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Es werden Posts vom Februar, 2009 angezeigt.

Francis Jammes - Amsterdam

Francis Jammes - Amsterdam

Die Häuser, spitz gegiebelt, scheinen sich zu neigen,
Ah wollten sie fallen. Masten vieler Schiffe, die dem Grau des Himmels sich vermischen,
Lehnen vornäher wie Gestrüpp von dürren Zweigen
Inmitten von grünem Laub, von Rot und rostigem Braun,
Von Kohlen, Widderfellen und gesalznen Fischen.

Robinson Crusoe hat einst durch Amsterdam den Weg genommen
(So glaub ich wenigstens), da er von seiner grünen,
Schattigen Insel, wo die frischen Kokosnüsse blühten, heimgekommen.
Wie schlug das Herz ihm, da er plötzlich vor sich nah
Die mächtigen Türen mit den schweren Bronzeklöppeln sah! ...

Schaute er voll Neugier in die Halbgeschosse, wo in Reihen
Die Schreiber sitzen, in ihr Rechnungsbuch versenkt?
Kam ihn die Sehnsucht an, zu weinen, da er an den Papageien
Dachte, den er so liebte, und den schweren Sonnenschirm,
Der auf der traurigen und gnadenreichen Insel oft ihm Schutz geschenkt?

Ach, deine Wege, Herr, so rief er aus, sind wunderbar!
Da all die Kisten mit den Tu…

Salomon Hermann Mosenthal (132. Todestag) - Die Sclavin

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Die Sclavin. Wie? zu den Mimosenhecken
Flüchten willst Du Dich mit mir?
Warum willst Du Dich verstecken?
Niemand sieht uns als die Sonne,
Und die ist so heiß wie wir.

In die braune haide nieder
— Sieh’ das Brautbett schwellend blüh’n, —
Strecke Deine schlanken Glieder,
Und das Haupt, das pantherschwarze,
Laß es ruh’n auf meinen Knien.

Ha, bei Deinen schwarzen Mähnen
Fass’ ich Dich, Du brauner Leu,
Fasse Dich mit meinen Zähnen;
Schön bist Du, wie nie ein Weißer,
Weiß ist falsch und braun ist treu!

Weiß die Well’n, die trüglich glatten,
Braun die Erde, die uns trägt,
Weiß die Sonne, braun der Schatten,
Braun die Rechte, die mir schmeichelt,
Weiß die Rechte, die mich schlägt.

Spähest Du? Sei ohne Sorgen,
Unser Hüther pflegt die Ruh’,
Auch die Heerde ruht geborgen,
Und die schwere Mittagsschwüle
Drückt der Welt die Augen zu.

Gib und nimm und theil’ im Bunde
Unseres Lebens süßen Kern!
Eine selige Sekunde
Für ein ganzes Sclavenleben!
— Ach, und doch lebt sich’s so gern!Aus: S. H.Mosenthal, …

Theodor Storm - Von Katzen

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Von Katzen.
Vergangenen Maitag brachte meine Katze
Zur Welt sechs allerliebste kleine Kätzchen,
Maikätzchen, alle weiß mit schwarzen Schwänzchen.
Fürwahr, es war ein zierlich Wochenbettchen!
Die Köchin aber – Köchinnen sind grausam,
Und Menschlichkeit wächst nicht in einer Küche –
Die wollte von den Sechsen fünf ertränken,
Fünf weiße, schwarzgeschwänzte Maienkätzchen
Ermorden wollte dies verruchte Weib.
Ich half ihr heim! – der Himmel segne
Mir meine Menschlichkeit! Die lieben Kätzchen,
Sie wuchsen auf und schritten binnen Kurzem
Erhob’nen Schwanzes über Hof und Heerd;
Ja, wie die Köchin auch ingrimmig drein sah,
Sie wuchsen auf, und Nachts vor ihrem Fenster
Probirten sie die allerliebsten Stimmchen.
Ich aber, wie ich sie so wachsen sahe,
Ich pries mich selbst und meine Menschlichkeit. –
Ein Jahr ist um, und Katzen sind die Kätzchen,
Und Maitag ist’s! – Wie soll ich es beschreiben,
Das Schauspiel, das sich jetzt vor mir entfaltet!
Mein ganzes Haus, vom Keller bis zum Giebel,
Ein jeder…

Heinrich Heine - Ich rief den Teufel und er kam.

Ich rief den Teufel und er kam
Ich rief den Teufel und er kam,
Und ich sah ihn mit Verwund’rung an.
Er ist nicht häßlich, und ist nicht lahm,
Er ist ein lieber, scharmanter Mann,
Ein Mann in seinen besten Jahren,
Verbindlich und höflich und welterfahren.
Er ist ein gescheuter Diplomat,
Und spricht recht schön über Kirch’ und Staat.
Blaß ist er etwas, doch ist es kein Wunder,
Sanskritt und Hegel studiert er jetzunder.
Sein Lieblingspoet ist noch immer Fouqué.
Doch will er nicht mehr mit Kritik sich befassen,
Die hat er jetzt gänzlich überlassen
Der theuren Großmutter Hekate.
Er lobte mein juristisches Streben,
Hat früher sich auch damit abgegeben.
Er sagte meine Freundschaft sey
Ihm nicht zu theuer, und nickte dabei,
Und frug: ob wir uns früher nicht
Schon einmal gesehn bei’m span’schen Gesandten?
Und als ich recht besah sein Gesicht,
Fand ich in ihm einen alten Bekannten.Aus: Heinrich Heine, Buch der Lieder, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 1827, S. 211
Digitalisate 1

Frieda Port - Der Komet

Der Komet
In einem Buch der Sternenkunde las ich ernst
Und doch beglückt, erhoben, wie man stets hinaus
Aus dieser Erde, unsrer kleinen Heimath blickt;
Und weil ich keinen mächtigen Kometen sah,
So weit zurück ich denke, freute sich mein Herz,
Erregt im voraus, jenes nicht zu fernen Jahrs,
Da solchen Anblick wieder uns der Himmel beut.
Wie lang’ ich warten müsse, rechnet’ ich mir aus
Und wünschte mir die Jahre schneller, wie man sonst
Ein schönes Fest sehnsüchtig näher rücken will.
Wie aber wird’s in jenen Tagen um mich stehn?
So mußt’ ich plötzlich fragend in mich gehn, wie wird
Mein Vaterland, wie wird der ganze Welttheil sich
Bis dorthin denn gestaltet haben? wie viel Zeit
Gewaltiges zu stürzen, Niedres zu erhöhn,
Ganz Neues zu erschaffen – zwischen heut und dann!
Und dieser kleinen Erdenheimath Stürme, ja
Geringeres – wie heftig kann ein Menschenherz
Davon erschüttert werden und verarmt, zerstört!
Ein neu Jahrhundert – über solche Schwelle wird
Mein Fuß noch gehn, bevor ich den Ko…

Ada Negri - Seid gegrüßt

Seid gegrüßt.
Der Kämpfer denk’ ich, die in Händen tapfer
Die Schaufel halten, trotzend Gluth und Sturmguß,
Abringend den gequälten, dürren Schollen
Ein elend Brotstück.

Der Kämpfer denk’ ich, die im finstern Schachtgrund
Die Haue führen mit den magern Fäusten,
Die keuchend in dem schwarzverruchten Schatten
Ruhlos sich abmühn.

Ein heimlich Sausen schleicht da – das erschüttert
Mit niederstürzendem Gekrach die Wölbung,
Und Staub ist Alles, Finsterniß und langes
Geseufz des Todes ...

Doch den zerfetzten Schooß des großen Berges
Siegreich der Dampf zerspaltet und durchschreitet.
Ihn grüßt am Ausgang leuchtenden Triumphes
Der Sonne Lichtstrahl. –

Der Kämpfer denk’ ich, die mit edler Seele
In fieberhafter Müh Gedanken weben,
Führer und Märtyrer, den Wissensarmen
Zum Zweikampf donnernd.

Des Wachen denk’ ich, der sich quält und hingeht
Einsam, verkannt ... es bricht aus meinem Busen
Ein Schrei mit weitem Wiederhall auf Erden.
Euch grüß’ ich, Helden!

Euch grüß’ ich, ehern hemdenlose Brüste
Ihr…

C. F. Weisse - Die betrogene Welt

Die betrogene Welt
Der reiche Thor, mit Gold geschmücket,
Zieht Selimenens Augen an:
Der wackre Mann wird fortgeschicket,
Den Stutzer wählt sie sich zum Mann;
Es wird ein prächtig Fest vollzogen:
Bald hinkt die Reue hinter drein.
Die Welt will ja betrogen seyn:
Drum werde sie betrogen!

Beate, die vor wenig Tagen
Der Buhlerinnen Krone war,
Fängt an sich violet zu tragen,
Und kleidet Kanzel und Altar.
Dem äusserlichen Schein gewogen,
Hält mancher sie für engelrein.
Die Welt will ja betrogen seyn:
Drum werde sie betrogen!

Wenn ich mein Karolinchen küsse,
Schwör' ich ihr zärtlich ew'ge Treu;
Sie stellt sich, als ob sie nicht wisse,
Dass ausser mir ein Jüngling sey.
Einst, als mich Chloe weggezogen,
Nahm meine Stelle Damis ein.
Soll alle Welt betrogen seyn:
So werd' auch ich betrogen.Aus: C. F. Weisse, Kleine lyrische Gedichte, I.Theil, gedruckt bey F. A. Schrämbl, Wien, 1793, S. 23 f.
Digitalisate 1 & 2

Oscar Panizza - In der Kirche

In der Kirche.

Frohnleichnam, — Charfreitag, — bluterfüllte,
Sonderbare, kirchliche Feste,
Wo das Volk, aufhorchend dem Glockengeläute,
Plötzlich aus tausend geöffneten Thürchen
Und Lädchen, und wappengeschnitzten Portälchen
Ameisenartig herausrennt und sputet,
(Doch And’re fahren in knerz’gen Karösschen)
Unter dem Arm sorgfältige Bündel
Hübsch geschnürter, gezählter Sünden,
Wie alte, riechende Lumpen von Weibern,
(Doch auch rothe, zierliche Mädchenschleifen)
Die sie alle eilig zur Kirche tragen,
Zu süssem Weihrauch und strahlenden Kerzen
Am Fuss der heiligen Gertrude,
Und lachen schon jetzt in sel’ger Verzückung,
Denn sie kennen den Kaufpreis. —




Es war in einem Kirchlein in München,
Geweiht der heiligen Gertrude,
Da sassen Männlein und Fräulein beinander,
Alte graudurchfurchte Gesichter,
Und stillerröthende Mädchenmienen
In gebückter Andacht,
Und zitterten vor sehnsücht’gem Verlangen.
Doch hinter gläsernem, staubigem Kasten
Sass Gertrude, das fromme Mädchen,
Voll schmelzender Anmuth,
Und wächsernbleich, und st…

Oscar Panizza - Das rothe Haus

Das rothe Haus.

Es war um Mitternacht, ich ging
Nach Hause zu eilen alleine,
Es war eine sanfte Sommernacht
Mit weissem Vollmondscheine.


Mein Weg war lang, und ausser der Stadt
Lief er gekrümmt und ferne,
Ich wählt einen kürzeren, denn ich war müd,
Doch wählt ich ihn nicht gerne;


Denn an dem Weg da lag ein Haus
In rothem, flammenden Schimmer,
Baroken Stils, — vor diesem Haus
Laut warnen hörte ich immer;


Zimmer an Zimmer sei besetzt
Mit sonderbaren Tröpfen,
So hört’ ich, — gefüllt bis unter das Dach
Mit geistesverwirrten Köpfen;


Und Köpfe voller Gedanken, sogar
Gedanken die schwere Menge,
Die Körper kämen nicht in Betracht,
Die Köpfe oft in’s Gedränge.


Die seltensten Gedanken spännen sie aus,
Und liessen davon sich umgarnen, —
Doch vor den Gedanken und vor dem Haus
Nicht laut genug hörte ich warnen.


Es sei die Geschichte von jenem Baum,
Von dem verboten zu essen,
Die Frucht sei wunderbar und süss,
Doch die Folgen nicht zu bemessen.


Es sei die Geschichte vom Bäumchen, das
Nie aufhörte sich zu beklagen,
Und gläserne, …