Dienstag, 30. November 2010

Joseph von Eichendorff - Abendlandschaft




Der Hirt bläst seine Weise,
Von fern ein Schuß noch fällt,
Die Wälder rauschen leise
Und Ströme tief im Feld.


Nur hinter jenem Hügel
Noch spielt der Abendschein -
O hätt’ ich, hätt’ ich Flügel,
Zu fliegen da hinein!


aus: Die Gartenlaube, Heft 10, Ernst Keil’s Nachfolger, Leipzig, 1888, S. 153
übernommen von der deutschsprachigen wikisource

Rosa Barach - Das deutsche Wort.

Rosa Barach auf einem Stich aus dem Jahr 1893


Ertöne laut du deutsches Wort,
Hinaus in Nah und Ferne,
Du bist uns ja ein treuer Hort,
Wir hören dich so gerne.
»Trotz alledem und alledem« — — — —
Wo deutsch das Wort das freie,
Da stehet Wahrheit, stehet Recht
Mit uns und deutsche Treue.


Ertön’ im Lied du deutsches Wort,
Aus tiefstem Herzensgrunde,
Es trage dich von Ort zu Ort,
Trag dich von Mund zu Munde.
»Trotz alledem und alledem« — — — —
Wo deutsche Lieder sprießen,
Da sehen wir die Geister all’
Dem Lichte sich erschließen.


Wo deutscher Geist und deutsches Wort
Euch grüßen, deutsche Lieder,
An diesem schönen, heil’gen Ort,
Ihr Brüder laßt euch nieder.
»Trotz alledem und alledem« — — — —
Wo deutsche Männer stehen,
Da wird auch treu und frei und wahr
Der Freiheit Banner wehen.


Blickt hin auf unsere Väter all’
In heil’gen deutschen Landen,
Es klang ihr Wort wie Schwerter Fall,
Geeint, befreit von Banden.
»Trotz alledem und alledem« — — — —
Erhebt das Wort das starke,
Auch Schwertern gleich, zu Schutz und Wehr,
Es sei des Deutschtums Marke.


Erhebt das deutsche freie Wort,
Jauchzt’ es in Nah und Ferne,
Es braust ein Lied von Ort zu Ort
Bis an die ew’gen Sterne.
»Trotz alledem und alledem« — — — —
Und trotz der Feinde Streben
Für’s treue, freie deutsche Wort
All’ unser Blut und Leben.


aus: Unsere Frauen in einer Auswahl aus ihren Dichtungen, Herausgegeben von Karl Schrattenthal, Verlag Greiner & Pfeiffer, Stuttgart, 1888, S. 9 f.






Karl Frohme - Gib uns unser täglich Brot! Ein Weihnachtsbild. 1877.

George F. Watts - Death Innocence
Zum ersten Dezember 2010

Heil'ger Abend ist's zur Weihnacht. In den Landen weit und breit
Kündet es der Kirchenglocken eh'rner Ruf der Christenheit,
Daß sie nach der Engel Mahnung mög' vergessen all ihr Weh,
Daß sie fröhlich sei und juble: »Ehre sei Gott in der Höh'
Und der Friede allen Menschen, die da guten Willens sind,
Weil zu Bethlehem geboren das verheiß'ne Gotteskind;
Der Messias, der Erlösung von der Sünde Schulden bringt,
Der gebenedeite Heiland – jauchze Erde, Himmel singt!« –
Schöne Worte, fromme Mythe! Weiter nichts! Die Menschheit, ach,
Bangt und seufzet ja noch immer in der alten Not und Schmach!
Guten Willens sind wohl viele, aber eine Utopie
Ist trotzdem der holde Friede und der Herzen Harmonie.
Statt Erlösung neue Knechtschaft, wert des Fluches mehr noch fast,
Wie die vor zweitausend Jahren; neue, schwere Sündenlast.
Menschen, Christen – jauchzt ihr wirklich allesamt ohn' Unterschied?
Nein, o nein! für Millionen klingt kein Weihnachtssegenlied,
Von des Jammers schweren Lasten wird nicht ihre Seele frei,
Hört die Welt denn nicht erbebend ihres Elends Fluchgeschrei?
Könnt' zu einem Gott ich beten, und es schlüge an mein Ohr
Dieser Jammer, dieses Schreien, dieser grause Elendschor,
Ließ ich wohl die Hände sinken, schaut' nicht mehr zu Himmelshöh'n,
Und bemühte mich, den Teufel auf der Erde zu versteh'n,
Der gemeinen Selbstsucht Dämon, der da ohne Ruh' und Rast
Allgewärtig, ohn' Erbarmen, grausam seine Opfer faßt,
Um zu quälen, zu zerrütten ihren Körper, ihren Geist,
Und sie nimmer loszulassen, bis der Tod sie ihm entreißt.
Menschen, Ebenbilder Gottes, kommt, ich zeig' euch unverhüllt,
Wie an zweien euresgleichen sich das Elendslos erfüllt!


* * *


Abend ist's, doch welch' ein Abend! Rauher Wind vom Norden her
Häufet ob der bangen Erde Wolkenmassen, regenschwer,
Die verbergen alle Sterne, keiner winkt mit mildem Schein,
Gleich als müsse zu der Weihnacht die Natur in Trauer sein.
Auf entleg'nem öden Landweg eine Frau mit ihrem Kind
Schreitet langsam, wankend vorwärts gegen Regenflut und Wind.
Ihre hageren, siechen Leiber deckt kein festes wärmend Kleid,
Dürftig in des Elends Lumpen eingehüllet sind sie beid'!
»Mutter,« fleht das Knäblein zitternd, »Mutter, nimm mich auf den Arm!
Bin so kalt und habe Hunger, gib mir Brod und mach' mich warm.«
Seufzend hält die Mutter inne, hebt das Kind empor und spricht,
Es in ihre Arme schließend: »Komm', ja komm', doch weine nicht!
Bald geb' ich dir auch zu essen, halt nur noch ein wenig aus.«
D'rauf das Knäblein: »Aber kommen wir denn bald auch an ein Haus?«
»Ja, ich seh' schon eins dort hinten, dort am Wald, es ist ganz nah,
Nur noch wenige Minuten, liebes Kind, und wir sind da.«
Und das Kind schlingt seine Aermchen um der Mutter Hals; die preßt
Es an ihren kalten Busen, schmerzdurchschauert, krampfhaft fest,
Wanket mit der teuren Bürde ihrer Liebe wieder fort.
Doch nicht lang' und wieder fragt es: »Mutter, sind wir nicht bald dort?«
Dort, wo dort denn? Knäblein, wo denn? Ach, kein Haus am Walde ist
Und dahinter auch noch keines! Mutters Trost war eine List,
Deiner Tränen Lauf zu stillen, die wie Tropfen glühend Erz,
Unnennbare Qual bereitend, fielen auf ihr wundes Herz.
Doch die Hoffnung, dich zu bergen unter einem sichern Dach,
Dir zur Stärkung Brot zu reichen, die ist in ihr selbst noch wach.
Menschen, meint sie, wird sie finden, die um der Barmherzigkeit,
Um der Liebe Gottes willen ihr zu helfen sind bereit.
Weiter keucht sie, immer weiter, indes sie zusammenrafft,
Der Verzweiflung nah', die letzten Reste ihrer schwachen Kraft.
Aber öder wird die Gegend, ringsumher nur tote Flur,
Von der Menschen Wohnstatt nirgends, nirgends eine leise Spur.
Und beschwerlicher und enger wird der Weg, er windet sich
Hin durch Steingeröll und Schollen – Weib, ach, wohin führt er dich?
Da, horch auf! Hast du's vernommen? Raben krächzen durch den Sturm,
Und am Tann dort, sieh, ganz nahe, hebt sich's wie ein mächt'ger Turm
Aus dem Dunkel in die Lüfte. Vorwärts, dorten findest du
Wohl noch Menschen, die nicht weigern Brot und eine kurze Ruh.
Und die Arme mit dem Kinde wieder schneller weiterstrebt,
Achtend nicht des Wegs Beschwerde, Hoffnung hat sie neu belebt.
Bald erreicht sie das Gebäude, Raben kreisen da herum
Heiser krächzend, doch sonst bleibet alles tot und alles stumm.
Wie die Frau auch angstvoll lauschet, keiner Menschenstimme Laut
Trifft ihr Ohr; wie sie auch spähet, keinen Lichtstrahl sie erschaut;
Ihren Ruf verhöhnt das Echo aus dem finstern Mauernest,
Einer längst zerstörten Zwingburg fluchumwebter Ueberrest.
Ach, das heißt betrog'nes Hoffen, heißt Enttäuschung! Jammernd Weib,
Wohin willst du hier denn betten dein und deines Kindes Leib?
Woher willst du Brot hier nehmen? Höre, selbst der Rabenchor
Hat vor Hunger ja nicht Ruhe, krächzet »Hunger« dir ins Ohr.
Irr'nden Blicks erschaut die Mutter, lehnend an der Mauer Rand,
Gottes Sohn am Kreuz, den Heiland, der Erlösung Unterpfand.
Und sie wirft sich vor ihm nieder mit dem Kind zur Seit' und fleht:
»O, allgütiger Erlöser, dessen Fest man heut' begeht,
Heiland, der für uns gestorben, o, erbarm, erbarm dich mein,
Mein und des unschuld'gen Kindes, laß uns nicht verloren sein!
Der du Himmel, Erd' und Menschen durch dein Wort hervorgebracht,
Rette, rette, send' uns Hilfe, steh uns bei in dieser Nacht!«
– – – – – – – – – –


Steigt des Mutterherzens Beten nicht empor zum Himmelsthron?
Wird solch brünstig Fleh'n erhören Gottes eingeborner Sohn?
Wird er nicht hernieder steigen von dem Kruzifix am Turm?
Antwort krächzen grimm die Raben durch den immer wild'ren Sturm.
– – – – – – – – – –


»Mutter, Mutter, will auch beten,« seufzt das Kind, und faltet fromm
Seine eisigkalten Händchen: »Lieber Jesus Christus komm,
Komm und hilf uns, denn wir hungern, und es ist so bitter kalt,
Und wir sind so krank, so müde, komm, o komm und hilf uns bald.«
Fester schmiegt sich's an die Mutter, die beim »Vater unser« ist,
Wimmernd stammeln ihre Lippen: »der du in dem Himmel bist«,
Und so fort bis zu der Bitte: »Gib uns unser täglich Brot«,
Da fällt ein des Kindleins Jammern: »Lieber Gott, ja, gib uns Brot«.
Und die Mutter schluchzend endet: »Mach von unsrer Schuld uns rein,
Wie auch wir von ganzem Herzen unsern Schuldigern verzeihn.«
– – – – – – – – – –


Herr im Himmel, Allerbarmer, heiliger, gerechter Gott,
Rede du, du Macht der Wunder, wehr' des Rabenschreies Spott;
Hilf dem Weib und ihrem Kinde, die sich gläubig dir vertraun
In des Elends Furienhänden, lasse sie ein Wunder schau'n,
Neig dein Ohr der Mutter letztem himmelstürmendem Gebet:
»Großer Gott, erhör die Mutter, die fürs arme Kindlein fleht!
Der du einst durch einen Raben dem Elias sandtest Brot,
Dem Propheten in der Wüste, schütz auch uns vorm Hungertod;
Sende deiner Engel einen, der uns aus dem Wettergraus
Führt zu guten, milden Menschen, in ein gastlich warmes Haus!«
– – – – – – – – – –


Wieder das Gekrächz von oben. Und das Heilandsbildnis schwankt
In dem zähen Epheunetze, das es schützend hält umrankt.
Und des Kreuzes Aechzen mischt sich in der Armen Schmerzgestöhn,
Ihres Dulder-Schicksals Ende hat der nächste Tag gesehn.
– – – – – – – – – –


Ob ein Engel wohl gekommen? Ja, der Todesengel kam,
Der die Mutter mit dem Kinde in das Reich des Friedens nahm.
Engumschlossen, eiserstarrt, man am Kruzifix sie fand,
Als der Weihnachtsmorgen graute nach der Sturmnacht überm Land.
– – – – – – – – – –


Könnt' zu einem Gott ich beten, und es schlüge an mein Ohr
Der enterbten Millionen grausenhafter Schmerzenschor –
Ließ' ich wohl die Hände sinken, schaut' nicht mehr zu Himmelshöh'n,
Und bemühte mich, den Teufel auf der Erde zu versteh'n.


aus: Empor!, Lieder und Gedichte von Karl Frohme, Auer & Co.Verlag, Hamburg, 1910, S. 52-59

entnommen von ngiyaw eBooks

Rosa Barach - Deutsch-Oesterreich

Lehrbrief (Quelle. wikipedia - pd)



Es steht ein Land so weit und groß,
Das sich zum Sitz die Treu erkoren,
Dies Land es trägt das Glück im Schoß,
Heil dem, der in dem Land geboren.
Auf allen Wegen
Blühender Segen
Freundlich dir lacht,
In seinen Gauen
Kannst du erschauen
Frieden und Macht.
Ist dir’s bekannt
Dies schöne Reich?
Ich nenn’ es  gleich:
Es ist das schöne, es ist das große, das treue Oesterreich!


Es steht ein Blümlein wunderhold
Auf seinen hoffnungsgrünen Fluren,
Erblüht im Frühlingssommergold
Trägt es der Freiheit lichte Spuren.
Wo es erglühet,
Allda blühet
Friede und Glück.
Darf zu den fernen
Leuchtenden Sternen
Tragen den Blick.
Und dieses Land
Wo sie entstand,
Dies schöne Reich
Ich nenn’ es gleich
Es ist das schöne, es ist das treue, das freie Oesterreich!


Und haltet hoch dies heil’ge Land,
Für das einst unsre Väter litten,
Sie haben uns des Glückes Pfand
Im deutschen Oesterreich erstritten.
Ihr Ruf erbrauste,
Wie Sturm er sauste
Zum Licht durch Nacht!
Darum wir halten
Wie einst die Alten
So treu die Wacht!
In diesem Land
Am Donaustrand,
In diesem Reich,
Dem keines gleich,
In diesem treuen, in diesem freien, dem deutschen Oesterreich!


Und wenn und Haß und Tücke droh’n,
Und Zwietracht und das Glück verneinet,
Dann scharen wir uns um den Thron,
Dem wir in Leid und Freud geeinet.
Auf denn, ihr Brüder,
Wir seh’n uns wieder
Vor’m Feind, will’s Gott.
Ein Mann wir stehen
Freudig wir sehen
Im Kampf und Tod,
Für dieses Land
Am Donaustrand,
Für dieses Reich
Dem keines gleich,
Für dieses treue, für dieses freie, für’s deutsche Oesterreich!


Dies künde laut, o du mein Lied,
Trag es bis an die fernsten Marken,
Was Oestereichs Herzen stolz durchglüht,
Des deutschen Oesterreichs, des starken.
Bis zu den fernen
Leuchtenden Sternen
Trag es empor,
In Jubelworten
Künd’a ller Orten
Freudig im Chor:
Dies schöne Land
So wohl bekannt,
Dies große Reich,
Dem keines gleich,
Es ist das treue, es ist das freie, das deutsche Oesterreich!


aus: Unsere Frauen in einer Auswahl aus ihren Dichtungen, Herausgegeben von Karl Schrattenthal, Verlag Greiner & Pfeiffer, Stuttgart, 1888, S. 7 ff.







Montag, 29. November 2010

Heinrich Heine - Psyche.

Sir Joshua Reynolds - Cupid and Psyche



In der Hand die kleine Lampe,
In der Brust die große Gluth,
Schleichet Psyche zu dem Lager
Wo der holde Schläfer ruht.


Sie erröthet und sie zittert
Wie sie seine Schönheit sieht –
Der enthüllte Gott der Liebe,
Er erwacht und er entflieht.


Achtzehnhundertjähr’ge Buße!
Und die Aermste stirbt beinah!
Psyche fastet und kasteyt sich,
Weil sie Amorn nackend sah.


aus: Heinrich Heine, Neue Gedichte, Hoffmann und Campe, Hamburg,  1844



Freitag, 26. November 2010

Ada Christen - Mariechen

Camille Pissarro – Kinder auf einem Bauernhof



Ich schaute ganz wie Du als Kindlein aus,
Nur etwas bleicher waren meine Wangen
Und wurden roth wie Deine, wenn im Haus
Wir polternd über Tisch und Stühle sprangen.


Die Augen waren auch so blau und rein,
Die Locken fielen d’rauf wie gold’ne Fädchen,
Doch liebte Niemand mich, als ich noch klein –
So innig wie ich Dich, Du kleines Mädchen!


aus: Ada Christen, Aus der Asche, neue Gedichte, Hoffmann & Campe, Hamburg, 1870, S. 38



Louise Aston - Berlin am Abende des 12. November 1848


Wilde kriegerische Klänge
Tönen in die Nacht hinaus,
Schweigend harrt des Volkes Menge
Vor dem königlichen Haus;
Manches Auge blitzt in Thränen,
Manche Faust ist wuthgeballt;
Ob der frevelnden Gewalt
Knirschen Kinder mit den Zähnen.

Glimm’! o glimm’,
Heiliger Grimm!



Bleiches Mondlicht strahlt hernieder
Auf die haßentbrannte Welt; –
’s ist derselbe Mond, ihr Brüder,
Der die Märznacht einst erhellt;
Kommt es heut zum Kugelregen:
Hält der Tod sein Sichelfest,
Und dem letzten Ueberrest
Gibt das Fallbeil seinen Segen. –

Noch ist von Groll
Das Maaß nicht voll. –



Erst des Landes Stimme hören
Will der friedliche Convent;
Bald wird sich das Land empören
Gegen Wrangels Regiment;
Drum voran mit edlem Stolze,
Bannerträger in Berlin!
Mag der Thron in Flammen glühn!
Denn er ist von faulem Holze.

Freiheit und Glück
Gibt Republik!


Freischärler-Reminiscenzen von Louise Aston, woraus das Gedicht entnommen wurde, auf ngiyaw eBooks

Louise Aston - IX. Harmonie

Claude Monet - Impression, soleil levant

IX. Harmonie


Das ist der Tag, der leuchtend aufgegangen!
Nicht mehr verworr’ner Traum hält mich umfangen!
Die Schattenbilder seh’ ich rings zerfließen,
In’s weite Meer des Lichtes sich ergießen,
Klangvoll hat Harmonie mein Herz durchdrungen;
Mich hat ein echt’ und groß’ Gefühl bezwungen!
Ihm gönne freudig ich des Sieges Recht,
Es soll mein Herr für ew’ge Zeiten bleiben,
Ein jeder Pulsschlag sei des Siegers Knecht;
Die ganze Seele will ich ihm verschreiben!
O süßer Schmerz, so um die Freiheit klagen!
O süße Knechtschaft, solche Fesseln tragen!
Die kühn die Welt gefordert vor die Schranken,
Kampflustige Gefühle und Gedanken,
Des freien Geistes trotzige Vasallen,
Sind machtlos jetzt dem neuen Bann verfallen!
Unglücklich war ich, als ich Herrin war,
Und spielte stolz mit Wünschen und mit Trieben;
Doch Glück umfängt mich süß und wunderbar,
Seit ich die ganze Seele Ihm verschrieben.


Wilde Rosen von Louise Aston, woraus das Gedicht entnommen wurde, auf ngiyaw eBooks

Donnerstag, 25. November 2010

Heinrich Heine - Frühling

Paul Peel -The Little Shepherdess



Die Wellen blinken und fließen dahin –
Es liebt sich so lieblich im Lenze!
Am Flusse sitzt die Schäferin
Und windet die zärtlichsten Kränze.


Das knospet und quillt, mit duftender Lust –
Es liebt sich so lieblich im Lenze!
Die Schäferin seufzt aus tiefer Brust:
Wem geb’ ich meine Kränze?


Ein Reuter reutet den Fluß entlang,
Er grüßt so blühenden Muthes!
Die Schäferin schaut ihm nach so bang,
Fern flattert die Feder des Huthes.


Sie weint und wirft in den gleitenden Fluß
Die schönen Blumenkränze.
Die Nachtigall singt von Lieb’ und Kuß –
Es liebt sich so lieblich im Lenze!


aus: Heinrich Heine, Neue Gedichte, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1844, S. 191 f.




Marie Eugenie Delle Grazie - Moses

Peel Paul - The Discovery of Moses



Moses
(Von Michel Angelo)


Noch flammt die Stirne dir von Sinai’s Wettern,
Noch weht um dich Jehovah’s myst’scher Hauch –
Da horch! metall’ner Becken gelles Schmettern –
Da sieh! das gold’ne Kalb, den Opferrauch,
Der schnöd gefall’nen Menschlein wüsten Reigen
Um’s Thier – ach, um ihr ewiges Symbol!
Zu ihnen wolltest du herniedersteigen,
Begeistert weltentrückt – des Gottes voll?
Für sie hast du die schlummerlosen Nächte
Durchträumt? Für sie dein Antlitz bleich gehärmt?
Für diese Brut rangst du des Himmels Mächte
Hernieder? Für dies Aas hast du geschwärmt?
Ihm wolltest du Prophet sein und Erretter,
Ihm Weisheit bringen, die von Gott entstammt –
Ihm? – hörst du nicht der Becken Hohngeschmetter,
Den Schrei der Bestie, brünstig, wahnentflammt?
Und seine Kiefer knirschen – in die Mähne
Des Bartes wühlt sich die ergrimmte Hand,
Die blutgeschwellte Ader wird zur Sehne
Und Stein der Leib, den Wuth und Schmerz gebannt!
Die mächt’ge Brust allein scheint auszuwogen,
Und diese Brust, sie ringt nach einem Schrei –
Ja, stoß ihn aus, Titan, den sie betrogen,
Die Zwerge dort, auf daß er dich befrei’!
Ein Sinai braus’ hernieder in Gewittern
Und Gottes Tafeln – wirf sie unter sie!
Denn würd’ger ist’s, ein göttlich Werk zersplittern,
Als es beschmutzt, zertreten seh’n vom Vieh!


aus: Marie Eugenie Delle Grazie, Italische Vignetten, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892, S.46



Catharina Regina von Greiffenberg - Auf den Kornschnitt

Paul Peel - Heuernte



SChneidet, schneidet ab mit Freuden, was der milde Himmel gibt,
die verguldte Lebens-Kron, fechsnet ietzund in die Scheuren:
GOtt wird sie, wie auf dem Feld, segnen auch in euren Mäuren.
Dem Allwesenden, durch diese, auch zu uns zukommen liebt.


Die vermenschet’ Allheit nachmals, in dem Brod, in uns sich schiebt,
bey dem GOttes-Wunder-Tisch, durch ihr starkes Lieb-anfeuren.
Dieses GOtt- nit Engel-Brod, laß die Sünde nicht versäuren!
Ewig es begabt und labet, alles anders bald verstübt.
Zwar es ist hoch dankens wehrt, auch das Leiblich Segen-geben.


Doch ach! was die Seel’ ergetzet, äusserst zu erwünschen ist.
Schatten, Pfeil, und Flügel-Art ist, mit seinem Gut, diß Leben.
 Gib mir, was du wilt, von diesem: nur das, was du selber bist,
Seeligkeit und Ewigs Gut, bitt ich, mir nit zuversagen.
Wer nur nach dem Höchsten zielt, wird das kleine schon erjagen.


aus: Geistliche Sonnette, Lieder und Gedichte, zu Gottseeligem Zeitvertreib, Michael Endters, Nürnberg, 1662, S. 242



Frida Bettingen - Nachts

Vincent van Gogh - Der Sämann



Ruhesam
kniet mein Herz
unter den schwebenden Rufen
der ewigen Heimat.

Nur der düstere Hüter der Tore schreckt es.

Oh,
wer wird bei mir sein,
wenn sich die letzten, strengen Angeln wenden werden.

Auf seiner wartenden Augen Geheiß!

Stern, lieber Stern,
Du Tropfen Ewigkeit
am stillen Himmel,
all meiner welkenden Stunden Mühsal
ist Goldstaub und Anbetung worden in Deiner Hand.

Du hast Deine frommen Tempelwände darum gebaut.

Stern, lieber, lieber Stern,
wir kennen uns schon lange,
Jahrtausende stickten den Saum Deiner Kleider,
Du hörst die Harfen Gottes,
Du weißt, wo Er wohnet,
sein Weg ist Dein Weg, – –

»Führe mich – führe mich!«

aus: Frida Bettingen, Gedichte, Georg Müller, München, 1922, S. 76



Mittwoch, 24. November 2010

Friederike Brun - Die Locken der Mägdlein

Paul Cezanne - Blumenvase



Die Locken der Mägdlein.
Ein Opfer der Mutter an Hebe.


Siehe die glänzenden Löckchen, o rosenduftende Hebe,
     Weich wie der Pappelbaum blüht, golden wie reifende Saat!
Zierlich umherzt vom Gefäß und von thauigen Blumen umduftet,
     Stell’ ich sie hoffenden Sinns leis’ am Altare dir hin!
Nimm das Opfer der Kindheit, o himmlischlächelnde Göttin,
     Knospen-Enthüllerin, nimm freundlich die Gabe des Mais!
Lächelnd folgen die Mägdlein; doch thaut auf das Lächeln die Thräne,
     Weil sie des wallenden Haars schmeichelnd die Mutter beraubt.
Freudig vertrauen sie dir, du Spenderin lieblicher Gaben,
     Die du im hohen Olymp ewiges Lächeln verstreust!
Bräune die keimenden Locken und röthe die knospenden Wangen
     Unschuld schirme die Brust mit diamantenem Schild!
Stolz entleuchte dem Blick und Lieb’ entathme der Lippe,
     Zärtlichkeit hebe das Herz, Edelmuth glänz’ auf der Stirn!
Willst du den zarten Schwestern, o Göttin, alles gewähren:
     Misch’ in der Locken Schnee, spät noch die Blüthe der Huld.


aus: Friedrich Schiller, Musen-Almanach für das Jahr 1799, J. G. Cotta, Cotta, Tübingen, 1799, S. 75f.
Sscan von wikimedia commons








Marie Eugenie Delle Grazie - Abschied

Lachlan Donald from Melbourne, Australia
(licensed under the Creative Commons Attribution 2.0 Generic license
Some Rights Reserved.)



Vollmondnacht! Von allen Hügeln
Nieselt’s silberblau in’s Meer,
Auf des Südwind’s trägen Flügeln
Schwimmt’s narkotisch zu mir her –
Vollmondnacht!


Wund mein Herz .... der Wogen Rauschen
Scheucht die Ruh’ von meinem Pfühl –
Wie’s mich lockt, hinabzulauschen,
In die Nacht, so ahnungsschwül –
Wund mein Herz ....


Sieh’, da winkt es aus den Fluthen,
Geisterhaft – Neapel’s Bild!
Meine Seel’ fühl’ ich verbluten
Und mein Herz pocht heiß und wild –
Sieh’, da winkt’s!


Und Vineta’s muß ich denken,
Ach! und jedes Augenblick’s,
Da ich fern’ werd’ dein gedenken,
Du Vineta meines Glück’s –
Meines Glück’s!


aus: Marie Eugenie Delle Grazie, Italische Vignetten, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892, S. 87







Louise Otto - Neue Liebe

Rogelio de Egusquiza - Tristan e Isolda


Wenn mit neuen Glutgefühlen und mit sehnendem Verlangen,
Einem Herzen ist die Liebe gleich der Sonne aufgegangen,
Da erwachen neue Lieder so die neue Schöpfung preisen,
Aus den langverstummten Innern klingts in wunderreichen Weisen.


Aber eine Liebe weiß ich, eine, die uns mehr erschüttert
Und ihr Aufgang gleicht der Sonne, wenn die Wetterwolke wittert,
Wenn die Fluren tauig glänzen und die Vögel wonnig schmettern
Und in rabenschwarzen Wolken Blitze machtlos niederklettern.


Freiheit! Freiheit ist die Sonne und der Freiheit gilt dies Lieben,
Wollet nimmer Euch verwundern, daß, die frühe stumm verblieben,
Von den deutschen Sängern allen, jetzt auch Schlachtenlieder singen –
Freiheit, des Jahrhunderts Göttin heischt solch waffenhelles Klingen.


Drohet nur ihr dunklen Wolken, so die Sonne noch umzogen
Eure Blitze falln wie Pfeile von den schlaffgewordnen Bogen,
Fallen machtlos, zündlos nieder, schrecken nur der Feigen Wege,
Doch wir Andern sprechen tröstend: seht! es sind nur kalte Schläge.


Laut besingen die Geliebte heischt des Liebenden Begehren
Ihre Huld in Liedern preisen und vor aller Welt sie ehren.
Kämpfen auch sie zu besitzen, sterben, für die Liebste sterben –
Dazu sind wir all begeistert, die um’s Liebchen »Freiheit« werben.


aus: Louise Otto, Neue Liebe,  Mein Lebensgang, Gedichte aus fünf Jahrzehnten,  Moritz Schäfer, Leipzig, 1893, S. 40 f.




Wilhelm von Chézy - Das Räthsel der schönen Unbekannten

Wilhelm von Chézy - Das Räthsel der schönen Unbekannten. Ein holdes Räthsel soll ich lösen, Und schon ist mir die Deutung klar, Ich weiß...