Anna Louise Karschin - Die Castanien-Baeume.

Berlin, Spree um 1900


Die Castanien-Baeume.


Euch Zierden von Berlin! und seines Volks Vergnügen,
Die ihr in seiner Mitte blüht!
Lieblingen gleich, die sanft im Schoos der Mutter liegen,
Euch, Bäume! feyrt mein dankbar Lied.


Freundschaftlich nehmt ihr mich in eure stillen Schatten,
Wo mich ein kühler West erfreut.
Und krönet jeden Tag, eh' Ruh und Schlaf sich gatten
Mit Freuden der Geselligkeit.


Ich seh' des Flusses Gott, wie still mit Wohlgefallen
Sein träufelnd Haupt empor er hält:
Und schaut sie lächelnd Hand in Hand vorüber wallen
Die junge und die schöne Welt.


Von seinen Ufern eilt ein Heer schalkhafter Weste
Zu schwärmen um die frohe Schaar.
Muthwillig scherzen sie, die stets willkommnen Gäste
Um blüh'nde Wangen, Brust und Haar.


Sie rollt indessen fort, nimmt still in kurzen Wellen
Durch Königstädte ihren Lauf.
Die majestätische Spree! und ihre Ströhme schwellen
So wie sie forteilt, stärker auf.


An ihren Ufern prangt der Bau, den einst Bellonen
Ihr königlicher Freund zum Tempel gab.
Mit trozigem Gesicht schaut hier von ihren Thronen
Des Schreckens Göttin hoch herab.


Zehn Thore öfnen sich. — Aus ihrem Heiligthume
Versorgt mit Waffen sie den Held:
Ihr donnerndes Geschoß trägt schnell zu FRIEDRICHS Ruhme
Des Krieges Schrekken durch die Welt.


O möchten wir doch bald von deiner Hand Irene,
Die Thore fest verschlossen sehn!
Und friedlich denn mit uns, Bellona! deine Söhne
In dieser Bäume Schatten gehn.


Aus: Die Spazier-Gaenge von Berlin (Drei unbekannte Gedichte der Anna Louise Karschin.), 1761Der Gesellschaft der Bibliophilen, zu ihrer Generalversammlung am 16. Oktober 1921 in Berlingewidmet von Oskar Rauthe, Verlagsbuchhändler und Antiquar, Berlin-Friedenau, Nr. 25 von 300 Exemplaren




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