Oscar Panizza - In der Kirche

In der Kirche.


Frohnleichnam, — Charfreitag, — bluterfüllte,
Sonderbare, kirchliche Feste,
Wo das Volk, aufhorchend dem Glockengeläute,
Plötzlich aus tausend geöffneten Thürchen
Und Lädchen, und wappengeschnitzten Portälchen
Ameisenartig herausrennt und sputet,
(Doch And’re fahren in knerz’gen Karösschen)
Unter dem Arm sorgfältige Bündel
Hübsch geschnürter, gezählter Sünden,
Wie alte, riechende Lumpen von Weibern,
(Doch auch rothe, zierliche Mädchenschleifen)
Die sie alle eilig zur Kirche tragen,
Zu süssem Weihrauch und strahlenden Kerzen
Am Fuss der heiligen Gertrude,
Und lachen schon jetzt in sel’ger Verzückung,
Denn sie kennen den Kaufpreis. —




Es war in einem Kirchlein in München,
Geweiht der heiligen Gertrude,
Da sassen Männlein und Fräulein beinander,
Alte graudurchfurchte Gesichter,
Und stillerröthende Mädchenmienen
In gebückter Andacht,
Und zitterten vor sehnsücht’gem Verlangen.
Doch hinter gläsernem, staubigem Kasten
Sass Gertrude, das fromme Mädchen,
Voll schmelzender Anmuth,
Und wächsernbleich, und strahlenumflossen,
Und geschmückt mit Perlen und kostbaren Steinen,
Und lächelte sanft; — zuweilen nur
Unversehens krochen flüssige,
Rothwächserne Thränchen aus den Aeuglein
Voll schmachtender reiner Himmelsbläue. —
Und horch! die rothen Lippen erzählen
Die alten, kleinen, frommen Geschichtchen,
Die tausendjähr’gen Histörchen vom Himmel,
Wo Maria, die ad’lige Himmelsob’rin
Dortsitzt am Thron, in der weissen Brust
Die sieben Schwerter, während die Lippen
Lächeln den honigsüssen Qualen, —
Von den weissen, schneeigreinen Gefilden,
Wo die Märtyrer mit klaffendblut’gen,
Rieselnden Wunden so friedlich einhergehen
Und zählen die Lanzen in der Brust, — —
Ach! die ruhige Seligkeit,
Die kalte, leichenduftige Wonne,
Das Gertrudliebliche, fromme Geflüster
Und nackte Auskramen, — es zerreisst mein Herz,
Ich seh’ nach Wunden durchsuchen die Weiber
Den eignen stinkigen Körper voll Beulen,
Nach Dornenkronen greifen die Greislein,
Und die Mädchen sie lächeln jetzt wie Gertrude;
Eifersucht, märtyrerblutiger Neid
Packt die weihrauchmatten Gemüther,
Und Alle möchten erlösen die Menschheit;
Furchtbare Wirkung, schreckliches Gift
Aus Gertruds kleinem, wächsernem Munde, —
Zum Glück! — ich seh’, — auf höchster Galerie
Da wo die Glorien gemalt, — zum Glück! —
Da zitzen kleine, haar’ge Gesellen,
Mit neckischen Hörnern,
Und schwarzen, langabhängenden Schwänzchen,
Die spotten herunter mit Hohngezwitscher
»Himmel, Gewimmel, Geklingel, Gebimmel!«
Und pfeifen lustige Höllenliedlein,
Und werfen herab gold’ne Dukaten,
Lockspeisen der Seele, —
Der todterschrock’ne Priester erbleicht,
Ihm entfäll’ die Monstranz,
Es zerspringt der Glasschrein der süssen Gertrude
Mit gellem Riss,
Und hinausstürzt die Menge.

Aus: Oscar Panizza, Düstre Lieder, Verlag von Albert Unflad, Leipzig, 1886, S. 6ff.
Digitalisate: 1, 2, 3 & 4


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