Montag, 26. April 2010

Talvj (Therese Albertine Louise von Jacob) – Einer jungen Freundin


Einer jungen Freundin.

(1858)

Als ich im bunten Blumenbeete
Zuerst dich junge Knosp' ersah,
Da fühlt' ich gleich: Dem Kelch entwehte
Der schönen Seele Aroma.


Seitdem hast du die Welt befahren,
Still angebaut so Geist als Herz,
Und hast in jungen Hoffnungsjahren
Schon tief erprobt des Lebens Schmerz.


Stehst nun als volle Ros' erschlossen,
Vermischt mit andrer Rosen Art;
Doch fühl' ich's, du vor den Genossen,
Du hast den echten Duft bewahrt.


Der Duft, der macht dich mir zu eigen,
Jung oder alt, Weib oder Mann,
Wo Seelen sich zu Seelen neigen,
Kommt's auf Geschlecht und Zeit nicht an!


Wenn farblos diese Blüten bleichten,
Wenn welk der Kelch hängt niederwärts,
Wird's duftig deinem Aug' entleuchten,
Dein liebes, frommes, treues Herz!

Therese Albertine Louise von Jacob (26. Januar 1797, Halle – 13. April 1870, Hamburg)


aus: Talvj – Gesammelte Novellen, nebst einer Auswahl bisher ungedruckter Gedichte, Zweiter Theil, F. A. Brockhaus, Leipzig, 1874, S. 490 f.

Abbildung: William Bouguereau – The Bather

Sonntag, 25. April 2010

Joachim Ringelnatz - München

MÜNCHEN
(An die Schwiegereltern)

München, bei der echten Frau zu Hause.
Endlich also wieder einmal Ruhepause.
Meine Stübchen, Küche, Bad, Salon,
Meinen Schreibtisch! Meine Blumenwiese
Auf der Brüstung vom Balkon!
Wie ich das genieße!
Ohne jemanden zu bitten oder stören.
Ha!: Ich dürfte ruhig mit Behagen
– weil sie mir gehören –
All die schönen Bilder an der Wand zerschlagen.
Doch ich tu’s nicht. Denn wir nießen die
Und das alles ge zu zweit,
Kindlich glückliche und fromme Zeit!
Schöner war es nirgends, wird es nie.
Und wir kochen, spielen Schach und lesen,
Plaudern: wie die Zwischenzeit gewesen,
Ordnen, albern, täubeln. Bis es klingelt. Dann
Sind wir mäuschenstill.
Weil ich all die Leute von X Jahren
Vieler Städte, die mal gütig zu mir waren
Aber alle mal nach München fahren,
Nicht empfangen – oder doch nicht nach Gebühr behandeln kann.


aus: Joachim Ringelnatz, Reisebriefe eines Artisten, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1928

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Betty Paoli – An einem Frühlingsmorgen

An einem Frühlingsmorgen

Mir hat die Nacht nicht Schlummer,
Erquickung nicht gebracht!
Allein mit meinem Kummer
Hab’ ich sie still durchwacht.


Gottlob! nun seh’ ich blinken
Des Morgens dämmernd Grau,
Und alle Blumen trinken
Den milden Segensthau.


Es wenden meine Blicke
Sich hoffend himmelwärts —
Mit deinem Thau erquicke,
O Herr! auch dieses Herz.

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aus: Nach dem Gewitter, Gedichte, Zweite um die Hälfte vermehrte Auflage (Zweiter Band der Gedichte), Verlag Gustav Heckenast, Pesth, 1850, S. 253


Betty Paoli

Pseudonym für Barbara Elisabeth Glück, eigentlich Barbara Grund

(30. Dezember 1814, Wien – 5. Juli 1894, Baden bei Wien)

Montag, 19. April 2010

Joachim Ringelnatz - Reisebriefe eines Artisten

MÜNCHEN
Nach einer Herrenstammtischnacht
(Versehentlich an die Steuerbehörde gesandt)


Die Amseln flöten am Stachus.
Am Sendlingertorplatz nach Schwabinger Nacht
Schimpfen Caprivi und Bacchus
Auf eines Wasserspringbrunnens Pracht.
Jemand, der seinen Doktor gemacht
Hat, fühlt sich als ein Riese
Und brüllt als wie am Spieße. –
Auf der Oktoberwiese:
Die Bavaria: – lacht.
Vor Mittag wünschen zweie
Sich „Angenehme Ruh!“
Der dritte Chargierte Immerzu
Feiert noch Bannerweihe.
Im Donisl blühn die Weißwürste.
Im Schlachthof brüllt anderthalb Kalb.
Und reaktionäre Dürste
Erheben sich allenthalb …
Die Frauentürme verwechseln
Sich selber. Von unten her
Kurzwichsig mit Jodeln und Sächseln
Hebt sich der Fremdenverkehr.
Da lassen sich aus Venedig
Die Tauben und Witwen und Ehefraun
Am Theatiner rundum beschaun
Und trippeln, als seien sie ledig.
Und weil ich mich eben so freue,
Mal ohne Frau, auf verbotenem Weg,
Drum preis’ ich die alte und neue
Pinako – Pinako – – kothek.

aus: Joachim Ringelnatz, Reisebriefe eines Artisten, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1928

Donnerstag, 15. April 2010

C. del Negro (Christine Thaler) – Herbst-Lied


Im zerborst'nen Fensterbogen
Lehn' ich müd' – der Uhu schreit – –
Herbstesabend, grau umzogen,
Liegt auf Wald und Wiesen weit.


Nach der warmen Schneeshülle
Sehnt die Erde fröstelnd sich,
Sehnt sich, in der tiefsten Stille
Auszuruhen winterlich.


Sterbenssehnsucht hat durchzogen
Nun auch dich, mein Herz, mit Macht –,
All dein Glück, es ist verflogen
Mit des kurzen Sommers Pracht.


Nun du sel'gen Kosestunden
Heiß nicht mehr entgegenschglägt,
Fühlst du nur die Feuerwunden,
Die du tief im Innern trägst.


Und auf der Erinn'rung Stätten
Seufzest du der Sehnsucht, »Ach!«
Und in dürren Blätterbetten
Rauscht es dir der Herbstwind nach – –


Da – fernab, wie ich noch träume,
Glüht das Abendroth empor;
Goldbestrahlte Wolkensäume
Gaukeln mir den Frühling vor.


Frühling wird einst auferstehen
Und mit ihm mein todtes Glück –
Herbstwind mußt' es mir verwehen;
Lenzeshauch bringt's mir zurück.


Neue Lieb' ist dann erstanden;
Neuer Frühling uns beglückt –
Wieder liegt das Herz in Banden,
Wonnebebend, lieb'umstrickt .....


Im zerborst'nen Fensterbogen
Lehn' ich müd' – der Uhu schreit – –
Frühlingsgleich, von Glanz umzogen,
Naht dein Bild mir – süße Maid!


Christine Thaler, geb. Greiner (Ps. C(hrista) del Negro)

23. Oktober 1853, München – 1936


aus: Die Gartenlaube, Illustriertes Familienblatt, Ernst Keil’s Nachfolger, Leipzig, 1882, Heft 18, S. 691.

Mittwoch, 14. April 2010

Marcella Sanden – Verkehrte Welt

Verkehrte Welt.

Wie viel Schöne, wie viel Hoheit
fegt die Straßen aus und ein.
um der Sinnenlust und Roheit
fleischliches Modell zu sein!
Wie viel Adel, wie viel Treue
borgt von uns der stolze Mann,
daß er jeden Tag aufs neue
Herr der Schöpfung spielen kann!

Marcella Sanden – Mädchenlieder aus dem Quartier Latin

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Sophie Schwarz – Der Abendstern


Der Abendstern.

Sey mir willkommen, stille Feyer!
     Willkommen Mond! Gedankenfreund!
Du Nacht! deckst tröstend deinen Schleyer
     Auf jedes Auge, das noch weint.
Das meine wacht – denn jede Zähre
     Versiegte längst – und hoch entzückt,
Irrt es durch Millionen Heere
     Des Himmels, die es kaum erblickt.

Vielleicht daß dort in jenem Sterne,
     Der glänzender vom Himmel blinkt,
Und den auch ich einst kennen lerne,
     Theonens Seele Wahrheit trinkt.
Schon wölbt zum kleinen Blumenhügel
     Sich meiner Jugendfreundinn Grab;
Vergangenheit! dein rascher Flügel
     Trug sie zu schnell vor mir hinab.

Schön wie die junge Frühlingsblume
     Stand sie voll regen Lebens da;
Hoch schlug ihr Herz dem wahren Ruhme
     Der edlen That, die Gott nur sah.
So flieht des Morgentraums Entzücken,
     So floh dein schönes Leben auf.
O Phantasie, du kannst beglücken;
     Komm, zaubre mich zu ihr hinauf! –

Wir sehn uns – staunen – weinen – danken,
     Theona! wie? war dieß der Tod?
Ein neues Leben ohne Schranken
     Fühl' ich in mir – das war kein Tod.
Nach kurzen Träumen so erwachen!
     Wie schön, o Menschheit, ist dein Loos!
Und der, der so kann glücklich machen,
     Theona! wie unendlich groß!

Wie groß, der Millionen Leben
     Auf seiner Allmacht starken Ruf,
Das Daseyn hohes Glück gegeben;
     Den Engel und das Würmchen schuf!
O Stern, nicht erst auf deinen Höhen
     Thut sich der Gottheit Tempel auf,
Ich kann sein Heilgthum hier sehen,
     Drum, Erde, nimm mich wieder auf. –

Sophie Schwarz (1754 – 1789)

Mittwoch, 7. April 2010

Francisca Stoecklin - An die Liebe







Francisca Stoecklin
11. September 1894, Basel
1. September 1931, Basel






An die Liebe
Alle suchen sie dich
und überall lockst du.
Aus tausend Verhüllungen schimmert
dein unenträtselt Gesicht.
Aber wenigen nur
gewährst du Erfüllung,
selige Tage, reines Glück.
Zärtlich wehn dich die Blumen,
die scheuen Gräser,
der Schmetterlinge heiterer Flug,
wilder der Wind
und das ewig sich wandelnde Meer.
Wunderbar strahlst du
aus den Augen des Menschen,
der ein Geliebtes
in seinen Armen hält,
vom tönenden Sternenhimmel überwölbt.
In die zitternde Seele
schweben Schauer
von Leben und Tod. 

aus: Francisca Stoecklin, Die singende Muschel, Orell Füssli, Zürich-Leipzig-Berlin, 1925
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Mia Holm - Liebeshass

Mia Holm
26. September 1845, Riga
14. Juli 1912, Potsdam




Liebeshass
Weiss nicht, ist es Liebe, Hass,
Was ich für dich fühle,
Weiss nur, brennet weh und heiss,
Was ich für dich fühle.


Weiss nicht, ist es Segen, Fluch,
Was du mir gegeben,
Weiss nur, dass du schwer und reich
Mir gemacht das Leben.


Weiss nicht, ob du je und je
Mir wirst Liebe reichen,
Weiss nur, dass, wenn ich es denk,
Meine Wangen bleichen,


Dass ich dich mit kaltem Mut
Würde gehen heissen,
Lachen deiner Liebesglut
Und dein Herz zerreissen.






aus: Mia Holm, Verse, Albert Langen Verlag, Paris, Leipzig, München, 1900
Abbildung: Egon Schiele - Sitzende mit gelben Tuch

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Dienstag, 6. April 2010

Stine Andresen - Meereszauber

Stine Andresen, geb. Jürgens
23. September 1849, Boldixum/Wyk auf Föhr
13. Mai 1927, Boldixum/Wyk auf Föhr

Der Abend sinkt hiernieder
Und still ist's rings umher;
Ich und mein Liebchen wandern
Hinaus ans blaue Meer.

Das liegt in stiller Feier
So klar, so blau, so mild;
Aus seinem Spiegel blicket
Des Abendhimmels Bild.

Auf deinem tiefen Grunde
Liegt ein krystallnes Schloß;
Die Schätze, die es birget,
Bewacht der Nixen Troß.

Sie schmücken die Gewänder
Sich aus mit Perlen klar,
Und flechten sich Korallen
Ins feuchte Lockenhaar.

Es tönt ihr süßes Singen
Hinauf zum Ufershang;
Ich und mein Liebchen lauschen
Dem holden Zauberklang.

Rings liegt um uns versunken
Die Welt mit ihrem Leid;
Ich blicke ihr ins Auge
In stummer Seligkeit.

Wie gleicht ihr Aug' dem Meere,
So mild, so klar, so blau;
Darinnen, tief versenket,
Ich meinen Himmel schau.

Die Lippen wie Korallen,
Teilt sie ein Lächeln fein,
Enthüllen silberblitzend
Zwei weiße Perlenreihn.

Wenn wir Gedanken tauschen,
Zeigt sie mir unbewußt
Die wunderbaren Schätze,
Die ruhn in ihrer Brust.

Mein sind die blauen Augen,
Mein der Krallenmund
Und mein die edlen Schätze
Auf ihrer Seele Grund.

O, welch ein wonnig Leben
Wird das in Zukunft sein!
Die Schätze all' zu heben
Hab' ich das Recht allein.


Aus: Stine Andresen, Gesammelte Gedichte, Herausgegeben von K. Schrattenthal, Schriften-Niederlage der Anstalt Bethel, Bielefeld, 1896, S. 69 f.

Wilhelm von Chézy - Das Räthsel der schönen Unbekannten

Wilhelm von Chézy - Das Räthsel der schönen Unbekannten. Ein holdes Räthsel soll ich lösen, Und schon ist mir die Deutung klar, Ich weiß...