Thekla Lingen – Sieg

SIEG


Es zogen drei Frauen zum Kampf hinaus,
Es ward ihnen eng in dem stillen Haus,
Sie wollten das Leben sehn.
Die Erste war schön, ein junges Blut,
Die zweite war klug und auf ihrer Hut,
Die Dritte – nun, die war einfach gut! – – –
Wie wird es den Dreien ergehn?

Sie nahmen den bösen Kampf nun auf,
Doch kurz war der Dreien Siegeslauf,
O Schmach und bittere Not!
Die Schönheit zahlte den Schmerzenslohn,
Die Kluge erntete Spott und Hohn,
Und der Guten, – der wurde die Siegerkron':
Sie lächelte – und war tot …

Den Feind lieben ganz ohne Wehr,
So steht es geschrieben in Christi Lehr'.


      Die Kinder sagen es her.


aus: Das Magazin für Litteratur, Siebenundsechzigster Jahrgang, Herausgegeben von Rudolf Steiner, Otto Erich Hartleben und Moritz Zitter, Verlag Siegfried Cronbach, Berlin, 1898, Spalte 494 f.


Thekla Lingen (06. oder 18.03.1866 – 07.11.1931)

Beliebte Posts aus diesem Blog

Ludwig Thoma - Sexuelle Aufklärung

Albert Möser - An den Tod

Claire Morgenstern - Mich treibtʼs zu suchen