Georg Reicke - Begräbnis.

Harald Reiter - Kaleidoskopismus rot ll (copyrighted!)



Sie kamen daher — drei Mann oder vier,
in Feiertagskleidern und hohen Hüten;
der erste trug ein Bandelier,
daran ein Kindersärglein hing —
war gar ein winzig ärmlich Ding.


Stumm schritten sie durch das Strassengewühl
mit müden, verdrossenen Arbeitsgesichtern —
und manchen beschlich ein eigen Gefühl,
wenn er nachblickte dem traurigen Zug,
der ein Menschenkindlein zu Grabe trug.


Sie hatten es bald zur Erde gebettet.
Als die Klumpen drauf fielen, Scholl auf Scholl’,
da zogen die Hüte sie andachtsvoll.
Dann setzten sie sich in die Schänke daneben
und liessen sich Bier und Branntwein geben.


Der Vater that zwei tüchtige Schlück’:
»Ist schon solch ein liebes Dingel gewesen —«
Sein Nachbar sprach: »Es war ein Glück
was hätt es vom Leben gehabt und besessen!«
und dann war das arme Würmchen vergessen. 


Zu Haus aber liegt ein blasses Weib,
das krallt die Hände in dürftige Kissen.
Sie sehnt sich nach dem verscharrten Leib,
den kleinen Gliedern, die weich und warm
ein paar kurze Monden ihr lagen im Arm.


Denn wieder nun sieht sie nur alte Not,
die tägliche Sorge fürs tägliche Brot
um nichts, um nichts, als das bischen Leben!
Und schmerzlich stöhnt sie: »Mein lieber Kleiner!
warum denn? warum nur!« ... Es hört sie keiner!


aus: Winterfrühling Gedichte von Georg Reicke Verlegt bei Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1901

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