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Es werden Posts vom September, 2010 angezeigt.

Jeanne Marie von Gayette-Georgens - Ausdauer

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Auf einem Felsen kahl und glatt
Ein junges Bäumchen stand,
Die Blätter frisch, die Rinde glatt,
So hing’s am steilen Rand.


»Wie kommst du auf den Kieselgrund,
Du kecker, kleiner Baum;
Ist doch im Kreise weit und rund
Ein grünes Kräutlein kaum?


»»Ich ahnte in dem dunklen Grund
Den Himmel über mir;««
Sprach das beherzte Bäumchen, »»und
Durchdrang den Felsen hier.


»»Anfänglich wollt’ es nicht recht fort,
Doch ließ ich nimmer nach;
Ich sprach: der Himmel ist ja dort!
Wenn mir’s an Kraft gebrach.


Und neu beseelt durchgrub ich drauf
Den harten schweren Stein;
Es zog zum Lichte mich hinauf,
In’s Leben mich hinein.


»»Ein Ziel verfolgen mit Geduld
Hab’ ich es durchgesetzt,
Daß ich dem Stein für schwere Schuld
Noch Schatten gebe jetzt.««

aus: H. Kletke, Deutschlands Dichterinnen, Hermann Holstein, Berlin, Dritte vermehrte Auflage, o. J., S. 359 f.





Angelika von Hörmann - Dein Liebeshimmel ist ein Wahn ...

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Dein Liebeshimmel ist ein Wahn,
Mein Herz, und glaubst du heute dran,
Bist morgen du betrogen;
Leicht wie die Ranke an der Kluft,
Wie Spinnengewebe in der Luft
Ist er im Wind verflogen.

Ein feurig Aug', ein lockig Haar
Sind meiner Feinde schlimmstes Paar,
Die drohen mir Verderben;
Urewig ist der Schönheit Macht; -
Zeigt sie dem Liebsten ihre Pracht,
So bricht mein Glück in Scherben.

Gertrud Triepel – Schicksal

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Sie sahn sich wieder nach langer Zeit,
Die sich als Kinder verlassen!
Die eine umhegte die Einsamkeit
Der heimatlich stillen Gassen;

Die andere hatte im Lärm der Welt
Allmählich ihr Selbst verloren
Und sich in schwankem lustigem Zelt
Ein Wanderleben erkoren.

Die eine mit arbeitsmüder Hand
Kam schüchtern dahergegangen –
Die andere rauschte im Seidengewand,
Geschmückt mit güldenen Spangen.

Die eine blickte noch fromm und rein,
Wie einst in den Kindertagen –
Die andre schien flackernden Feuerschein
Im dunklen Auge zu tragen.

Die eine hatte mit schlichtem Sinn
Ihr Glück in der Enge gezimmert –
Die andre gab's für ein Irrlicht hin,
Das lockend und hell geflimmert.

Sie sahn sich wieder nach langer Zeit
– Wie zitterten ihr Herzen –
Sie dachten der Kinderseligkeit
Mit ihren Wonnen und Schmerzen.

Sie dachten der Tage, die sie durchlebt,
Der Freuden, die sie genossen,
Und was sie errungen und was sie erstrebt
Und warm und innig umschlossen.

Die eine schaute verklärt in's Licht
Und fand des Dankes kein Ende –
Die and…

Kurt Bertels - Die weisse Schlange

Die weisse Schlange.
Auf meines Teppichs bunten Stickereien
lag eine Schlange glatt und weiss und prächtig
und lauschte zischend meinen Schmeicheleien
und dehnte sich und funkelte allmächtig.
Da küsst' ich schnell den schönsten ihrer Ringe,
den mittelsten, mit köstlichem Smaragd,
und hielt dann wieder mit gezückter Klinge
am bunten Teppich Schlangenschlummerwacht.
Bis endlich dann der Tag der weibgehasste
aus meines Fensters hohem Bogen wich
und auch der Teppich sanft in grau verblasste
und Heimliches um alle Dinge schlich.
Da legt' ich mich auf meinen Diwan nieder
und weckte noch verschwiegnes Ampellicht,
und meine Schlange ringelte die Glieder
doch auf des Teppichs Tuche war sie nicht.

Kurt Bertels - Mehr begehr ich.

Mehr begehr ich. Mehr begehre ich in Liebeswirren
als den Kuss nur im Vorüberflüchten
loses Naschen an verbotnen Früchten
spielerisches Tändeln oder Girren.


Was nicht dauern kann ist halb verrauscht,
was nicht weilen will ist schon entschwunden,
Liebe ist in Liebe nur gebunden
wenn sie täglich neue Gaben tauscht.

Lilli Kraft - Frühlingstraum

Frühlingstraum

Milde Frühlingslüfte wehen,
Fächeln mich mit süßem Hauch,
Frisches Grün sieht neuerstehen
Ringsum das entzückte Aug'!

Sieh, wohin der Blick nur schweifet,
Neues Leben, neue Lust,
Und mit sanftem Flügel streifet
Leis' der Lenz auch meine Brust.

Wecket drinnen Liebeswonne
Und vergang'ner Tage Lust,
Aller Schmerz ist sacht zerronnen,
Frei und leicht hebt sich die Brust.

Wie in sel'gem Traum befangen
Lausch' ich Deinen Melodien,
Blick' auf Deine blüh'nden Wangen,
Auf Dein leuchtend Auge hin.

Ach, aus Deinem süßen Liede

Jeanne Marie von Gayette-Georgens - Sehnsucht nach Schmerz

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Sehnsucht nach Schmerz

Kehret wieder, Schmerzesfreuden,
Kehre wieder, Lust und Qual;
Bittre Tropfen herber Leiden,
Kehret wieder allzumal!


Kehre wieder, tiefer Kummer,
Blute wieder, armes Herz;
Und entführe mir den Schlummer,
Wühlend heißer Thränenschmerz!


Alles will ich wieder tragen,
All’ das Weh’ und all’ die Lust;
Aber mir nicht selber sagen,
Daß verödet meine Brust!

Aus: H. Kletke, Deutschlands Dichterinnen, Hermann Holstein, Berlin, Dritte vermehrte Auflage, o. J., S. 338 f.


Sidonie Grünwald-Zerkowitz - Zum Lieben sind wir nie zu alt

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Zum Lieben sind wir nie zu alt

Zum Lieben sind wir nie zu alt!
Wohl dem, der drob nicht streitet.
Und, so lang er durchs Dasein wallt,
Von Liebe ist geleitet!

Ob jünger, älter um manch Jahr!
Wird Lieb' um das sich kümmern?!
Was thut's, ob hier und dort ein Haar
Am Scheitel grau mag schimmern?!

Frägt Liebeslust, frägt Liebesleid,
Ob Kümmernisse haben
In's Antlitz mit dem Pflug der Zeit
Manch Furche schon gegraben?!

Ohn' Liebe leben wäre arg!
Drum altert nicht die Liebe!
Und so lang Kraft noch webt im Mark,
Besel'gen ihre Triebe!

Es liebt der Mensch, so lang er leibt
Und gleicht darin der Linde,
Die immer junge Triebe treibt
Trotz — tausendjähr'ger Rinde!

Sidonie Grünwald-Zerkowitz - Schmetterlings Küssen

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Schmetterlings Küssen

Es sagte dort die Blum' im Grunde,
Die erst der Schmetterling hat heiß geküßt,
Er küßte sie, weil — süß das Küssen,
Und daß sein Küssen niemals Liebe ist.

Sagt', daß er, taumelnd noch vom Rausche,
Froh flattert zu der zweiten Blume hin,
So lange Küsse — Blumen — tauschend,
Als ihn sein Flügel trägt und Blumen blühn.

— Sprich, ist es so, wie's sagt die Blume?
War dein Kuß: Schmetterlinges Kuß, ohn' — Lieb?
... Die Blume küßt noch manchen Zweiten ...;
Doch mir — die Seele an Dir hangen blieb!

Karl Frohme – Frommer Wunsch. (1871.)

Karl Frohme – Frommer Wunsch. (1871.)


Wenn ich einmal der Papst könnt' sein,
Schlöss' ich Sankt Peters Dom
Und richtete zum Wirtshaus ein
Den Vatikan in Rom.
Dann holte ich von weit und breit
Des Rebensaftes viel,
Und lüd' die ganze Christenheit
Zu einem Weinkonzil.

Damit ging's sicherlich nicht schief,
Wie mit manch anderm schon,
Ich schriebe einen Hirtenbrief
Im tolerant'sten Ton.
Als Motto – ha, das hätte Zug! –
Müßt' drauf zu lesen sein
Der allbekannte Bibelspruch:
»Dem Traurigen gib Wein!«

Ich selber übernähm' ganz frei
Das Kellermeisteramt,
Indes die schwarze Klerisei
Zum Zusehn würd' verdammt.
Der himmlischen Gendarmerie,
Mit oder ohn' Tonsur,
Säng' ich 'ne Abschiedsliturgie
Im Namen der Kultur.

Belegt' sie mit dem großen Bann
Im Namen der Vernunft –
Sie könnten auf dem Monde dann
Sich suchen Unterkunft.
Und alles rief' voll Fröhlichkeit:
»Zieht hin, wir bleiben hier,
Ihr trankt für uns gar lange Zeit, –
Für euch jetzt trinken wir!«

Das gäb' 'ne lust&…

Luise Hunnius - Dämmerung

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Der Himmel steht in goldnen Flammen,
Schon auf den Bergen ruht die Nacht,
Die Bäume rauschen leis zusammen,
Weiß fällt herab die Blütenpracht.


In süße Träume hingesunken
Hängt schwer herab der Blumen Haupt,
Die Nachtigall wie wonnetrunken
Singt in den Büschen dichtbelaubt.


Und Tag und Nacht zusammenfließen,
Wer schöner sei, ich weiß es nicht, —
Gleich Liebenden, die stumm sich grüßen,
Tief schauend sich in's Angesicht.


Ich aber steh', in sel'ges Schauen
Verloren ganz, noch immer da,
Vom Auge nur die Thränen tauen,
Weiß selber nicht, wie mir geschah.


Die Hände schlingen fest zusammen
Sich mir zum innigen Gebet,
Wie dort die letzten gold'nen Flammen
Mein Herz in Andacht untergeht.


aus: Unsere Frauen in einer Auswahl aus ihren Dichtungen, Herausgegeben von Karl Schrattenthal, Verlag Greiner & Pfeiffer, Stuttgart, 1888, S. 215.



Johanne Juliane Schubert - Gedanken am Abend

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Gedanken am Abend
Zu jener Reih' von meinen Lebensstunden,
Die schon unwiederbringlich schnell verschwunden,
Floß abermal ein Theil von meiner Zeit,
Ein Tag ins tiefe Meer der Ewigkeit!

Wie eilen dieses Lebens Augenblicke!
Vergebens wünsch' ich einen mir zurücke;
Und doch ist jeder mir ein Schritt ins Grab;
Ein Wink! mein halbes Wesen sinkt hinab!

Wie viele meiner Brüder, Gott! wie viele
Stehn jetzt vielleicht an ihrem Lebensziele!
Wie manchen ruft, eh' er's vielleicht gedacht,
Der Vorsicht Wink zur stillen Grabes-Nacht.

Führt seinen Geist zur Ewigkeit hinüber! –
Auch meine Tage rauschen schnell vorüber!
Auch ich bin Mensch, und meine Lebenszeit
Grenzt unzertrennlich an die Ewigkeit.

Bald ist sie da! mit jedem meiner Tritte
Naht sich der feierlichste meiner Schritte,
Der Schritt zur andern Welt; was wirds dann seyn
Das einst im Tode noch mich wird erfreun?

Ein Herz, das brechend noch mit Ruh darf sagen:
Bestimmt, für reine Tugend nur zu schlagen,
Blieb ich zwar nicht von Menschenschwächen fr…

Johanne Juliane Schubert - An einem mondhellen Abend

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Wie freundlich steigt der Mond herauf
Am fernen Himmelsrande;
Du lieber Mond, sei mir gegrüßt
In deinem Lichtgewande!

Wie bist du, o Natur! so schön
Am heitern Frühlingsabend;
Du kühler, mondbeglänzter Hain,
Wie still, wie süß und labend!

Hier will ich noch, dich Freundliche,
Voll hoher Lust geniessen,
Eh' sich mein Auge soll zur Ruh
Und süssem Schlummer schliessen.

Hier, vom Geräusch der Welt entfernt,
Fühl' ich des Himmels Frieden,
Und lasse jedem gern sein Glück,
Das ihm zum Loos beschieden.

Froh preiß ich dich, du guter Gott!
Dich, aller Freuden Quelle;
Durch dich ist mir der dunkle Pfad
Durchs Leben leicht und helle.

Nie will ich ohne Dankgefühl,
Allliebender! dich nennen;
Und bis ich Staub bin, soll mein Herz
Zu dir voll Liebe brennen.


aus: Gedichte der Webers-Frau Johanne Juliane Schubert geb. May, zu Würgsdorf bei Bolkenhain, Ernst Müller, Reichenbach, 1810, S. 43 f




Margaretha Adelmann - Das Mädchen am Berge

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Ein Mädchen sitzt am Berge,
Und schaut ins Land hin weit;
In ihren jungen Jahren
Hat sie schon viel erfahren,
Und ist voll Traurigkeit.


Es zog ihr Vielgeliebter
Am Wanderstabe hinaus,
Fort, in die Welt, die weite,
Fort unter fremde Leute,
Und kömmt nicht mehr nach Haus.


Und nun sind es zwei Jahre,
Daß er von dannen ging;
Zwei Jahre sind vorüber,
Seit trüb und immer trüber
Das Leben mich umfing!


Und groß und immer größer
Wird ihrer Sehnsucht Schmerz,
Und wild und immer wilder
Umklammern Schreckensbilder
Ihr angstgequältes Herz.


Und nimmer kann sie ruhen,
Es läßt sie nicht zu Haus,
Des höchsten Berges Spitze,
Wählt sie zu ihrem Sitze,
Und schaut ins Land hinaus!


Und schauet in die Ferne,
Bis spät die Sonne sinkt,
Ob von den vielen Wegen
Nicht einer ihr entgegen
Den Heißgeliebten bringt?


O! sitze nur am Berge
Und schau’ dich weinend um!
Es Niemand dir verarge,
Denn es liegt ja im Sarge
Dein Liebster — kalt und stumm;


Was deine ganze Seele
So ängstlich dir bewegt,
Es ist ein düstres Mahnen —
Es ist ein Todes Ahnen,
Das sich an…

Sidonie Grünwald-Zerkowitz - Einst und Jetzt.

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Sah sonst mein Lieb’ ich von mir gehen,
Blieb ich verlassen nicht zurück;
An der Schwelle sprach: »Auf Wiedersehen!«
Sein Scheidekuss, sein Scheideblick.

Am Kuss, am Blick konnt’ ich es kennen,
Dass, trägt’s mein Lieb’ auch fort von hier,
Mein Herz von mir sich nicht kann trennen,
Und dass sein Herz drum bleibt bei mir ...

Seh’ jetzt mein Lieb ich von mir gehen,
Schleich’ ich ihm nach zur Schwelle mein;
Möcht’ stumm mir einen Kuss erflehen!
Doch ihm fällt ach kein Kuss mehr ein! ...

Er eilt geschäftig von mir fort ach,
Küsst mir die Hand und zieht den Hut;
Spricht – statt zu küssen heiß – das Wort ach:
»Wir bleiben uns doch fürder gut?« Aus: Das Magazin für die Litteratur des In- und Auslandes, Herausgeber Karl Bleibtreu, Hundertundelfter Band, Januar bis Juni 1887, Wilhelm Friedrich Verlag, Leipzig, S. 529

Sidonie Grünwald-Zerkowitz - Der Herbst, der war mir lieber.

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Der Herbst, der war mir lieber
Als dieser Lenz mir ist!
Das Herz ging so uns über.
Dass wir uns wund geküsst!

Auf jedem stillen Steige
Blieben wir küssend steh'n –
Strich Herbst auch durch die Zweige,
Durchs Herz ging Frühlingsweh'n ...

Wir wanderten umschlungen
Durch die Auen im Mondenschein
Und hatten im Herbst gedungen
Den Mai – für uns allein. Aus: Das Magazin für die Litteratur des In- und Auslandes, Herausgeber Karl Bleibtreu, Hundertundelfter Band, Januar bis Juni 1887, Wilhelm Friedrich Verlag, Leipzig, S. 529

Sidonie Grünwald-Zerkowitz - An den nach Jerusalem und Aegypten ziehenden Freund.

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Was suchst du fern vom trauten Heimatlande
Im heißen Himmelsstrich der starren Sphinx?
Wähnst du, dir naht das – Glück im Wüstensande,
Wo öde Fremde dich umgähnet rings?

Nicht ist das Glück zu Haus in Pyramiden,
In Riesen-Gräbern ird'scher Herrlichkeit!
Vergebens sucht das Herz den süßen Frieden
Dort auf der Todtenstatt vergang'ner Zeit!

Ob auch dein Aug für flüchtige Augenblicke
Umfang' die Fessel andrer Weltgestalt,
Du lesest dort kein Steinchen auf zum Glücke,
Draus sich die Seele baut den frohen Halt! ...

Ein Dörfchen, das auf schmaler Scholle liege,
Wo dich als Kind dein frommes Mütterlein
In kunstlos holzgeschnitzter alter Wiege
In Schlummer sang mit süßem Liede ein,

Das Dörfchen hier und drinnen deine Hütte,
Dein Weib, dein Kind, dein eig'ner Herd,
Dein süß Daheim ist – aller Reiche Mitte –
Allein des Lebens Pilgerfahrten wert!
aus: Das Magazin für die Litteratur des In- und Auslandes, Herausgeber Karl Bleibtreu, Hundertundelfter Band, Januar bis Juni 1887, Wilhelm Friedrich…

Sidonie Grünwald-Zerkowitz - Sehnsuchtsseufzer bei Schneefall

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Ach könnt' ich doch eine Fee sein,
Mich zu wandeln in was mich freut!
Dann möcht' ich jetzt der Schnee sein,
Der in Flöckchen herab auf dich schneit!

In tausend weichen Krystallen
Aufs Augenlid dir, an die Brust ...
Ueberallhin ... küssend dir fallen ...
Ach, wär' mir das eine Lust! –
aus: Das Magazin für die Litteratur des In- und Auslandes, Herausgeber Karl Bleibtreu, Hundertundelfter Band, Januar bis Juni 1887, Wilhelm Friedrich Verlag, Leipzig, S. 528

Sidonie Grünwald-Zerkowitz - Liebesfrühling

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Liebesfrühling
(Was wir jetzt wollen ...)
Was fragt die Sonne, was sie will,
Blickt lenzhaft sie noch auf die Erde!?
In Beiden webet Lieb' erst still
Ohn' alle Sorge, was draus werde –

Erst bis des Sonnstrahls küssender Blick
Sich in der Erde Schoß versenkt hat,
Grüßt Beide in tausenden Blüten das Glück,
Das Einer dem Andern froh sich geschenkt hat! ...

aus: Das Magazin für die Litteratur des In- und Auslandes, Herausgeber Karl Bleibtreu, Hundertundelfter Band, Januar bis Juni 1887, Wilhelm Friedrich Verlag, Leipzig, S. 528

Sidonie Grünwald-Zerkowitz - Wenn ich die stille Auster wäre

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Wenn ich die stille Auster wäre,
Die im geschlossnen Muschelschrein
Birgt Perlen weiß, den Schatz der Meere:
Meine Perlen wären alle — dein!
Wär' ich der Strauch, dem auf den Zweigen
Die schönsten Rosen duftig blüh'n:
All meine Rosen würden dein Eigen!
Ich streute sie auf den Weg dir hin!
Doch Perlen nicht, nicht Rosen auf Zweigen
Ist, was ich habe, was ich biet';
So nimm das Beste, was mein Eigen:
Ich sing' dir, Liebchen, all mein — Lied!

aus: Das Magazin für die Litteratur des In- und Auslandes, Herausgeber Karl Bleibtreu, Hundertundelfter Band, Januar bis Juni 1887, Wilhelm Friedrich Verlag, Leipzig, S. 528

Kathinka Zitz - Klagen einer Frau

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Klagen einer Frau
(über ihren eifersüchtigen Ehemann)


Wenn sich keck auf meinen Nacken
Eine Flieg' zu setzen wagt,
Wird von meinem Herrn und Meister
Sie voll Zorn davon gejagt.
Durch ihr flüchtiges Berühren
Könnte sie mich leicht verführen;
Er verfolgt sie mit dem Wedel
Und schilt sie dabei noch tüchtig -
Auf die Lacken meines Bettes
Ist der Thor selbst eifersüchtig.
Seh' ich auf zum Firmamente,
Um die Wolken zu beschau'n
Folgt er meinem Blick behende,
Nie vermag er mir zu trau'n.
Seine Stirn' wird kraus umzogen,
Kommt ein Vogel hergeflogen;
Meiner Schönheit wegen, meint er,
Daß die Götter mich nicht hassen,
Daß sie mir durch alle Schwalben
Liebesanträg' machen lassen.

Aus: Kathinka Zitz, Dur- und Molltöne, Neuere Gedichte, Mainz, 1856