Gertrud Triepel – Schicksal

Akseli Gallen-Kallela – Démasquée


Sie sahn sich wieder nach langer Zeit,
Die sich als Kinder verlassen!
Die eine umhegte die Einsamkeit
Der heimatlich stillen Gassen;


Die andere hatte im Lärm der Welt
Allmählich ihr Selbst verloren
Und sich in schwankem lustigem Zelt
Ein Wanderleben erkoren.


Die eine mit arbeitsmüder Hand
Kam schüchtern dahergegangen –
Die andere rauschte im Seidengewand,
Geschmückt mit güldenen Spangen.


Die eine blickte noch fromm und rein,
Wie einst in den Kindertagen –
Die andre schien flackernden Feuerschein
Im dunklen Auge zu tragen.


Die eine hatte mit schlichtem Sinn
Ihr Glück in der Enge gezimmert –
Die andre gab's für ein Irrlicht hin,
Das lockend und hell geflimmert.


Sie sahn sich wieder nach langer Zeit
– Wie zitterten ihr Herzen –
Sie dachten der Kinderseligkeit
Mit ihren Wonnen und Schmerzen.


Sie dachten der Tage, die sie durchlebt,
Der Freuden, die sie genossen,
Und was sie errungen und was sie erstrebt
Und warm und innig umschlossen.


Die eine schaute verklärt in's Licht
Und fand des Dankes kein Ende –
Die andre vergrub ihr blasses Gesicht
Aufschluchzend in beide Hände!

aus: Buch der Sehnsucht, Eine Sammlung deutscher Frauendichtung, Eingeleitet und herausgegeben von Paul Remer, Verlegt bei Schuster & Loeffler, Berlin und Leipzig, 1900, S. 284f.

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