefriedigtes Verlangen,
Wie erfüllst du mich!
Gram und Scham auf blassen Wangen
Bin ich in die Nacht gegangen,
Aber Du bliebst jüngferlich.

(Aus Wiener Rundschau 1897)

Pierre Louys - Rosen in der Nacht

ROSEN IN DER NACHT


Wenn die Nacht am Himmel aufsteigt,
ist die Welt unser und der Götter.
Von den Feldern gehn wir zur Quelle,
vom dunkeln Wald nach der Lichtung, wo-
hin uns unsre bloßen Füße führen.

Die Sternlein funkeln genugsam für die klei-
nen Schatten, die wir sind. Manchmal fin-
den wir unter den niederhangenden Zweigen
schlafende Hirschkühe.

Doch zauberischer in der Nacht als alles andre
ist ein Ort, von uns allein gekannt, der uns mäch-
tig auf sich zieht durch den Wald: ein Gebüsch
geheimnisvoller Rosen.

Denn nichts ist göttlich auf der Erde, verglichen
mit dem Duft der Rosen in der Nacht. Wie
kam es nur, daß ich damals, als ich allein war,
mich nicht davon berauscht gefühlt.

Aus: Pierre Louys, Lieder der Bilitis, Übertragen von Richard Hübner, J. Zeitler Verlag, Leipzig, 1901. Illustration von George Barbier