Gertrud Pfander – Unerträgliches




Ich sehe, wie in früher Kindheit Zeit
Kann keinen Freudenton ich mehr ertragen
Und muß wie früher meine Fenster schließen,
Wenn auf der Gass’ ein Handwerksbursche pfeift.

Ein träumerisch und überreiztes Kind
Hockt ich schon mit zwölf Jahren über Versen,
An Heinrich Heine’s Liedern mich berauschend,
Und hab ein feines Gift mir eingeimpft.

Was galt es mir denn, daß ich häßlich war,
daß wirr mein Haar, zerrissen meine Kleider,
Armselig meine Kost und hart die Leute! …
Ich suchte – suchte – – was denn nur?

Und wer mich sah, sah mich verächtlich an,
Und wer mich sprach, begann den Kopf zu schütteln;
Wer mich erzog (– das heißt, es tat es keiner –),
Sprach: »Sie ist träg und herzlos und hat Geist.«

Mir aber war das völlig einerlei,
Am liebsten sah ich heulend in die Sonne;
Bei Geigenklang verstopft ich mir die Ohren
Und wartete auf eine große Liebe … –

Ich wuchs heran. – Man sagt, ich sei geschickt,
Sei gut und strebsam und vernünftig worden.
Wahr ist nur dieses: In den Schoß geschüttet
Hat mir das Schicksal eine Handvoll Gold.

Indessen ist dadurch mein Mut erwacht,
Mit Freuden hob ich meine klaren Augen
Und hatte meinen Weltschmerz fast vergessen
Und wanderte erstaunt den neuen Weg.

Und jetzt – mein Liebster – seit ich dich gesehn,
Steigt’s wieder auf, erwürgend, draüend, prächtig,
Mit Seligkeit mir meinen Weg vergällend!
Grad wie ich schauernd es geahnt als Kind.

Da steht sie, – – wie ich sie in Büchern las,
Grad wie ich sie erwünscht, ersehnt, erdichtet:
So eine recht verfluchte Künstlerliebe
Ohn’ Witz und Salz, mitsamt dem Hungertuch!
aus: Helldunkel, Gedichte und Bekenntnisse von Gertrud Pfander, herausgegeben von Karl Henckell, Verlag A. Franke, Bern, 1908, S.85 f.

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