C. F. Weisse - Die betrogene Welt

Die betrogene Welt

Der reiche Thor, mit Gold geschmücket,
Zieht Selimenens Augen an:
Der wackre Mann wird fortgeschicket,
Den Stutzer wählt sie sich zum Mann;
Es wird ein prächtig Fest vollzogen:
Bald hinkt die Reue hinter drein.
Die Welt will ja betrogen seyn:
Drum werde sie betrogen!

Beate, die vor wenig Tagen
Der Buhlerinnen Krone war,
Fängt an sich violet zu tragen,
Und kleidet Kanzel und Altar.
Dem äusserlichen Schein gewogen,
Hält mancher sie für engelrein.
Die Welt will ja betrogen seyn:
Drum werde sie betrogen!

Wenn ich mein Karolinchen küsse,
Schwör' ich ihr zärtlich ew'ge Treu;
Sie stellt sich, als ob sie nicht wisse,
Dass ausser mir ein Jüngling sey.
Einst, als mich Chloe weggezogen,
Nahm meine Stelle Damis ein.
Soll alle Welt betrogen seyn:
So werd' auch ich betrogen.

Aus: C. F. Weisse, Kleine lyrische Gedichte, I.Theil, gedruckt bey F. A. Schrämbl, Wien, 1793, S. 23 f.
Digitalisate 1 & 2

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