Friedrich Daumer - Komm, falsche Dirne!

Komm, falsche Dirne!
Komm, falsche Dirne, lass dich küssen!
So falsch du bist, — du bist doch süss;
Dein Mund hat all an sich gerissen
Den Honig aus dem Paradies.

Ich herze dich, und sollte hassen;
Ich hasse dich, doch ach, wie mild!
Ich sollte dich auf ewig lassen,
Und fasse dich, so wild, so wild!

Und ist in alle diese Wonnen
Mein Leben und mein Geist getaucht —
Was mir dein Herz für Qual ersonnen,
Ist alles in den Wind gehaucht!

Aus: Die zehnte Muse, Dichtungen vom Brettl und fürs Brettl, herausgegeben von Maximilian Bern, Verlag Otto Eisner, Berlin, 12. Tsd. 1904, S. 96.
Digitalisate 1

Beliebte Posts aus diesem Blog

Ludwig Thoma - Sexuelle Aufklärung

Albert Möser - An den Tod

Claire Morgenstern - Mich treibtʼs zu suchen