Georg Reicke - Stimmen im Eise.

Madeleine Schäfer - Eiskristalle (Lizenz: cc-by-sa)



Stimmen im Eise —
heimliche leise
Stimmen —!
Jetzt Wispern, irrend
gleich Elfenflüstern
in nächtlichen Rüstern;
jetzt fein erklirrend
wie von krystallener Schale,
die herabfiel beim Mahle
und auf dem weichen Teppich
kaum klingend zerbrach —!
... Doch eine weisse Hand griff danach
und raschelte mit den gläsernen Scherben
auf dem weichen Teppich —
ein Tröpflein musste sie färben,
Blut, Tröpflein rotes Blut!
— — —
Und in dem Kelch war Champagner gewesen
— — —
Und in dem Blicke stand Glut,
o, tiefe, scheue Glut zu lesen,
die herüberdrang
zu mir — —
Jetzt kracht es laut;
Schau, klirrend zersprang
die weisse Decke unter der Brücke
in grosse Stücke!
Die Februarsonne küsst das Eis
gleich einer spröden Braut,
ungestüm, hier hinterm Walde,
dass die starre Hülle springt
und Flut hervordringt,
niedergehaltne —!


Warte nur, nun ich das weiss,
küss ich dich auch, du Schöngestalt’ne
ungestüm, hier hinterm Walde,
bald ! balde!


aus: Winterfrühling Gedichte von Georg Reicke Verlegt bei Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1901

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