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Es werden Posts vom Januar, 2009 angezeigt.

Alice Berend - Der Ehe Bänkellied

Der Ehe Bänkellied.
Beim Sonntagskaffee reckte sich
Die Mutter und sprach feierlich
Zum Vater: »Höre, lieber Mann,
Dieweil du selbst nicht denkst daran,
So sage ich es klipp und klar,
Regine ist jetzt 20 Jahr,
Also!«

»Ach«, sprach der Vater weich und lind,
»Regine ist ja noch ein Kind,
Ich kann mich nicht dazu versteh'n,
Sie als erwachsen anzuseh'n!
Und dann« — jetzt sprach er wen'ger mild —
»Die Freier wachsen doch nicht wild,
Also!«

»Ich weiss, dass in der schlechten Welt
'ne Heirat täglich schwerer fällt,«
Erwiderte die Mutter drauf,
»Und gerade darum pass' ich auf.
Von Meyers ist der Sohn zurück,
Man sagt er hatte grosses Glück,
Also!

Du ladest ihn noch heute ein,
Dann lass es meine Sache sein;
Regine zieht das Weisse an
Und spielt ihre Sonate dann;
Zum Kuchen, den Regine bäckt,
Spendierst du eine Flasche Sekt,
Also!«

Der Vater ging — der Meyer kam,
Alles verlief nach dem Programm.
Regine in dem weissen Kleid
Schlug das Klavier geraume Zeit,
Und auch der Kuche…

Anna Maria Lenngren - Der Besuch der Gräfin

Der Besuch der Gräfin.
Behüte! so draussen wie drinnen welch' Leben!
Im Pfarrhof flog Teller und Tuch!
Die gnädige Gräfin liess melden soeben,
Sie komme zum Mittagsbesuch.

Frau Pfarrer hielt Rat mit der Tochter Luise;
Galt's doch, an so wichtigem Tag
Zu zeigen an Speisen, Gedeck und Service,
Was Küche und Keller vermag.

Abstäubte den Saal man, die Prachtkonterfeie
Der Vorfahr'n, altfränkisch und steif:
Hochwürd'ge mit Bibeln, Matronen voll Weihe,
Geschnürten Korsetts und im Reif.

Der Hausherr trug heut' seine schönste Perücke,
Frau Pfarrer ihr Seidengewand,
Luise vom besten — dass sie auch sich schmücke! —
Was nur in der Truhe sich fand.

Da endlich erschien an dem Gitter vor'm Hause
Die Grafin mitsamt der Komtess —
Der Pfarrer empfing sie im nobelsten Flause,
Devot zwar, voll Würde indes.

Vergnügten Gesichts knixten tief auf der Treppe
Frau Pfarrer und Tochter bereits,
Sich bückend, als wollten sie küssen die Schleppe
Des aristokratischen Kleids.

Den Saal nun be…

Gertrud Pfander - Abwehr

Abwehr
»Halt du geheim die halberwachten Klänge!«
– Nicht doch, dem Geiste kann ich nicht gebieten. –
»Wart auf die Frucht und streue nicht die Blüten!«
– Als ob der Blüte nicht sich Duft entschwänge. –

»Gib nicht dein Allerheiligstes der Menge!«
– Gewiß, ich will's ihr unbefangen bieten. –
»So kannst du jungen Erstlingssang nicht hüten?«
– Nein, weil sich's dennoch jauchzend mir entränge. –

»Nach welchem Meister schließlich, die du trutzig
Im Liede hoffst die Welt zu überwinden,
Nach welcher Schule hast du denn geschrieben?« –

– Die Schule? ... Strenge Herrn .. ihr macht mich stutzig!
Wird nicht ein Lied den Weg zum Herzen finden,
Sobald ein Herz diktiert in Leid und Lieben? –Aus: Helldunkel, Gedichte und Bekenntnisse von Gertrud Pfander, herausgegeben von Karl Henckell, Verlag A. Franke, Bern, 1908, S. 71.
Digitalisate 1

Gertrud Pfander - Nachtmar

Nachtmar.
Überm Wasser stößt ein Weih
Seinen unnennbaren Schrei.
Lange, bange Nacht! Ich fahre
Auf, mit schweißgestrecktem Haare.
Still! Es ist ja nur ein Weih.
Herz, was tust denn du dabei?

Überm See die Möve kreischt,
Die sich den Gefährten heischt.
Und sie sucht im Ätherstillen
Sich den Freund nach ihrem Willen.
Ruf, der menschenstimmig täuscht,
Wenn vom Stein die Möve kreischt.

Tief im schaumbespritzten Hag
Schlägt die Drossel letzten Schlag.
Dann ins kinderreiche Nestchen
Senkt sie sich auf schlankem Ästchen ...
Selig, Vogel, du im Hag ...
Großer Gott! Wann graut der Tag!
Aus: Helldunkel, Gedichte und Bekenntnisse von Gertrud Pfander, herausgegeben von Karl Henckell, Verlag A. Franke, Bern, 1908, S. 159.
Digitalisate 1

Friedrich Daumer - Komm, falsche Dirne!

Komm, falsche Dirne! Komm, falsche Dirne, lass dich küssen!
So falsch du bist, — du bist doch süss;
Dein Mund hat all an sich gerissen
Den Honig aus dem Paradies.

Ich herze dich, und sollte hassen;
Ich hasse dich, doch ach, wie mild!
Ich sollte dich auf ewig lassen,
Und fasse dich, so wild, so wild!

Und ist in alle diese Wonnen
Mein Leben und mein Geist getaucht —
Was mir dein Herz für Qual ersonnen,
Ist alles in den Wind gehaucht!Aus: Die zehnte Muse, Dichtungen vom Brettl und fürs Brettl, herausgegeben von Maximilian Bern, Verlag Otto Eisner, Berlin, 12. Tsd. 1904, S. 96.
Digitalisate 1

C. F. Weisse - Paris mit dem Apfel

Paris mit dem Apfel
und die drey Göttinnen
Pallas, Juno und Venus.
Pallas.

Komm, Jüngling, komm! suchst du Verstand:
Du findest ihn bey mir.
Gib diesen Apfel meiner Hand,
Ich gebe Weisheit dir.

Paris.

Mir Weisheit? - Weisheit lehrte mich
Stets klug, nie lustig seyn.
Behalte, was du hast, für dich;
Ich aber will mich freun.

Juno.
Zeus ist mein Mann; mein weites Reich
Geht über Erd' und Meer:
Zum König mach' ich dich sogleich,
Gib mir den Apfel her.

Paris.
Ist man denn als ein König froh?
Fürwahr! ich glaube, nein.
Nur als ein Hirte bin ich so,
Und will es länger seyn.

Venus.
Dich reizt nicht Weisheit, hohes Glück?
Was willst du, Herzchen? sprich!
Ist wohl ein Druck, ein süsser Blick
Und dieser Kuss für dich?

Paris.
O welch ein Kuss! o welch ein Blick!
Du bist nach meinem Sinn.
Das fehlte nur zu meinem Glück:
Da! nimm den Apfel hin. Aus: C. F. Weisse, Kleine lyrische Gedichte, II.Theil, gedruckt bey F. A. Schrämbl, Wien, 1793, S. 11 f.
Digitalisate 1 & 2

C. F. Weisse - An die Bücher

An die Bücher
Wie lieb' ich euch, die ihr in schönen Bänden
Mein buntes Bücherschränkchen schmückt,
Bey denen mir so lieblich untern Händen
Die lange Zeit schnell weiter rückt!
Hier find' ich Lust bey Unterricht:
Ich läs' euch, wär' es auch nicht Pflicht.

Ihr lehret mich, was nöthig ist, zu wissen;
Durch euch wird fremde Weisheit mein;
Ihr leuchtet mir in meinen Finsternissen,
Und ladet mich zur Wahrheit ein;
Ihr tragt mich in die Zukunft hin,
Und zeigt mir, was, warum ich bin.

Bald führt ihr mich zurück in graue Zeiten:
Da flieg' ich über Land und Seen,
Seh' Reiche hier entspringen, sich verbreiten,
Blühn, sinken, wieder untergehn;
Seh' Menschen, die vom Anfang an
Sich gleich in Gut und Bösem sahn.

Bald führt ihr mich in die geheimsten Gründe
Der wunderthätigen Natur;
In Stäubchen, wie in Welt und Sonnen finde
Ich eines weisen Schöpfers Spur;
Vom Wurm, den ich kaum sehen kann,
Steig' ich zur Gottheit selbst hinan.

Und les' ich euch, ihr Dichter ew&#…

Ludwig Jacobowski - 141. Geburtstag

Stammbaum
Die Mutter hatte ungezähmtes Blut,
Im fremden Arm gebar sich neu die Glut.
Dann lief sie fort, um ihr verruchtes Leben
Dem nächsten Dritten lachend hinzugeben.

Die Tochter gleicht der Mutter akkurat;
Die Augen rollt sie wie ein Wagenrad;
Indes die Händchen meine Hände drücken,
Umwirbt sie schon den Nachbarn mit den Blicken.

Ihr Kind ist wieder wie die Großmama,
Im Lachen kommt es mehr der Mutter nah.
Mir thut es weh, wenn ich dies Lachen höre:
Ich fühl' die Evaseele der Hetäre.Aus: Ludwig Jacobowski, Leuchtende Tage, Neue Gedichte, J.C.C. Bruns Verlag, Minden in Westf., 2. Aufl. 1901, S. 73.
Digitalisat
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Gabriele von Baumberg - Das liebende Mädchen

Das liebende Mädchen
Jüngling, wenn ich dich von fern erblicke,
Wird vor Sehnsucht mir das Auge nass:
Nahst du dich, so hält es mich zurücke
Wie mit Fesseln – und ich weiss nicht, Was?

Fern von dir hab' ich so viel zu klagen,
Und dir gegenüber sitz' ich stumm,
Kann dir nicht ein Sterbens-Wörtchen sagen,
Stammle nur, - und weiss doch nicht, Warum?

Stundenlang häng' ich an deinem Blicke:
Aber wenn der deinige mich so
Ueberrascht, fährt meiner scheu zurücke,
Will sich bergen, - ach! und weiss nicht, Wo?

Seh' ich dich mit andern Mädchen spassen;
O, dann möcht' ich arme Schwärmerinn
Meine Vaterstadt, mein Land verlassen,
Möchte fliehn, - und weiss doch nicht, Wohin?

Einsam lass' ich, statt mich zu zerstreuen,
Meinen Thränen ungestörten Lauf,
Wiege mich in süssen Träumereyen,
Freue mich, - und weiss doch nicht, Worauf?

Denke mir das höchste Glück auf Erden,
Das ein Mädchen sich nur wünschen kann,
Hoffe, dass sie einmal kommen werden
Diese Freuden, - ach, und weiss ni…

Edgar Allan Poe - 200. Geburtstag

Bild
Annabel Lee
Es ist lange her, da lebte am Meer,
Ich sag’ euch nicht wo und wie –
Ein Mägdelein zart, von seltener Art,
Mit Namen Annabel Lee.
Und das Mägdelein lebte für mich allein,
Und ich lebte allein für sie. Ich war ein Kind und sie war ein Kind,
Meine süße Annabel Lee,
Doch eine Liebe, so groß, so grenzenlos
Wie die unsere gab es nie.
Wir liebten uns so, daß die Engel darob
Beneideten mich und sie. Da kam eines Tags aus den Wolken stracks
Ein Ungewitter und spie
Seinen Geifer aus, einen Höllengraus,
Und traf meine Annabel Lee.
Und es kam ein hochgeborener Lord,
Der Knochenmann, und holte sie fort,
Fort, fort von mir und sperrte sie
In ein Grab, meine Annabel Lee. Ja, neidisch war die geflügelte Schaar
Im Himmel auf mich und sie,
Und dies war der Grund, daß der Höllenmund
Des Sturms Verderben spie,
Bis daß sie erstarrt
Und der Tod sie verscharrt,
Meine süße Annabel Lee. Doch eine Liebe so groß, so grenzenlos
Wie die unsere gab es nie,
So liebten Aeltere nie,
So liebten Weisere nie,
Un…

Elly Gregor - Zuversicht

Zuversicht


Nun komme, was da kommen mag,
Ich fürchte keinen Schicksalsschlag,
Es bleibt das Glück, das in mir lebt,
Wenn längst dein Geist ins All entschwebt.


Die Hand, die zärtlich ich gepresst,
Hält mich für alle Zukunft fest,
Und deine Seele, schön und gross,
Lass ich in Ewigkeit nicht los.


Wie lieb ich nun das Leben hab,
Seit es mir dich zu eigen gab,
Doch Sterben auch dünkt mich nicht schwer,
Für uns giebts keine Trennung mehr!
Elly Gregor - Zuversicht
aus: Dresdner Dichterbuch, Herausgegeben von Dr. Kurt Warmuth, Verlag von Wilhelm Baensch, Dresden, 1903, S. 38
Zum Digitalisat

Johannes Gillhoff - 79. Todestag

Johannes Gillhoff - Das Mecklenburgische Volksrätsel
Da war mal eine kleine Linde,
da war ein kleiner Wurm zu finden;
der Wurm kroch mit aller Macht
acht Ellen hoch in jeder Nacht,
und alle Tage kroch er wieder
vier Ellen hernieder.
Zwölf Nächte trieb er dieses Spiel,
bis er endlich aus der Spitze fiel;
er fiel in eine Wasserpfütz',
da kühlt er seine große Hitz'.
Das muss ein kluger Rechner sein, -
wie hoch mag wohl die Linde sein?

(Lösung in ein paar Tagen)
Johannes Heinrich Carl Christian Gillhoff (14. Mai 1861, Glaisin - 16. Januar 1930, Parchim), Sohn von Gottlieb Gillhoff und Helmine, geb. Martens, war ein deutscher Schriftsteller.
Nach dem Abschluss der Präparandenanstalt im Jahre 1876, arbeitete Johannes Gillhoff, genau wie sein Vater, als Lehrer in Tewswoos, Spornitz und Parchim. 1881 absolvierte er das Lehrerseminar in Neukloster und 1896 das Lehrerexamen in Schwerin. Schließlich legte er 1899 die Rektoratsprüfung ab und lehrte in Merseburg, Erfurt, Halberstadt und Genth…

Mei-scheng - Der zarte Vogel

Der zarte Vogel Am Ufer, hinter Weiden, blüht ein Haus.
Ein zartes Mädchen sieht zur Tür hinaus.

An der Voliere steht der Mandarin.
Ein zarter Vogel singt und hüpft darin.

Verschließ den Käfig! Hüte gut das Haus!
Sonst fliegt der Vogel in den Wald hinaus!
Aus: Klabund - Chinesische Gedichte (Nachdichtungen)
Europäischer Buchklub, Stuttgart, Zürich, Salzburg, Treueband 1958, S. 28

Ein Mädchen aus Mo-ling - Die Verlassene

Die Verlassene
Ich bin so voll von Liebe und bewegt
Von Winden wie ein Baum, der Blüten trägt.Die Pfirsichblüten schneien vom Geäst,
Es blüht mein Baum zum heiligen Frühlingsfest.

Nun steigt der kühle Herbstwind aus der Bucht.
Ich stehe kahl und trage keine Frucht.

Es regnet Asche. Meine Wange glüht.
Der Pfirsichbaum hat allzusehr geblüht.
Aus: Klabund - Chinesische Gedichte (Nachdichtungen)
Europäischer Buchklub, Stuttgart, Zürich, Salzburg, Treueband 1958, S. 15
(Sobald die Ausgabe des Phaidon Verlags vorliegt, mit Digitalisaten und Verweisen auf diese Ausgabe unter Klabund in ngiyaw eBooks' Gedicht Bibliothek)

Marie Eugenie Delle Grazie - »Y–a! Y–a!«

»Y–a! Y–a!« »Y–a! Y–a!« »Maledetto –
Willst du endlich?« doch er steht,
Trotzig weit die Beine spreizend,
Hoch die Nüstern aufgebläht. Schläge? Pah! sein täglich Futter –
Kaum noch fühlt sie Fleisch und Haut;
Aber eine Meinung hat er,
Und die sagt er Allen laut! Boshaft lacht das graue Auge,
Höhnisch zuckt das schiefe Maul –
Wund der Rücken – doch was thut es?
Ihm behagt's und – er ist faul! Stück für Stück rollt das Gemüse
Aus den Körben, die er trägt;
Schöne Waare – soll zu Markte –
Doch wie auch der Führer schlägt, Tobt und wüthet, rast und zetert –
Beppo steht, ein ganzer Held,
Schwitzt und blutet, weil's nun einmal,
Seiner Thorheit so gefällt; Weil die besten seinen Ahnen
Diesen Brauch auf ihn vererbt.
Fromme Esel-Überlief'rung,
Heilig, wenn auch oft gegerbt! Mitleidvolle Seelen aber
Sammeln sich im Kreis ringsum
Und beseufzen heut' wie immer
Blödsinn als Martyrium!
Marie Eugenie Delle Grazie - »Y–a! Y–a!«
Marie Eugenie Delle Grazie, Italische Vignetten, Verlag Breitkopf …

Ludwig Uhland - Auf ein Kind

Auf ein Kind


Aus der Bedrängniß, die mich wild umkettet,
Hab’ ich zu dir mich, süßes Kind! gerettet,
Damit ich Herz und Augen weide
An deiner Engelfreude,
An dieser Unschuld, dieser Morgenhelle,
An dieser ungetrübten Gottesquelle.
Ludwig Uhland, Auf ein Kind
Ludwig Uhland, Gedichte, Verlag Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1854, S. 13.
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Annette von Droste-Hülshoff - Der Knabe im Moor

Zum 212. Geburtstag von Annette von Droste-Hülshoff

Der Knabe im Moor O, schaurig ist's, übers Moor zu gehn,
Wenn es wimmelt vom Haiderauche,
Sich wie Phantome die Dünste drehn
Und die Ranke häkelt am Strauche,
Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,
Wenn aus der Spalte es zischt und singt –
O, schaurig ist's, übers Moor zu gehn,
Wenn das Röhricht knistert im Hauche!
Fest hält die Fibel das zitternde Kind
Und rennt, als ob man es jage;
Hohl über die Fläche sauset der Wind –
Was raschelt drüben am Hage?
Das ist der gespenstige Gräberknecht,
Der dem Meister die besten Torfe verzecht;
Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
Hinducket das Knäblein zage.
Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
Unheimlich nicket die Föhre,
Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
Durch Riesenhalme wie Speere;
Und wie es rieselt und knittert darin!
Das ist die unselige Spinnerin,
Das ist die gebannte Spinnlenor',
Die den Haspel dreht im Geröhre!
Voran, voran, nur immer im Lauf,
Voran, als woll' es ihn holen…

Charles Baudelaire - Die feile Muse

Die feile Muse O meine muse · reicher hallen frau ·
Entlässt der jänner seine ungeheuer
In trüber schneenacht: hast du dann ein feuer
Für deinen kleinen fuss vor kälte blau?
Du kannst nicht deine marmorschultern laben
Am nächtigen schein der durch die läden bricht
Und · leer die börse leer den gaumen · nicht
Nach gold in deinen azur-grotten graben.
Du musst um brot zu finden ohne lass
Als chorkind spielend mit dem weihrauchfass
Te-deum singen gegen deinen willen
Und gar zur schau dich stellen hungermatt ·
Mit scherzen an verdeckter thränen statt
Der niedren menge lachgelüste stillen.

Charles Baudelaire - Die feile Muse
Charles Baudelaire, Die Blumen des Bösen, Übersetzt von Stefan George, Bondi Verlag, Berlin, 1901, S. 24.
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Friedrich Schiller - Aktäon

Aktäon.
Wart! Deine Frau soll dich betrügen,
Ein andrer soll in ihren Armen liegen,
Und Hörner dir hervor zum Kopfe blühn!
Entsezlich! mich im Bad zu überraschen,
(Die Schande kann kein Aetherbad verwaschen,)
Und mir nichts, dir nichts – fortzufliehn.O. Friedrich Schiller, Aktäon
Anthologie auf das Jahr 1782, Herausgegeben von Friedrich Schiller, Verlag J. B. Metzler, Stuttgart, 1782, S. 100.
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