C. F. Weisse - Paris mit dem Apfel

Paris mit dem Apfel
und die drey Göttinnen
Pallas, Juno und Venus.

Pallas.

Komm, Jüngling, komm! suchst du Verstand:
Du findest ihn bey mir.
Gib diesen Apfel meiner Hand,
Ich gebe Weisheit dir.

Paris.

Mir Weisheit? - Weisheit lehrte mich
Stets klug, nie lustig seyn.
Behalte, was du hast, für dich;
Ich aber will mich freun.

Juno.

Zeus ist mein Mann; mein weites Reich
Geht über Erd' und Meer:
Zum König mach' ich dich sogleich,
Gib mir den Apfel her.

Paris.

Ist man denn als ein König froh?
Fürwahr! ich glaube, nein.
Nur als ein Hirte bin ich so,
Und will es länger seyn.

Venus.

Dich reizt nicht Weisheit, hohes Glück?
Was willst du, Herzchen? sprich!
Ist wohl ein Druck, ein süsser Blick
Und dieser Kuss für dich?

Paris.

O welch ein Kuss! o welch ein Blick!
Du bist nach meinem Sinn.
Das fehlte nur zu meinem Glück:
Da! nimm den Apfel hin.

Aus: C. F. Weisse, Kleine lyrische Gedichte, II.Theil, gedruckt bey F. A. Schrämbl, Wien, 1793, S. 11 f.
Digitalisate 1 & 2

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