Sonntag, 22. Februar 2009

Francis Jammes - Amsterdam


Francis Jammes - Amsterdam

Die Häuser, spitz gegiebelt, scheinen sich zu neigen,
Ah wollten sie fallen. Masten vieler Schiffe, die dem Grau des Himmels sich vermischen,
Lehnen vornäher wie Gestrüpp von dürren Zweigen
Inmitten von grünem Laub, von Rot und rostigem Braun,
Von Kohlen, Widderfellen und gesalznen Fischen.

Robinson Crusoe hat einst durch Amsterdam den Weg genommen
(So glaub ich wenigstens), da er von seiner grünen,
Schattigen Insel, wo die frischen Kokosnüsse blühten, heimgekommen.
Wie schlug das Herz ihm, da er plötzlich vor sich nah
Die mächtigen Türen mit den schweren Bronzeklöppeln sah! ...

Schaute er voll Neugier in die Halbgeschosse, wo in Reihen
Die Schreiber sitzen, in ihr Rechnungsbuch versenkt?
Kam ihn die Sehnsucht an, zu weinen, da er an den Papageien
Dachte, den er so liebte, und den schweren Sonnenschirm,
Der auf der traurigen und gnadenreichen Insel oft ihm Schutz geschenkt?

Ach, deine Wege, Herr, so rief er aus, sind wunderbar!
Da all die Kisten mit den Tulpenmustern auf den Gassen
Sich vor ihm stauten. Doch sein Herz vom Glück der Wiederkehr beschwert,
Dachte der Ziege, die im Weinberg seiner Insel er allein zurückgelassen.
Und die vielleicht nun schon gestorben war.

Dies alles fiel mir ein vor den ungeheuren Frachten im Hafen,
Und ich sah im Geist die alten Juden, die an schwere Eisenwagen
Mit knochigen Fingern rühren, über denen grüne Ringe glänzen.
O sieh! Amsterdam will unter weißen Wimpern von Schnee entschlafen
In den Geruch von Nebel und von bitterer Kohle eingeschlagen.

Die gewölbten weißen Buden, wo zur Nacht die Lampe glimmt,
Und aus denen man den Ruf und das Pfeifen der schweren Frauen vernimmt,
Hingen gestern im Abend wie Früchte, wie große Kürbisschalen
Man sah Plakate blau und rot und grün im Licht aufstrahlen.
Von gezuckertem Bier ein scharf prickelnder Duft
Lag mir auf der Zunge und war mir ins Gesicht gestiegen.

Und in den Judenvierteln, die rings voller Abfälle liegen,
Stand der Geruch von kalten rohen Fischen.
Auf dem klitschigen Pflaster lagen Orangenschalen umhergezerrt.
Ein aufgedunsener Kopf hielt weite Augen aufgesperrt.
Ein Arm, der Reden hielt, schwang Zwiebeln in der Luft.
Rebekka, du verkauftest an den schmalen Tischen
Schwitzendes Zuckerzeug, armselig hergerichtet ...

Der Himmel strömte wie ein unsichtbares Meer
Wolken von Wellen in die starrenden Kanäle.
Stille lag auf der Handelsstadt und stieg, ein unsichtbarer Rauch,
Feierlich von den starken, hohen Dächern her
Und Indien trat beim Anblick dieser Häuser reihn vor meine Seele.

Oh, und ich träumte, daß ich so ein Handelsherr einst war.
Von denen, die am Amsterdam in jenen Tagen
Gen China segelten und vor ihrem Gehn
Die Hut des Hauses einem treuen Diener aufgetragen.
Ganz so wie Robinson hätt’ ich vor dem Notar
Die Vollmachtschrift umständlich mit der Unterschrift versehn.

Meine strenge Rechtlichkeit hätt’ meinen Reichtum aufgebaut.
Mein Handel hätte geblüht so wie im Mondenschein
Ein Lichtstrahl, der am Schnabel meines runden Schiffes säße.
Die großen Herrn von Bombay gingen bei mir aus und ein
Und hätten mit heißem Blick auf mein kräftig schönes Weib geschaut.

Ein Mohr mit goldnen Ringen, vom Mogul entsandt,
Käme zu handeln, lächelnd unter seinem Sonnenschirm!
Bei seinen wilden Geschichten hätte meiner schlanken Ältesten Herz gebebt,
Und zum Abschied hatte er ihr ein Gewand
Geschenkt, rubinenfarben, von Sklavenhänden gewebt.

Die Bilder meiner Lieben hätt’ ich dann nachher
Bei einem armen, geschickten Maler bestellt:
Mein Weib, mit hellen, rosigen Wangen, schön und schwer,
Die Söhne, deren starke Jugend alle Welt
Entzückte und der Töchter Anmut, mannigfalt und rein.

Und also wär’ ich heute, statt ich selbst zu sein,
Ein andrer und auf meinen Reisen im Vorübergehn
Hätt’ ich mir wohl das altehrwürdige Haus besehn,
Und meine Seele hätte träumend gebebt
Vor den schlichten Worten: Hier hat Francis Jammes gelebt.

Aus: Das Bunte Buch, Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1914, S. 42 ff.
Digitalisate 1, 2, 3 & 4
Übertragung: Ernst Stadler

Dienstag, 17. Februar 2009

Salomon Hermann Mosenthal (132. Todestag) - Die Sclavin


Die Sclavin.
Wie? zu den Mimosenhecken
Flüchten willst Du Dich mit mir?
Warum willst Du Dich verstecken?
Niemand sieht uns als die Sonne,
Und die ist so heiß wie wir.

In die braune haide nieder
— Sieh’ das Brautbett schwellend blüh’n, —
Strecke Deine schlanken Glieder,
Und das Haupt, das pantherschwarze,
Laß es ruh’n auf meinen Knien.

Ha, bei Deinen schwarzen Mähnen
Fass’ ich Dich, Du brauner Leu,
Fasse Dich mit meinen Zähnen;
Schön bist Du, wie nie ein Weißer,
Weiß ist falsch und braun ist treu!

Weiß die Well’n, die trüglich glatten,
Braun die Erde, die uns trägt,
Weiß die Sonne, braun der Schatten,
Braun die Rechte, die mir schmeichelt,
Weiß die Rechte, die mich schlägt.

Spähest Du? Sei ohne Sorgen,
Unser Hüther pflegt die Ruh’,
Auch die Heerde ruht geborgen,
Und die schwere Mittagsschwüle
Drückt der Welt die Augen zu.

Gib und nimm und theil’ im Bunde
Unseres Lebens süßen Kern!
Eine selige Sekunde
Für ein ganzes Sclavenleben!
— Ach, und doch lebt sich’s so gern!

Aus: S. H.Mosenthal, Gesammelte Gedichte, Verlag Carl Gerold's Sohn, Wien, 1866, S. 186f.
Digitalisate 1 & 2
Abbildung: Otto Pilny - Tanzende Sklavin

Donnerstag, 12. Februar 2009

Theodor Storm - Von Katzen


Von Katzen.

Vergangenen Maitag brachte meine Katze
Zur Welt sechs allerliebste kleine Kätzchen,
Maikätzchen, alle weiß mit schwarzen Schwänzchen.
Fürwahr, es war ein zierlich Wochenbettchen!
Die Köchin aber – Köchinnen sind grausam,
Und Menschlichkeit wächst nicht in einer Küche –
Die wollte von den Sechsen fünf ertränken,
Fünf weiße, schwarzgeschwänzte Maienkätzchen
Ermorden wollte dies verruchte Weib.
Ich half ihr heim! – der Himmel segne
Mir meine Menschlichkeit! Die lieben Kätzchen,
Sie wuchsen auf und schritten binnen Kurzem
Erhob’nen Schwanzes über Hof und Heerd;
Ja, wie die Köchin auch ingrimmig drein sah,
Sie wuchsen auf, und Nachts vor ihrem Fenster
Probirten sie die allerliebsten Stimmchen.
Ich aber, wie ich sie so wachsen sahe,
Ich pries mich selbst und meine Menschlichkeit. –
Ein Jahr ist um, und Katzen sind die Kätzchen,
Und Maitag ist’s! – Wie soll ich es beschreiben,
Das Schauspiel, das sich jetzt vor mir entfaltet!
Mein ganzes Haus, vom Keller bis zum Giebel,
Ein jeder Winkel ist ein Wochenbettchen!
Hier liegt das eine, dort das andre Kätzchen
In Schränken, Körben, unter Tisch und Treppen,
Die Alte gar – nein, es ist unaussprechlich,
Liegt in der Köchin jungfräulichem Bette!
Und jede, jede von den sieben Katzen
Hat sieben, denkt euch! sieben junge Kätzchen,
Maikätzchen, alle weiß mit schwarzen Schwänzchen!
Die Köchin ras’t, ich kann der blinden Wuth
Nicht Schranken setzen dieses Frauenzimmers;
Ersäufen will sie alle neun und vierzig!
Mir selber! ach, mir läuft der Kopf davon –
O Menschlichkeit, wie soll ich dich bewahren!
Was fang’ ich an mit sechs und fünfzig Katzen! –

Aus: Theodor Storm, Gedichte, Verlag von Gebrüder Paetel, Berlin, 81889, S. 71 f.
Digitalisate 1 & 2
Abbildung: Franz Marc - Zwei Katzen

Mittwoch, 11. Februar 2009

Heinrich Heine - Ich rief den Teufel und er kam.

Ich rief den Teufel und er kam

Ich rief den Teufel und er kam,
Und ich sah ihn mit Verwund’rung an.
Er ist nicht häßlich, und ist nicht lahm,
Er ist ein lieber, scharmanter Mann,
Ein Mann in seinen besten Jahren,
Verbindlich und höflich und welterfahren.
Er ist ein gescheuter Diplomat,
Und spricht recht schön über Kirch’ und Staat.
Blaß ist er etwas, doch ist es kein Wunder,
Sanskritt und Hegel studiert er jetzunder.
Sein Lieblingspoet ist noch immer Fouqué.
Doch will er nicht mehr mit Kritik sich befassen,
Die hat er jetzt gänzlich überlassen
Der theuren Großmutter Hekate.
Er lobte mein juristisches Streben,
Hat früher sich auch damit abgegeben.
Er sagte meine Freundschaft sey
Ihm nicht zu theuer, und nickte dabei,
Und frug: ob wir uns früher nicht
Schon einmal gesehn bei’m span’schen Gesandten?
Und als ich recht besah sein Gesicht,
Fand ich in ihm einen alten Bekannten.

Aus: Heinrich Heine, Buch der Lieder, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 1827, S. 211
Digitalisate 1

Montag, 9. Februar 2009

Frieda Port - Der Komet


Der Komet

In einem Buch der Sternenkunde las ich ernst
Und doch beglückt, erhoben, wie man stets hinaus
Aus dieser Erde, unsrer kleinen Heimath blickt;
Und weil ich keinen mächtigen Kometen sah,
So weit zurück ich denke, freute sich mein Herz,
Erregt im voraus, jenes nicht zu fernen Jahrs,
Da solchen Anblick wieder uns der Himmel beut.
Wie lang’ ich warten müsse, rechnet’ ich mir aus
Und wünschte mir die Jahre schneller, wie man sonst
Ein schönes Fest sehnsüchtig näher rücken will.
Wie aber wird’s in jenen Tagen um mich stehn?
So mußt’ ich plötzlich fragend in mich gehn, wie wird
Mein Vaterland, wie wird der ganze Welttheil sich
Bis dorthin denn gestaltet haben? wie viel Zeit
Gewaltiges zu stürzen, Niedres zu erhöhn,
Ganz Neues zu erschaffen – zwischen heut und dann!
Und dieser kleinen Erdenheimath Stürme, ja
Geringeres – wie heftig kann ein Menschenherz
Davon erschüttert werden und verarmt, zerstört!
Ein neu Jahrhundert – über solche Schwelle wird
Mein Fuß noch gehn, bevor ich den Kometen sah?
Doch wer im Weltall lesend sich der Sterne Bahn
Begonnen und vollendet denkt, wie schreckte Den,
Was jenen Stern in seinem Lauf nicht hemmen wird!

Aus: Frieda Port, Gedichte, Verlag von Wilhelm Hertz, Berlin, 1888, S. 72
Digitalisate 1

Sonntag, 8. Februar 2009

Ada Negri - Seid gegrüßt

Seid gegrüßt.

Der Kämpfer denk’ ich, die in Händen tapfer
Die Schaufel halten, trotzend Gluth und Sturmguß,
Abringend den gequälten, dürren Schollen
Ein elend Brotstück.

Der Kämpfer denk’ ich, die im finstern Schachtgrund
Die Haue führen mit den magern Fäusten,
Die keuchend in dem schwarzverruchten Schatten
Ruhlos sich abmühn.

Ein heimlich Sausen schleicht da – das erschüttert
Mit niederstürzendem Gekrach die Wölbung,
Und Staub ist Alles, Finsterniß und langes
Geseufz des Todes ...

Doch den zerfetzten Schooß des großen Berges
Siegreich der Dampf zerspaltet und durchschreitet.
Ihn grüßt am Ausgang leuchtenden Triumphes
Der Sonne Lichtstrahl. –

Der Kämpfer denk’ ich, die mit edler Seele
In fieberhafter Müh Gedanken weben,
Führer und Märtyrer, den Wissensarmen
Zum Zweikampf donnernd.

Des Wachen denk’ ich, der sich quält und hingeht
Einsam, verkannt ... es bricht aus meinem Busen
Ein Schrei mit weitem Wiederhall auf Erden.
Euch grüß’ ich, Helden!

Euch grüß’ ich, ehern hemdenlose Brüste
Ihr rauhen Leiber, muskulösen Arme,
Ihr unermüdlichen, im brüllenden Schlachtlärm
Der Riesenwerkstatt.

Euch grüß’ ich, die der heil’ge Stolz der Arbeiter
Durchflammt, euch, die der Tod beim Schaffen hinrafft,
Euch, wackre Kämpfer des Gedankens und des
Geschwung’nen Hammers.

Vor mir vorüberziehn, in strengen Bildern,
Der bleichen Mädchen unglücksel’ge Schaaren,
Vorüberziehn in der Fabriken Schraubstock
Gepreßte Frauen.

Und müde Kinder und vergrämte Stirnen,
Zeriss’ne Glieder und entstellte Mienen,
Und eine wegemüde, ungeheure
Erdfahle Volkschaft ...

Von Ferne hör’ ich ein Getös von Stimmen,
Der Aexte, Hämmer und der Pickel Schläge:
Ich aber singe frei durch dieser Erde
Verworrnes Lärmen:

Dich sing’ ich, o zerstreute, arbeitsame,
O große, menschliche Familie! Vorwärts!
Kämpfe und siege! Schließe dich zusammen
Zur Glückeseinheit.

Auf, Arbeitshelden, auf! Zu Siegers Häupten,
Und der Gefallnen letztem Todesringen,
Mit mildem Auge schönre Zukunft spendend,
Leuchtet die Sonne.

Aus: Buch der Freiheit, Herausgegeben von Karl Henckell, Verlag der Expedition des Vorwärts Berliner Volksblatt, Berlin, 1893, S. 513 ff.
Übersetzt von Karl Henckell
Digitalisate 1, 2 & 3

Samstag, 7. Februar 2009

C. F. Weisse - Die betrogene Welt

Die betrogene Welt

Der reiche Thor, mit Gold geschmücket,
Zieht Selimenens Augen an:
Der wackre Mann wird fortgeschicket,
Den Stutzer wählt sie sich zum Mann;
Es wird ein prächtig Fest vollzogen:
Bald hinkt die Reue hinter drein.
Die Welt will ja betrogen seyn:
Drum werde sie betrogen!

Beate, die vor wenig Tagen
Der Buhlerinnen Krone war,
Fängt an sich violet zu tragen,
Und kleidet Kanzel und Altar.
Dem äusserlichen Schein gewogen,
Hält mancher sie für engelrein.
Die Welt will ja betrogen seyn:
Drum werde sie betrogen!

Wenn ich mein Karolinchen küsse,
Schwör' ich ihr zärtlich ew'ge Treu;
Sie stellt sich, als ob sie nicht wisse,
Dass ausser mir ein Jüngling sey.
Einst, als mich Chloe weggezogen,
Nahm meine Stelle Damis ein.
Soll alle Welt betrogen seyn:
So werd' auch ich betrogen.

Aus: C. F. Weisse, Kleine lyrische Gedichte, I.Theil, gedruckt bey F. A. Schrämbl, Wien, 1793, S. 23 f.
Digitalisate 1 & 2

Freitag, 6. Februar 2009

Oscar Panizza - In der Kirche

In der Kirche.


Frohnleichnam, — Charfreitag, — bluterfüllte,
Sonderbare, kirchliche Feste,
Wo das Volk, aufhorchend dem Glockengeläute,
Plötzlich aus tausend geöffneten Thürchen
Und Lädchen, und wappengeschnitzten Portälchen
Ameisenartig herausrennt und sputet,
(Doch And’re fahren in knerz’gen Karösschen)
Unter dem Arm sorgfältige Bündel
Hübsch geschnürter, gezählter Sünden,
Wie alte, riechende Lumpen von Weibern,
(Doch auch rothe, zierliche Mädchenschleifen)
Die sie alle eilig zur Kirche tragen,
Zu süssem Weihrauch und strahlenden Kerzen
Am Fuss der heiligen Gertrude,
Und lachen schon jetzt in sel’ger Verzückung,
Denn sie kennen den Kaufpreis. —




Es war in einem Kirchlein in München,
Geweiht der heiligen Gertrude,
Da sassen Männlein und Fräulein beinander,
Alte graudurchfurchte Gesichter,
Und stillerröthende Mädchenmienen
In gebückter Andacht,
Und zitterten vor sehnsücht’gem Verlangen.
Doch hinter gläsernem, staubigem Kasten
Sass Gertrude, das fromme Mädchen,
Voll schmelzender Anmuth,
Und wächsernbleich, und strahlenumflossen,
Und geschmückt mit Perlen und kostbaren Steinen,
Und lächelte sanft; — zuweilen nur
Unversehens krochen flüssige,
Rothwächserne Thränchen aus den Aeuglein
Voll schmachtender reiner Himmelsbläue. —
Und horch! die rothen Lippen erzählen
Die alten, kleinen, frommen Geschichtchen,
Die tausendjähr’gen Histörchen vom Himmel,
Wo Maria, die ad’lige Himmelsob’rin
Dortsitzt am Thron, in der weissen Brust
Die sieben Schwerter, während die Lippen
Lächeln den honigsüssen Qualen, —
Von den weissen, schneeigreinen Gefilden,
Wo die Märtyrer mit klaffendblut’gen,
Rieselnden Wunden so friedlich einhergehen
Und zählen die Lanzen in der Brust, — —
Ach! die ruhige Seligkeit,
Die kalte, leichenduftige Wonne,
Das Gertrudliebliche, fromme Geflüster
Und nackte Auskramen, — es zerreisst mein Herz,
Ich seh’ nach Wunden durchsuchen die Weiber
Den eignen stinkigen Körper voll Beulen,
Nach Dornenkronen greifen die Greislein,
Und die Mädchen sie lächeln jetzt wie Gertrude;
Eifersucht, märtyrerblutiger Neid
Packt die weihrauchmatten Gemüther,
Und Alle möchten erlösen die Menschheit;
Furchtbare Wirkung, schreckliches Gift
Aus Gertruds kleinem, wächsernem Munde, —
Zum Glück! — ich seh’, — auf höchster Galerie
Da wo die Glorien gemalt, — zum Glück! —
Da zitzen kleine, haar’ge Gesellen,
Mit neckischen Hörnern,
Und schwarzen, langabhängenden Schwänzchen,
Die spotten herunter mit Hohngezwitscher
»Himmel, Gewimmel, Geklingel, Gebimmel!«
Und pfeifen lustige Höllenliedlein,
Und werfen herab gold’ne Dukaten,
Lockspeisen der Seele, —
Der todterschrock’ne Priester erbleicht,
Ihm entfäll’ die Monstranz,
Es zerspringt der Glasschrein der süssen Gertrude
Mit gellem Riss,
Und hinausstürzt die Menge.

Aus: Oscar Panizza, Düstre Lieder, Verlag von Albert Unflad, Leipzig, 1886, S. 6ff.
Digitalisate: 1, 2, 3 & 4


Sonntag, 1. Februar 2009

Oscar Panizza - Das rothe Haus

Das rothe Haus.


Es war um Mitternacht, ich ging
Nach Hause zu eilen alleine,
Es war eine sanfte Sommernacht
Mit weissem Vollmondscheine.


Mein Weg war lang, und ausser der Stadt
Lief er gekrümmt und ferne,
Ich wählt einen kürzeren, denn ich war müd,
Doch wählt ich ihn nicht gerne;


Denn an dem Weg da lag ein Haus
In rothem, flammenden Schimmer,
Baroken Stils, — vor diesem Haus
Laut warnen hörte ich immer;


Zimmer an Zimmer sei besetzt
Mit sonderbaren Tröpfen,
So hört’ ich, — gefüllt bis unter das Dach
Mit geistesverwirrten Köpfen;


Und Köpfe voller Gedanken, sogar
Gedanken die schwere Menge,
Die Körper kämen nicht in Betracht,
Die Köpfe oft in’s Gedränge.


Die seltensten Gedanken spännen sie aus,
Und liessen davon sich umgarnen, —
Doch vor den Gedanken und vor dem Haus
Nicht laut genug hörte ich warnen.


Es sei die Geschichte von jenem Baum,
Von dem verboten zu essen,
Die Frucht sei wunderbar und süss,
Doch die Folgen nicht zu bemessen.


Es sei die Geschichte vom Bäumchen, das
Nie aufhörte sich zu beklagen,
Und gläserne, blinkende Blätter bekam,
Doch die gläsernen Blätter zerbrachen.


Von Prometheus die stolze Sage sei’s,
Vom Trotze, der nie entmuthet,
Licht haben musste um all’s in der Welt,
Und hat er’s, dann lachend verblutet.


(Es erinn’re an jenen sanften Mann,
Der gequält von den schwärzesten Fragen,
Und endlich bekannte, was ihn gequält,
Und dann bat, ihn an’s Kreuz zu schlagen.)


Dies überlegend kam ich hinaus,
Der Vollmond strahlte hernieden,
Da lag das prächtige, rothe Haus,
Es lag im tiefsten Frieden.


Und all die grübelnden Häupter jetzt,
Die unergründlich tiefen,
Die ruhten nun von der Tageslast,
Vom Denken aus, und schliefen.


Getäuschte Lippen, einst geküsst,
Und tiefgekränkte Herzen,
Die ruhten nun eine glückliche Nacht
Von ihren Wahnsinnsschmerzen.


Und Träume vielleicht aus goldner Zeit,
Aus Sonnentagen, aus hellen,
Als sie noch gedankenarm und froh,
Die matten Seelen schwellen.


Mir ward bei diesem Anblick so weh’,
Ich dacht’ an die Qualen, die meinen,
An das böse Gezänk’ in der eigenen Brust,
Ich musste bitterlich weinen.


Ich dacht an den goldenen Jugendtraum,
Ich dacht an die Mutter, die gute,
An eingestürztes Lebensglück.
Mir ward so schmerzlich zu Muthe. —


Doch sieh’, da regt’s an den Fenstern sich,
Und die Gardinen rückten,
Und weisse Gestalten in Röckchen und Hemd
Die schauten heraus und nickten;


Männer und Frauen, sie schienen sich
Für mich zu interessieren,
Oft guckten weissnackend die Glieder heraus,
Doch that sie’s nicht genieren.


Die ersten holten and’re herbei.
Es regt sich in jedem Geschosse,
Es war, als wich ein Zauberbann
Von diesem rothen Schlosse;


Als wär’ ein tausendjähr’ger Schlaf
Auf diesen Leuten gelegen,
Nun kommt der Prinz und spricht das Wort,
Und nun beginnt sich’s zu regen.


Sie krochen selbst auf die Dächer hinauf
Wie flinke behende Affen,
Und deuten mit mageren Armen her
Auf mich herab und gaffen.


Es gab ein wildes, tolles Gedräng
Mit ihren Busen und Kröpfen,
Und ganze Fenster waren oft
Bepflanzt mit lauter Köpfen.


Sie blickten müd und kummervoll,
Und scheuten sich zu sprechen,
Es wollte nach so langer Zeit
Keiner das Schweigen brechen.


Die Augen rissen sie auf, — doch ach,
Sie hatten wohl viel vergessen,
Ich aber kannte manchen Mann,
Mit dem ich am Tisch einst gesessen.


Auch viel Familienähnlichkeit
War hier, — der Vater nebst Sohne,
Bruder und Schwester, der Stammbaum ganz
Von manchem Graf und Barone.


Auch mancher Freund, der einst, ich weiss,
Am besten den Horaz übersetzte,
Sah bleich und müd zum Fenster ’raus
Und gesticulirte und schwätzte.


Ich sah noch manches bekannte Gesicht,
Doch will ich nicht länger verweilen,
Man schont die Allernächsten gern,
Drum lasst uns weiter eilen.


Zuletzt kam auch der Director herbei,
Er war im schwarzen Fracke,
Sein riesiger Schädel glänzend und feist,
Einen Orden am fetten Genacke.


Der Director sei der geschickteste Mann,
So hört ich, in Schmeicheln, Verführen;
Die Nüchternsten und Gesunden sogar
Vermöchte er zu rühren.


(Es erinnre an Scharfrichter dies
Voll so zuversichtlicher Miene,
Dass es manche gelüstet zu legen sich
Unter seine Guillotine.)


So behaglich er! Was die andern hier
So verzehrte, schien ihm zu passen;
Es schlug ihm an; — vom ersten Stock
Fing er an mit mir zu spassen:


»Aha mein Freund!« (voll Bonhomie),
»Sind wir nicht alte Bekannte?
Bitte, treten sie näher nur,
Sie sind doch der — wiegenannte?


»Ich vergass, — gleichviel, Sie sind mein Gast,
Und soll’n wie zu Hause sich fühlen,
Was Sie auch herführt, —« weiter unten rief’s:
»»Es wird ihm im Kopfe wühlen!««


»Eine geist’ge Freistatt suchen Sie hier
Für Ihre Ideen ‘und Sparren,
Die sollen Sie haben, —« die andern schrei’n:
»»Wir haben die feinsten Narren!««


»Sie erhalten ein Zimmerchen nett und klein
Mit Riegeln erster Classe,
Die Kost wird allgemein gelobt,
Der Staat füllt uns’re Casse.


Gelegenheit zum Denken ist hier,
Zum trüben und zum heitern;
Die Hirne schiessen hier in’s Kraut,
Die Köpfe sich erweitern,


Die Köpfe wachsen riesengross
Mit Augen stier und hässlich,
Arme und Beinchen werden klein,
Die Gedanken unermesslich.


Dort hinten ruht eine Collection
Der prächtigsten Exemplare,
Wir freuen uns schon auf ihr Hirn,
Sie wuchsen viele Jahre.«


Er deutete hier abseits, — voll Grau’n
Folgt’ ich ohne Athem zu schöpfen
Und in der That, ich sah einen Saal
Voll lauter schwitzenden Köpfen.


Von unten bis oben mit Köpfen gepfropft,
Die Besinnung kam mir in’s Schwanken, —
Ein Zimmer mit lauter Köpfen voll,
Die Köpfe voller Gedanken.


Köpfe bedeutend, kugelrund,
Mit griechischen Nasen und Stirnen;
Man sah es gährte und blitzte stark
In diesen mächtigen Hirnen.


Mit vorgetriebenen Augen oft
Der Eine den Andern ansah,
Eifersucht glast aus den Augen heraus,
Sie kamen sich oft zu nah.


Zum Kampfe kam’s hier sicherlich
Doch fehlt es an Muskeln und Waffen:
Die Spinnengliederchen sind zu fein
Um den Kopf nur fortzuschaffen.


Der Kampf, den sie führen, ist stumm und leis,
Es brüllen im Kopf die Haubitzen,
Gedankenschlünde brechen los
Und geist’ge Lanzen blitzen. —


Einen Augenblick ging der Director zurück
Einen Orden noch umzuhängen:
Da fingen die Andern mit Ungestüm
Gleich an mich zu bedrängen:


»Komm doch zu uns herein und schau,
Wir liegen in herrlichen Betten,
Wir wandeln auf Parquet, und kaum,
Höchst selten findest Du Ketten.


Komm her zu uns, Du passt zu uns,
Auch Deine Gedanken stürmen;
Hier bist Du völlig gedankenfrei,
Wir werden Dich schützen und schirmen.


Du brauchst keinen Pass und keinen Schein,
Wenn Du nur Ideen im Hirne,
Doch die hast Du, — man sieht sie brennen Dir ja
Fast durch die verwegene Stirne.


Du lebst wie ein Fürst hier, in Saus und Braus,
Wein giebt es täglich zu schöpfen;
Die besten Gerichte speist Du dazu, —
Wir wollen Dich dann köpfen.


Entflieh der Welt und ihrem Zwang,
Dem geistigen Chikaniren,
Hier bade Dich im Ideenrausch, —
Wir wollen Dich dann seçiren.


Hier bist Du jeglicher Fessel frei,
Darfst toben, rasen und fluchen,
Und leisten, was Dein Gehirn nur kann, —
Wir wollens dann genau untersuchen.


Die armen Menschen da draussen bei Euch
Unter Zwang und Gesetzesverhängniss
Sind übel daran, sie dauern uns sehr,
Sie leben in lauter Bedrängniss.


Was sie zum täglichen Lebenskampf
An geistigem Quantum spenden
Lohnt nicht der Mühe, verglichen mit dem,
Was wir nur stündlich verwenden.


Komm’ zu uns; — ein glänzendes Avancement!
Du wirst Kaiser, Obergott, Rector
Totius mundi, — und bist Du gescheid,
So machen wir Dich zum Director!«—


Sie lockten mich mit vieler Lust,
Mit sanftem ehrlichen Girren;
Wie Zigeuner mit bäckigen Aepfeln oft
Die blonden Kinder kirren.


Mich ergreifen durften beileibe sie nicht,
Selbst musst’ ich hinein mich wagen,
Im Märchen hat Alles sein Aber und Wenn,
Doch dann nähmen sie mich beim Kragen.


Im Märchen wird Alles bequem gemacht,
Man lockt mit Braten und Schüsseln, —
Schon stunden zwei lachende Portiers da
Und rasselten mit den Schlüsseln.


Uns lockt oft eine geheime Lust,
Das Märchen muss sich erfüllen, —
Wir kämpfen, doch wir vermögen nichts
Mit unser’m stolzen Willen.


Doch dacht’ ich mir, noch bist Du gesund,
Die wollen Dich nur betrügen, —
Noch bist Du gesund, noch bist Du gescheid,
Und lässt das Haus links liegen!


Noch hast Du unendlich lieb die Welt
Mit all’ ihren Schmerzen und Jammer,
Und lieber verbluten, als leben hier
In dieser rothen Kammer!


Noch hast Du die Liebe, — sie ist gewiss
Das mächtigste der Gefühle,
Sie rettet Dich vor dem rothen Haus
Und vor dem schmutz’gen Gewühle.

Aus: Oscar Panizza, Düstre Lieder, Verlag von Albert Unflad, Leipzig, 1886, S. 10ff.
Digitalisate: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12 & 13


Wilhelm von Chézy - Das Räthsel der schönen Unbekannten

Wilhelm von Chézy - Das Räthsel der schönen Unbekannten. Ein holdes Räthsel soll ich lösen, Und schon ist mir die Deutung klar, Ich weiß...