Karl Frohme – Frommer Wunsch. (1871.)

Karl Frohme – Frommer Wunsch. (1871.)


Wenn ich einmal der Papst könnt' sein,
Schlöss' ich Sankt Peters Dom
Und richtete zum Wirtshaus ein
Den Vatikan in Rom.
Dann holte ich von weit und breit
Des Rebensaftes viel,
Und lüd' die ganze Christenheit
Zu einem Weinkonzil.

Damit ging's sicherlich nicht schief,
Wie mit manch anderm schon,
Ich schriebe einen Hirtenbrief
Im tolerant'sten Ton.
Als Motto – ha, das hätte Zug! –
Müßt' drauf zu lesen sein
Der allbekannte Bibelspruch:
»Dem Traurigen gib Wein!«

Ich selber übernähm' ganz frei
Das Kellermeisteramt,
Indes die schwarze Klerisei
Zum Zusehn würd' verdammt.
Der himmlischen Gendarmerie,
Mit oder ohn' Tonsur,
Säng' ich 'ne Abschiedsliturgie
Im Namen der Kultur.

Belegt' sie mit dem großen Bann
Im Namen der Vernunft –
Sie könnten auf dem Monde dann
Sich suchen Unterkunft.
Und alles rief' voll Fröhlichkeit:
»Zieht hin, wir bleiben hier,
Ihr trankt für uns gar lange Zeit, –
Für euch jetzt trinken wir!«

Das gäb' 'ne lust'ge Kneiperei,
Wie nie die Welt sie sah,
Ohn' Frömmelei und Heuchelei
Versöhnte man sich da. –
So käm' doch einmal noch zu Ehr'
Die Siebenhügelstadt –
Und ich, ha, ha, ich wäre der,
Der das bewirket hat!

aus: Karl Frohme, Empor!, Lieder und Gedichte, Auer & Co., Hamburg, 1910, S. 15 f.

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