Donnerstag, 29. Januar 2009

Alice Berend - Der Ehe Bänkellied

Der Ehe Bänkellied.

Beim Sonntagskaffee reckte sich
Die Mutter und sprach feierlich
Zum Vater: »Höre, lieber Mann,
Dieweil du selbst nicht denkst daran,
So sage ich es klipp und klar,
Regine ist jetzt 20 Jahr,
Also!«

»Ach«, sprach der Vater weich und lind,
»Regine ist ja noch ein Kind,
Ich kann mich nicht dazu versteh'n,
Sie als erwachsen anzuseh'n!
Und dann« — jetzt sprach er wen'ger mild —
»Die Freier wachsen doch nicht wild,
Also!«

»Ich weiss, dass in der schlechten Welt
'ne Heirat täglich schwerer fällt,«
Erwiderte die Mutter drauf,
»Und gerade darum pass' ich auf.
Von Meyers ist der Sohn zurück,
Man sagt er hatte grosses Glück,
Also!

Du ladest ihn noch heute ein,
Dann lass es meine Sache sein;
Regine zieht das Weisse an
Und spielt ihre Sonate dann;
Zum Kuchen, den Regine bäckt,
Spendierst du eine Flasche Sekt,
Also!«

Der Vater ging — der Meyer kam,
Alles verlief nach dem Programm.
Regine in dem weissen Kleid
Schlug das Klavier geraume Zeit,
Und auch der Kuchen und der Sekt
Haben Herrn Meyer wohlgeschmeckt,
Also!

Man sah sich oftmals wieder dann,
Zu Hause und im Restaurant,
Traf zufällig sich überall,
In den Theatern, auf dem Ball;
Auch hörte Meyer nebenbei,
Wie klug und sparsam Gine sein,
Also!

Drum, eh’ zwei Wochen noch ins Land,
Warb Meyer um Regines Hand;
Sie sagte »ja« und wurde Braut,
Sie hatte alles längst durchschaut,
Er hatte ihr auch gleich gefallen,
Er war der nett'ste noch von allen,
Also!

So kam die feierliche Feier,
Bei der Regine ward Frau Meyer,
Wo man in Wehmut schluchzen sah
Und auch in Freude die Mama,
Wo man in Carmen meterlang,
Neckisch das junge Paar besang,
Also!

»Nur wie Meyer möcht' ich leben,
Schöner Liebespflicht ergeben!«
Sang berauscht im Kreise man,
Bis der schöne Tag verrann,
Und als der Mond am Himmel stand,
Das junge Ehepaar verschwand,
Also!

Aus: Die zehnte Muse, Dichtungen vom Brettl und fürs Brettl, herausgegeben von Maximilian Bern, Verlag Otto Eisner, Berlin, 12. Tsd. 1904, S. 360ff.

Mittwoch, 28. Januar 2009

Anna Maria Lenngren - Der Besuch der Gräfin

Der Besuch der Gräfin.

Behüte! so draussen wie drinnen welch' Leben!
Im Pfarrhof flog Teller und Tuch!
Die gnädige Gräfin liess melden soeben,
Sie komme zum Mittagsbesuch.

Frau Pfarrer hielt Rat mit der Tochter Luise;
Galt's doch, an so wichtigem Tag
Zu zeigen an Speisen, Gedeck und Service,
Was Küche und Keller vermag.

Abstäubte den Saal man, die Prachtkonterfeie
Der Vorfahr'n, altfränkisch und steif:
Hochwürd'ge mit Bibeln, Matronen voll Weihe,
Geschnürten Korsetts und im Reif.

Der Hausherr trug heut' seine schönste Perücke,
Frau Pfarrer ihr Seidengewand,
Luise vom besten — dass sie auch sich schmücke! —
Was nur in der Truhe sich fand.

Da endlich erschien an dem Gitter vor'm Hause
Die Grafin mitsamt der Komtess —
Der Pfarrer empfing sie im nobelsten Flause,
Devot zwar, voll Würde indes.

Vergnügten Gesichts knixten tief auf der Treppe
Frau Pfarrer und Tochter bereits,
Sich bückend, als wollten sie küssen die Schleppe
Des aristokratischen Kleids.

Den Saal nun betraten die vornehmen Gäste;
Der Pfarrer beschrieb voller Glut
Die Ehre, die man durch dies Fest aller Feste
Dem Haus zu erweisen geruht.

Drauf wurde die Herrschaft zur Tafel geleitet,
Die unter der Last brach — so schien's.
Herablassend hat sich die Gräfin verbreitet,
Zuviel sei es hier des Bemüh'ns.

Der Pfarrerin Kochkunst, wie lobte sie diese,
Das Essen in jeglichem Punkt,
Dann neckte sie taktlos, doch gnädig Luise
Mit des Hauses gelehrtem Adjunkt.

Die Finger Komtesschens, wie Schnee zum Erblinden,
Sie lösten vom Küchlein ein Stück
Des Flügels zur Spende dem Hündchen, Belinden —
Sie selbst wies fast alles zurück.

Die Gäste sah'n stehen den Hauspotentaten
(Mit Blicken sich sendend Rapport),
Wie, Schweiss auf der Stirn, er, das Messer im Braten,
Sich bückte bei jeglichem Wort

Dann reichte Frau Pfarrer mit herzlichem Nöt'gen
Die Schüsseln herum, die gehäuft,
Die rötlichen Erdbeeren, die leckeren Brötchen —
Der Segen des Herrn, wie er träuft!

Spritzkuchen und Pontac sind auch nicht zu tadeln:
So gab es hier manchen Genuss;
Die Herrschaft sass aber zuletzt wie auf Nadeln,
Doch da war der Mahlzeit Beschluss.

Auf Vaters Geheiss kam nun hastig gesprungen
Ein Rudel, tiefbräunlich und feist;
Drauf gnädig Gefrag' nach den Namen der Jungen —
Und Antworten tölpisch und dreist.

Frau Pfarrer, die Arme gekreuzt, ganz behäbig,
Sie rühmte in Tönen so weich
Der Tochter Talente, im Lobe freigebig,
Als käme Luisen nichts gleich.

Die mustert indes der Komtess Toilette,
Die Spitzen und Schleifen am Kleid,
Erwägend, wie gern sie die Herrlichkeit hätte,
Den Freundinnen allen zum Neid.

Zuletzt gab's Kaffee aus altmodischer Kanne
— Geschenk des Hochsel'gen! — Im Ton
Der Parentation hielt der Pfarrer dem Manne,
Dem trefflichen, einen Sermon.

Er pries ihn als Heros, wie Gott ihn nur schicke
Und man ihn nicht wieder hier trifft,
Vergass auch nicht, dass er die Rede brav spicke
Mit Stellen der heiligen Schrift.

Nachseufzte geziemend die Gräfin dem Toten,
Zog schnell aus der Tasche ihr Tuch,
Sprach gnädig davon, dass man viel ihr geboten, —
Und fort ging der hohe Besuch.

Geleit gab der Pfarrer der Herrschaft als Ritter,
Frau Pfarrer und Tochter jedoch,
Sie knixten am Thor, und sie knixten am Gitter
Und knixen und knixen wohl noch!

Aus: Die zehnte Muse, Dichtungen vom Brettl und fürs Brettl, herausgegeben von Maximilian Bern, Verlag Otto Eisner, Berlin, 12. Tsd. 1904, S. 208 ff.
Digitalisate 1, 2 & 3

Grevinnans besök
Bevars, vilket fläng både ute och innan!
Hos prästens vad stoj och vad stök!
Ett bud hade kommit, att nådig grevinnan
tänkt göra ett middagsbesök.

Pastorskan höll råd med sin dotter Lovisa
om ordning med dukning och fat.
Hon ville sitt kokvett vördsamligen visa
med ståtlig välfägnad och mat.

Nu dammades salen och gamla porträtter,
stamfädren förnämst däribland:
matronor med nattyg och snörda korsetter
och präster med biblar i hand.

Pastorskan påklädde sin långkoft av siden,
herr pastorn sin bästa peruk;
Lovisa sin dräkt, som den framfarna tiden
var årshelg kom endast i bruk.

Nu syntes grevinnan och fröken vid hagen,
herr pastorn till mötes dem gick
med ideligt jämk på kaftanen och kragen
i städat och prästerligt skick.

På trappan, med nigningar täta och djupa,
stod prästfrun så gladlynt i soln;
och dotter och mor foro ödmjukt framstupa
att kyssa den grevliga kjoln.

I salen det högborna främmandet trädde;
herr pastorn med bugning och krus
beskrev, hur man underdån-hjärtligt sig glädde
av äran, som skedde hans hus.

Det grevliga herrskapet fördes till bordet,
Guds gåvor det feltes ej där;
grevinnan så nedlåten nådigt tog ordet:
"Bevars, vad ni gjort er besvär!"

Pastorskans anrättning hon täcktes beprisa;
fann dillköttet läckert och ungt;
berömde ostkakan och brydde Lovisa
för husets vällärde adjunkt.

Och fröken, med fingrar som snön att förblinda,
en vinge av kycklingen bröt
och matade stundom sin sköna Belinda
och föga av rätterna njöt.

De förnäma gäster med blick på varannan
bemärkte herr pastorns gestalt
med kniven i steken och svetten i pannan
och trugning och bugning vid allt.

Pastorskan tog skålen med smultronen bräddad;
allt var så hjärtinnerligt unt,
var tallrik hon böd som en ättehög bäddad;
allt rikligt, tillräckligt och runt.

Med klenät och struvor och pontak och skålar
på tiden så länge drog ut.
Det grevliga herrskapet satt som på nålar;
men äntlig tog måltiden slut.

In kommo nu plantor, solbrända och feta,
framhavda av mor och av far. -
Och nådiga frågor, vad ungarna heta -
och tröga och tölpiga svar.

Pastorskan, så ärbar med korslagda nävar,
kom fram med en stämma så mjäll
med tal om Lovisa och sysslor och vävar -
och kors, vad den flickan var snäll!

Lovisa begapade frökens garnering
och bjäfset kring kjortel och barm
med spekulation på en dylik stoffering
till granngåls-mamsellernas harm.

Nu framböd hon kaffe ur kannan, som blänkte
i gammal siratlig fason,
och över herr greven, som fordom den skänkte,
höll pastorn en parentation.

Om stora bedrifter nu skar han i växten
med vältaligt krångel och bråk
och kryste förståndet och späckade texten
med Skriftenes heliga språk.

Med anständig suck för den saliga döda
grevinnan drog näsduken opp;
en artighet sade för prästfolkets möda,
böd avsked och tog sin salopp.

Och pastorn nu grevskapet följde till linden -
han sedsamma dotter och fru
nu nego vid trappan, vid porten, vid grinden,
och stå där och niga ännu.
Quelle: Schwedisch-sprachige Wikisource

Dienstag, 27. Januar 2009

Gertrud Pfander - Abwehr

Abwehr

»Halt du geheim die halberwachten Klänge!«
– Nicht doch, dem Geiste kann ich nicht gebieten. –
»Wart auf die Frucht und streue nicht die Blüten!«
– Als ob der Blüte nicht sich Duft entschwänge. –

»Gib nicht dein Allerheiligstes der Menge!«
– Gewiß, ich will's ihr unbefangen bieten. –
»So kannst du jungen Erstlingssang nicht hüten?«
– Nein, weil sich's dennoch jauchzend mir entränge. –

»Nach welchem Meister schließlich, die du trutzig
Im Liede hoffst die Welt zu überwinden,
Nach welcher Schule hast du denn geschrieben?« –

– Die Schule? ... Strenge Herrn .. ihr macht mich stutzig!
Wird nicht ein Lied den Weg zum Herzen finden,
Sobald ein Herz diktiert in Leid und Lieben? –

Aus: Helldunkel, Gedichte und Bekenntnisse von Gertrud Pfander, herausgegeben von Karl Henckell, Verlag A. Franke, Bern, 1908, S. 71.
Digitalisate 1

Montag, 26. Januar 2009

Gertrud Pfander - Nachtmar

Nachtmar.

Überm Wasser stößt ein Weih
Seinen unnennbaren Schrei.
Lange, bange Nacht! Ich fahre
Auf, mit schweißgestrecktem Haare.
Still! Es ist ja nur ein Weih.
Herz, was tust denn du dabei?

Überm See die Möve kreischt,
Die sich den Gefährten heischt.
Und sie sucht im Ätherstillen
Sich den Freund nach ihrem Willen.
Ruf, der menschenstimmig täuscht,
Wenn vom Stein die Möve kreischt.

Tief im schaumbespritzten Hag
Schlägt die Drossel letzten Schlag.
Dann ins kinderreiche Nestchen
Senkt sie sich auf schlankem Ästchen ...
Selig, Vogel, du im Hag ...
Großer Gott! Wann graut der Tag!

Aus: Helldunkel, Gedichte und Bekenntnisse von Gertrud Pfander, herausgegeben von Karl Henckell, Verlag A. Franke, Bern, 1908, S. 159.
Digitalisate 1

Samstag, 24. Januar 2009

Friedrich Daumer - Komm, falsche Dirne!

Komm, falsche Dirne!
Komm, falsche Dirne, lass dich küssen!
So falsch du bist, — du bist doch süss;
Dein Mund hat all an sich gerissen
Den Honig aus dem Paradies.

Ich herze dich, und sollte hassen;
Ich hasse dich, doch ach, wie mild!
Ich sollte dich auf ewig lassen,
Und fasse dich, so wild, so wild!

Und ist in alle diese Wonnen
Mein Leben und mein Geist getaucht —
Was mir dein Herz für Qual ersonnen,
Ist alles in den Wind gehaucht!

Aus: Die zehnte Muse, Dichtungen vom Brettl und fürs Brettl, herausgegeben von Maximilian Bern, Verlag Otto Eisner, Berlin, 12. Tsd. 1904, S. 96.
Digitalisate 1

Freitag, 23. Januar 2009

C. F. Weisse - Paris mit dem Apfel

Paris mit dem Apfel
und die drey Göttinnen
Pallas, Juno und Venus.

Pallas.

Komm, Jüngling, komm! suchst du Verstand:
Du findest ihn bey mir.
Gib diesen Apfel meiner Hand,
Ich gebe Weisheit dir.

Paris.

Mir Weisheit? - Weisheit lehrte mich
Stets klug, nie lustig seyn.
Behalte, was du hast, für dich;
Ich aber will mich freun.

Juno.

Zeus ist mein Mann; mein weites Reich
Geht über Erd' und Meer:
Zum König mach' ich dich sogleich,
Gib mir den Apfel her.

Paris.

Ist man denn als ein König froh?
Fürwahr! ich glaube, nein.
Nur als ein Hirte bin ich so,
Und will es länger seyn.

Venus.

Dich reizt nicht Weisheit, hohes Glück?
Was willst du, Herzchen? sprich!
Ist wohl ein Druck, ein süsser Blick
Und dieser Kuss für dich?

Paris.

O welch ein Kuss! o welch ein Blick!
Du bist nach meinem Sinn.
Das fehlte nur zu meinem Glück:
Da! nimm den Apfel hin.

Aus: C. F. Weisse, Kleine lyrische Gedichte, II.Theil, gedruckt bey F. A. Schrämbl, Wien, 1793, S. 11 f.
Digitalisate 1 & 2

Donnerstag, 22. Januar 2009

C. F. Weisse - An die Bücher

An die Bücher

Wie lieb' ich euch, die ihr in schönen Bänden
Mein buntes Bücherschränkchen schmückt,
Bey denen mir so lieblich untern Händen
Die lange Zeit schnell weiter rückt!
Hier find' ich Lust bey Unterricht:
Ich läs' euch, wär' es auch nicht Pflicht.

Ihr lehret mich, was nöthig ist, zu wissen;
Durch euch wird fremde Weisheit mein;
Ihr leuchtet mir in meinen Finsternissen,
Und ladet mich zur Wahrheit ein;
Ihr tragt mich in die Zukunft hin,
Und zeigt mir, was, warum ich bin.

Bald führt ihr mich zurück in graue Zeiten:
Da flieg' ich über Land und Seen,
Seh' Reiche hier entspringen, sich verbreiten,
Blühn, sinken, wieder untergehn;
Seh' Menschen, die vom Anfang an
Sich gleich in Gut und Bösem sahn.

Bald führt ihr mich in die geheimsten Gründe
Der wunderthätigen Natur;
In Stäubchen, wie in Welt und Sonnen finde
Ich eines weisen Schöpfers Spur;
Vom Wurm, den ich kaum sehen kann,
Steig' ich zur Gottheit selbst hinan.

Und les' ich euch, ihr Dichter ew'ger Lieder,
Die ihr so schön die Tugend singt,
Und Adlern gleich mit heiligem Gefieder
Euch von der Erd' am Himmel schwingt;
So öffnet sich mein Herz und Ohr,
Und ihr hebt mich mit euch empor.

Ja, Bücher, ihr sollt meine Freunde bleiben,
Gesellschaft mir und Spielwerk seyn,
Die lange Zeit mir ohne Reu vertreiben,
Und mir Geschmack und Licht verleihn!
Wie dank' ich dem, der euern Werth,
Und euch zu brauchen, mich gelehrt!

(nach der Ausgabe von 1772 die C. F. Weisse als vollendetste und letzte bezeichnete)

Aus: C. F. Weisse, Kleine lyrische Gedichte, III.Theil, gedruckt bey F. A. Schrämbl, Wien, 1793, S. 146 ff.
Digitalisat 1, 2 & 3

Mittwoch, 21. Januar 2009

Ludwig Jacobowski - 141. Geburtstag

Stammbaum

Die Mutter hatte ungezähmtes Blut,
Im fremden Arm gebar sich neu die Glut.
Dann lief sie fort, um ihr verruchtes Leben
Dem nächsten Dritten lachend hinzugeben.

Die Tochter gleicht der Mutter akkurat;
Die Augen rollt sie wie ein Wagenrad;
Indes die Händchen meine Hände drücken,
Umwirbt sie schon den Nachbarn mit den Blicken.

Ihr Kind ist wieder wie die Großmama,
Im Lachen kommt es mehr der Mutter nah.
Mir thut es weh, wenn ich dies Lachen höre:
Ich fühl' die Evaseele der Hetäre.

Aus: Ludwig Jacobowski, Leuchtende Tage, Neue Gedichte, J.C.C. Bruns Verlag, Minden in Westf., 2. Aufl. 1901, S. 73.
Digitalisat

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Montag, 19. Januar 2009

Gabriele von Baumberg - Das liebende Mädchen


Das liebende Mädchen

Jüngling, wenn ich dich von fern erblicke,
Wird vor Sehnsucht mir das Auge nass:
Nahst du dich, so hält es mich zurücke
Wie mit Fesseln – und ich weiss nicht, Was?

Fern von dir hab' ich so viel zu klagen,
Und dir gegenüber sitz' ich stumm,
Kann dir nicht ein Sterbens-Wörtchen sagen,
Stammle nur, - und weiss doch nicht, Warum?

Stundenlang häng' ich an deinem Blicke:
Aber wenn der deinige mich so
Ueberrascht, fährt meiner scheu zurücke,
Will sich bergen, - ach! und weiss nicht, Wo?

Seh' ich dich mit andern Mädchen spassen;
O, dann möcht' ich arme Schwärmerinn
Meine Vaterstadt, mein Land verlassen,
Möchte fliehn, - und weiss doch nicht, Wohin?

Einsam lass' ich, statt mich zu zerstreuen,
Meinen Thränen ungestörten Lauf,
Wiege mich in süssen Träumereyen,
Freue mich, - und weiss doch nicht, Worauf?

Denke mir das höchste Glück auf Erden,
Das ein Mädchen sich nur wünschen kann,
Hoffe, dass sie einmal kommen werden
Diese Freuden, - ach, und weiss nicht, Wann?

Denke von zwey gleich gestimmten Seelen
Mir die schönste, reinste Harmonie,
Möchte dich aus einer Welt erwählen,
Theurer Jüngling! – ach, und weiss nicht, Wie?


Gabriele von Baumberg - Das liebende Mädchen
aus: Sämtliche Gedichte Gabrielens von Baumberg, gedruckt bey Joh. Thom. Edl. v. Trattern, Wien, 1800, S. 32 f.

Digitalisate 1 & 2

Edgar Allan Poe - 200. Geburtstag


Annabel Lee
Es ist lange her, da lebte am Meer,
Ich sag’ euch nicht wo und wie –
Ein Mägdelein zart, von seltener Art,
Mit Namen Annabel Lee.
Und das Mägdelein lebte für mich allein,
Und ich lebte allein für sie.
Ich war ein Kind und sie war ein Kind,
Meine süße Annabel Lee,
Doch eine Liebe, so groß, so grenzenlos
Wie die unsere gab es nie.
Wir liebten uns so, daß die Engel darob
Beneideten mich und sie.
Da kam eines Tags aus den Wolken stracks
Ein Ungewitter und spie
Seinen Geifer aus, einen Höllengraus,
Und traf meine Annabel Lee.
Und es kam ein hochgeborener Lord,
Der Knochenmann, und holte sie fort,
Fort, fort von mir und sperrte sie
In ein Grab, meine Annabel Lee.
Ja, neidisch war die geflügelte Schaar
Im Himmel auf mich und sie,
Und dies war der Grund, daß der Höllenmund
Des Sturms Verderben spie,
Bis daß sie erstarrt
Und der Tod sie verscharrt,
Meine süße Annabel Lee.
Doch eine Liebe so groß, so grenzenlos
Wie die unsere gab es nie,
So liebten Aeltere nie,
So liebten Weisere nie,
Und wären die Engel auch noch so scheel,
Sie trennten doch nicht meine Seel’ von der Seel’
Der lieblichen Annabel Lee.
Wenn die Sterne aufgehn, so kann ich drin sehn
Die Aeuglein der Annabel Lee,
Und noch jegliche Nacht hat mir Träume gebracht
Von der lieblichen Annabel Lee.
So ruh’ ich denn bis der Morgen graut
Allnächtlich bei meinem Liebchen traut
In des schäumenden Grabes Näh’
An der See, an der brausenden See. –
Übertragen von Hedwig Lachmann
Digitalisate 1, 2 & 3

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It was many and many a year ago,
In a kingdom by the sea
That a maiden there lived whom you may know
By the name of ANNABEL LEE;
And this maiden she lived with no other thought
Than to love and be loved by me.
I was a child and she was a child,
In this kingdom by the sea.
But we loved with a love that was more than love –
I and my ANNABEL LEE –
With a love that the wingëd seraphs of heaven
Coveted her and me.
And this was the reason that, long ago,
In this kingdom by the sea,
A wind blew out of a cloud, chilling
My beautiful ANNABEL LEE;
So that her highborn kinsmen came
And bore her away from me,
To shut her up in a sepulchre
In this kingdom by the sea.
The angels, not half so happy in heaven,
Went envying her and me –
Yes! – that was the reason (as all men know,
In this kingdom by the sea)
That the wind came out of the cloud by night,
Chilling and killing my ANNABEL LEE.
But our love it was stronger by far than the love
Of those who were older than we –
Of many far wiser than we –
And neither the angels in heaven above,
Nor the demons down under the sea,
Can ever dissever my soul from the soul
Of the beautiful ANNABEL LEE:
For the moon never beams, without bringing me dreams
Of the beautiful ANNABEL LEE;
And the stars never rise but I feel the bright eyes
Of the beautiful ANNABEL LEE,
And so, all the night-tide, I lie down by the side
Of my darling – my darling – my life and my bride,
In her sepulchre there by the sea –
In her tomb by the sounding sea.

Freitag, 16. Januar 2009

Elly Gregor - Zuversicht


Zuversicht



Nun komme, was da kommen mag,
Ich fürchte keinen Schicksalsschlag,
Es bleibt das Glück, das in mir lebt,
Wenn längst dein Geist ins All entschwebt.


Die Hand, die zärtlich ich gepresst,
Hält mich für alle Zukunft fest,
Und deine Seele, schön und gross,
Lass ich in Ewigkeit nicht los.


Wie lieb ich nun das Leben hab,
Seit es mir dich zu eigen gab,
Doch Sterben auch dünkt mich nicht schwer,
Für uns giebts keine Trennung mehr!


Elly Gregor - Zuversicht
aus: Dresdner Dichterbuch, Herausgegeben von Dr. Kurt Warmuth, Verlag von Wilhelm Baensch, Dresden, 1903, S. 38
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Johannes Gillhoff - 79. Todestag

Johannes Gillhoff - Das Mecklenburgische Volksrätsel

Da war mal eine kleine Linde,
da war ein kleiner Wurm zu finden;
der Wurm kroch mit aller Macht
acht Ellen hoch in jeder Nacht,
und alle Tage kroch er wieder
vier Ellen hernieder.
Zwölf Nächte trieb er dieses Spiel,
bis er endlich aus der Spitze fiel;
er fiel in eine Wasserpfütz',
da kühlt er seine große Hitz'.
Das muss ein kluger Rechner sein, -
wie hoch mag wohl die Linde sein?

(Lösung in ein paar Tagen)


Johannes Heinrich Carl Christian Gillhoff (14. Mai 1861, Glaisin - 16. Januar 1930, Parchim), Sohn von Gottlieb Gillhoff und Helmine, geb. Martens, war ein deutscher Schriftsteller.
Nach dem Abschluss der Präparandenanstalt im Jahre 1876, arbeitete Johannes Gillhoff, genau wie sein Vater, als Lehrer in Tewswoos, Spornitz und Parchim. 1881 absolvierte er das Lehrerseminar in Neukloster und 1896 das Lehrerexamen in Schwerin. Schließlich legte er 1899 die Rektoratsprüfung ab und lehrte in Merseburg, Erfurt, Halberstadt und Genthin.
Neben seiner Lehrertätigkeit unternahm Johannes Gillhoff Reisen durch Deutschland, die Schweiz, Italien, Norwegen und Dänemark und begann 1888 mit der Sammlung umgangssprachlicher Wendungen. Etwa 4000 niederdeutsche Ausdrücke, Redensarten und Sprichwörter trug er innerhalb eines Jahres zusammen und publizierte sie in einem Parchimer Schulbericht. Vier Jahre zuvor hatte der Lehrer Richard Wossidlo, der später zum bekanntesten Volkskundler Mecklenburgs wurde, in Waren mit Gleichem begonnen. Zwischen Gillhoff und Wossidlo entstand ein reger Kontakt, den Gillhoff aber abbrach, als Wossidlo ihn um Überlassung seiner Sammlungen bat. Gillhoff veröffentlichte dann seine Ergebnisse erstmals 1892 in den „Mecklenburgischen Volksrätseln“. Das Buch vereint 931 Rätsel plus Varianten, die Gillhoff in Themenbereiche aufgliederte. 1897 erschien dann Wossidlos Rätselsammlung, in dessen Folge Gillhoffs Buch unverdient in Vergessenheit geriet. Es mag eine Ironie des Schicksals sein, aber es waren gerade die Rätsel, die den Werdegang beider Forscher so entscheidend beeinflussten. Richard Wossidlo wurde durch seine Rätsel in der internationalen Fachwelt bekannt und beackerte von nun an um so intensiver das Feld der mecklenburgischen Volkskunde, während sich Gillhoff mehr und mehr, am Ende höchst erfolgreich, der Literatur zuwandte. 1917 veröffentlichte er seinen Briefroman „Jürnjakob Swehn, der Amerikafahrer“, der das Schicksal mecklenburgischer Auswanderer in Amerika behandelt. In den Jahren 1925 bis 1930 gab Gillhoff die „Mecklenburgischen Monatshefte“ heraus. 1924 trat Johannes Gillhoff in den Ruhestand und verstarb im Alter von 68 Jahren am 16. Januar 1930 in Parchim.
(Quelle: wikipedia)



Johannes Gillhoffs Hauptwerk: Jürnjakob Swehn, der Amerikafahrer zu finden bei GutenbergDE

Mittwoch, 14. Januar 2009

Mei-scheng - Der zarte Vogel

Der zarte Vogel
Am Ufer, hinter Weiden, blüht ein Haus.
Ein zartes Mädchen sieht zur Tür hinaus.

An der Voliere steht der Mandarin.
Ein zarter Vogel singt und hüpft darin.

Verschließ den Käfig! Hüte gut das Haus!
Sonst fliegt der Vogel in den Wald hinaus!


Aus: Klabund - Chinesische Gedichte (Nachdichtungen)
Europäischer Buchklub, Stuttgart, Zürich, Salzburg, Treueband 1958, S. 28

Ein Mädchen aus Mo-ling - Die Verlassene


Die Verlassene

Ich bin so voll von Liebe und bewegt
Von Winden wie ein Baum, der Blüten trägt.
Die Pfirsichblüten schneien vom Geäst,
Es blüht mein Baum zum heiligen Frühlingsfest.

Nun steigt der kühle Herbstwind aus der Bucht.
Ich stehe kahl und trage keine Frucht.

Es regnet Asche. Meine Wange glüht.
Der Pfirsichbaum hat allzusehr geblüht.


Aus: Klabund - Chinesische Gedichte (Nachdichtungen)
Europäischer Buchklub, Stuttgart, Zürich, Salzburg, Treueband 1958, S. 15
(Sobald die Ausgabe des Phaidon Verlags vorliegt, mit Digitalisaten und Verweisen auf diese Ausgabe unter Klabund in ngiyaw eBooks' Gedicht Bibliothek)

Dienstag, 13. Januar 2009

Marie Eugenie Delle Grazie - »Y–a! Y–a!«

»Y–a! Ya!«
»Y–a! Y–a!« »Maledetto –
Willst du endlich?« doch er steht,
Trotzig weit die Beine spreizend,
Hoch die Nüstern aufgebläht.
Schläge? Pah! sein täglich Futter –
Kaum noch fühlt sie Fleisch und Haut;
Aber eine Meinung hat er,
Und die sagt er Allen laut!
Boshaft lacht das graue Auge,
Höhnisch zuckt das schiefe Maul –
Wund der Rücken – doch was thut es?
Ihm behagt's und – er ist faul!
Stück für Stück rollt das Gemüse
Aus den Körben, die er trägt;
Schöne Waare – soll zu Markte –
Doch wie auch der Führer schlägt,
Tobt und wüthet, rast und zetert –
Beppo steht, ein ganzer Held,
Schwitzt und blutet, weil's nun einmal,
Seiner Thorheit so gefällt;
Weil die besten seinen Ahnen
Diesen Brauch auf ihn vererbt.
Fromme Esel-Überlief'rung,
Heilig, wenn auch oft gegerbt!
Mitleidvolle Seelen aber
Sammeln sich im Kreis ringsum
Und beseufzen heut' wie immer
Blödsinn als Martyrium!


Marie Eugenie Delle Grazie - »Y–a! Ya!«
Marie Eugenie Delle Grazie, Italische Vignetten, Verlag Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892, S. 25 f.
Zum Digitalisat 1 & 2

Sonntag, 11. Januar 2009

Ludwig Uhland - Auf ein Kind

Auf ein Kind


Aus der Bedrängniß, die mich wild umkettet,
Hab’ ich zu dir mich, süßes Kind! gerettet,
Damit ich Herz und Augen weide
An deiner Engelfreude,
An dieser Unschuld, dieser Morgenhelle,
An dieser ungetrübten Gottesquelle.


Ludwig Uhland, Auf ein Kind
Ludwig Uhland, Gedichte, Verlag Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1854, S. 13.
Zum Digitalisat

Samstag, 10. Januar 2009

Annette von Droste-Hülshoff - Der Knabe im Moor

Zum 212. Geburtstag von Annette von Droste-Hülshoff


Der Knabe im Moor
O, schaurig ist's, übers Moor zu gehn,
Wenn es wimmelt vom Haiderauche,
Sich wie Phantome die Dünste drehn
Und die Ranke häkelt am Strauche,
Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,
Wenn aus der Spalte es zischt und singt –
O, schaurig ist's, übers Moor zu gehn,
Wenn das Röhricht knistert im Hauche!
Fest hält die Fibel das zitternde Kind
Und rennt, als ob man es jage;
Hohl über die Fläche sauset der Wind –
Was raschelt drüben am Hage?
Das ist der gespenstige Gräberknecht,
Der dem Meister die besten Torfe verzecht;
Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
Hinducket das Knäblein zage.
Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
Unheimlich nicket die Föhre,
Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
Durch Riesenhalme wie Speere;
Und wie es rieselt und knittert darin!
Das ist die unselige Spinnerin,
Das ist die gebannte Spinnlenor',
Die den Haspel dreht im Geröhre!
Voran, voran, nur immer im Lauf,
Voran, als woll' es ihn holen;
Vor seinem Fuße brodelt es auf,
Es pfeift ihm unter den Sohlen
Wie eine gespenstige Melodei;
Das ist der Geigenmann ungetreu,
Das ist der diebische Fiedler Knauf,
Der den Hochzeitheller gestohlen!
Da birst das Moor, ein Seufzer geht
Hervor aus der klaffenden Höhle;
Weh, weh, da ruft die verdammte Margret:
»Ho, ho, meine arme Seele!«
Der Knabe springt wie ein wundes Reh,
Wär' nicht Schutzengel in seiner Näh',
Seine bleichenden Knöchelchen fände spät
Ein Gräber im Moorgeschwehle.

Da mählich gründet der Boden sich,
Und drüben, neben der Weide,
Die Lampe flimmert so heimathlich,
Der Knabe steht an der Scheide.
Tief athmet er auf, zum Moor zurück
Noch immer wirft er den scheuen Blick:
Ja, im Geröhre war's fürchterlich,
O, schaurig war's in der Haide!






Annette von Droste-Hülshoff, Der Knabe im Moor
Annette von Droste-Hülshoff, Gesammelte Schriften , Band 1, herausgegeben von Levin Schücking, Verlag J. G. Cotta'sche Buchhandlung, Stuttgart, 1879, S. 115 f.
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Freitag, 9. Januar 2009

Charles Baudelaire - Die feile Muse

Die feile Muse
O meine muse · reicher hallen frau ·
Entlässt der jänner seine ungeheuer
In trüber schneenacht: hast du dann ein feuer
Für deinen kleinen fuss vor kälte blau?
Du kannst nicht deine marmorschultern laben
Am nächtigen schein der durch die läden bricht
Und · leer die börse leer den gaumen · nicht
Nach gold in deinen azur-grotten graben.
Du musst um brot zu finden ohne lass
Als chorkind spielend mit dem weihrauchfass
Te-deum singen gegen deinen willen
Und gar zur schau dich stellen hungermatt ·
Mit scherzen an verdeckter thränen statt
Der niedren menge lachgelüste stillen.



Charles Baudelaire - Die feile Muse
Charles Baudelaire, Die Blumen des Bösen, Übersetzt von Stefan George, Bondi Verlag, Berlin, 1901, S. 24.

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Donnerstag, 8. Januar 2009

Friedrich Schiller - Aktäon

Aktäon.

Wart! Deine Frau soll dich betrügen,
Ein andrer soll in ihren Armen liegen,
Und Hörner dir hervor zum Kopfe blühn!
Entsezlich! mich im Bad zu überraschen,
(Die Schande kann kein Aetherbad verwaschen,)
Und mir nichts, dir nichts – fortzufliehn.
O.

Friedrich Schiller, Aktäon
Anthologie auf das Jahr 1782, Herausgegeben von Friedrich Schiller, Verlag J. B. Metzler, Stuttgart, 1782, S. 100.
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Wilhelm von Chézy - Das Räthsel der schönen Unbekannten

Wilhelm von Chézy - Das Räthsel der schönen Unbekannten. Ein holdes Räthsel soll ich lösen, Und schon ist mir die Deutung klar, Ich weiß...