Daniel Schiebeler - Ariadne und Theseus

Evelyn de Morgan - Ariadne in Naxos
Ariadne und Theseus

Ich sing euch die Geschichte
Von Theseus Grausamkeit,
Von diesem Bösewichte
Kam Ariadnens Leid.
Den schönsten seidnen Faden
Gab ihm das gute Kind,
Der bracht’ ihn ohne Schaden
Aus Cretens Labyrinth.

Doch mehr noch, als ein Fädchen,
Gab sie dem theuren Mann.
Sie gab ihm was ein Mädchen
Nur immer geben kann.
Der Vater mag sich grämen,
Sie liebt den Theseus mehr,
Vergißt das Abschiednehmen
Und folgt ihm auf das Meer.

Schon neun und neunzig Schönen
Bracht’ er um Ruh’ und Wohl,
Durch Ariadnens Thränen
Ward bald das Hundert voll,
Weh, weh dem Wüteriche,
Ihr Fluthen schlingt ihn ein!
Er ließ die Minnigliche
Auf einem Fels allein.

Als nun der Tag sie weckte,
Ach, als sie nun die Hand
Nach ihrem Theseus streckte,
Und keinen Theseus fand,
Wie ward ihr da, ihr Sterne!
Sie rief in ihrem Gram
Den, welcher, einmal ferne,
So bald nicht wieder kam.

Sie fluchte dem Geschicke,
Zerriß das goldne Haar,
Das für des Frevlers Tücke
Nicht zu bestrafen war.
Sie schlägt bis zum Zerschmettern
Die weisse Brust, und schreckt
Das Heer von Liebesgöttern,
Das dort verborgen steckt.

Doch Bachus kommt, getragen
Von Fröhlichkeit und Scherz.
Er hemmt des Mädchens Klagen
Und tröstet ihren Schmerz.
O seht! ihr Blick wird heiter,
Der Gott war wohl gemacht,
Er siegt und nun ward weiter
An Theseus nicht gedacht.

Der Fabel folgt die Lehre,
So wie der Frau die Magd.
Ein Ding, bey meiner Ehre,
Das oft den Leser plagt.
Drum kurz, was ich erzählet,
Schließt diese Regel ein:
Wenn euch die Liebe quälet;
So heilet euch mit Wein.

aus: Daniel Schiebelers Auserlesene Gedichte, Herausgegeben von Johann Joachim Eschenburg, J.J. C. Bode, Hamburg, 1773



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