Frieda Port - Der Komet


Der Komet

In einem Buch der Sternenkunde las ich ernst
Und doch beglückt, erhoben, wie man stets hinaus
Aus dieser Erde, unsrer kleinen Heimath blickt;
Und weil ich keinen mächtigen Kometen sah,
So weit zurück ich denke, freute sich mein Herz,
Erregt im voraus, jenes nicht zu fernen Jahrs,
Da solchen Anblick wieder uns der Himmel beut.
Wie lang’ ich warten müsse, rechnet’ ich mir aus
Und wünschte mir die Jahre schneller, wie man sonst
Ein schönes Fest sehnsüchtig näher rücken will.
Wie aber wird’s in jenen Tagen um mich stehn?
So mußt’ ich plötzlich fragend in mich gehn, wie wird
Mein Vaterland, wie wird der ganze Welttheil sich
Bis dorthin denn gestaltet haben? wie viel Zeit
Gewaltiges zu stürzen, Niedres zu erhöhn,
Ganz Neues zu erschaffen – zwischen heut und dann!
Und dieser kleinen Erdenheimath Stürme, ja
Geringeres – wie heftig kann ein Menschenherz
Davon erschüttert werden und verarmt, zerstört!
Ein neu Jahrhundert – über solche Schwelle wird
Mein Fuß noch gehn, bevor ich den Kometen sah?
Doch wer im Weltall lesend sich der Sterne Bahn
Begonnen und vollendet denkt, wie schreckte Den,
Was jenen Stern in seinem Lauf nicht hemmen wird!

Aus: Frieda Port, Gedichte, Verlag von Wilhelm Hertz, Berlin, 1888, S. 72
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