Freitag, 31. Dezember 2010

Walter Calé - Beim Spinnen

William-Adolphe Bouguereau - Die Spinnerin


  Reißt auch der Faden nicht? 
  Steht auch das Rad nicht still? 
  Hab’ ein träumend Gesicht 
  und weiß nicht, was ich will. 


Was war’s doch für ein Märchen, das die Alte erzählt?
— es wird ja auch Abend, es dämmert schon —
den ganzen Tag hat’s mich gequält.
Wie heißt doch sein Name —? der Königssohn!
— es ist hier ein gar versonnener Platz! 
am liebsten macht’ ich die Augen zu! — 
der hat einen blondhaarigen, weißen Schatz, 
— sie küßten sich bald und sagten sich du!
                  und sagten sich du!


  — — — — —


  Ist es denn schon so spät? 
  Ei, wie die Spindel kreist! 
  Daß nur das Rad nicht stille steht! 
  Daß nur der Faden nicht reißt! 


Das ewige Surren! Ich möchte fort!
So weit hinaus! Fragt nicht, wohin!
Ich beiß’ mir auf die Lippen und sage kein Wort!
Dann scheltet nur wieder: »Du Eigensinn!«


Durch die Finger scheint mir ein rosiges Licht;
— einst lag ich blinzelnd im grünen Gras
und hielt mir die Hände vors Gesicht:
dann träumt sich’s gut; man weiß doch, was!
                  man weiß doch, was! —


  Kommt die Mutter zurück, 
  was liegt mir dran! 
  Reißt der Faden in Stück, 
  so knot’ ich ihn an! 


Was träumt’ ich heut’ Nacht? Von dem bleichen Stern!
— Die Sonnenstäubchen, die — fang’ ich mir —
Ich sag’s ja doch nicht: »Ich hab’ dich gern!« — —
— nun sitz’ ich hier — und sitze hier — —
Ach Gott, das Abendglockengeläut!
Schlief ich doch erst, dann hätt’ ich Ruh!
— Ich weiß nicht, ich bin so müde heut’ —
— — Sie küßten sich bald — und sagten sich du!
                  und — sagten — sich — du! —



(Sie schläft ein)

Donnerstag, 23. Dezember 2010

Theobald Tiger - Großstadt-Weihnachten

Paul Gauguin - Weihnachten

Zum 24. Dezember 2010


Nun senkt sich wieder auf die heim’schen Fluren
die Weihenacht! die Weihenacht!
Was die Mamas bepackt nach Hause fuhren,
wir kriegens jetzo freundlich dargebracht.


Der Asphalt glitscht. Kann Emil das gebrauchen?
Die Braut kramt schämig in dem Portemonnaie.
Sie schenkt ihm, teils zum Schmuck und teils zum Rauchen,
den Aschenbecher aus Emalch glasé.


Das Christkind kommt! Wir jungen Leute lauschen
auf einen stillen heiligen Grammophon.
Das Christkind kommt und ist bereit zu tauschen
den Schlips, die Puppe und das Lexikohn.


Und sitzt der wackre Bürger bei den Seinen,
voll Karpfen, still im Stuhl, um halber Zehn,
dann ist er mit sich selbst zufrieden und im Reinen:
»Ach ja. so’n Christfest is doch ooch janz scheen!«


Und frohgelaunt spricht er vom ›Weihnachtswetter‹,
mag es nun regnen oder mag es schnei’n.
Jovial und schmauchend liest er seine Morgenblätter,
die trächtig sind von süßen Plauderei’n.


So trifft denn nur auf eitel Glück hinieden
in dieser Residenz Christkindleins Flug?
Mein Gott, sie mimen eben Weihnachtsfrieden …
»Wir spielen alle. Wer es weiß, ist klug.«


aus: Die Schaubühne. Jahrgang 9, Nummer 52, Seite 1293, Herausgegeben von Siegfried Jacobsohn, 25. Dezember 1913, Verlag der Schaubühne, Berlin
(übernommen von der dt. wikisource)

Arno Holz - Weihnachten.

Jean Fouquet - Maria mit dem Kind


Zum 23. Dezember 2010


Und wieder nun läßt aus dem Dunkeln
die Weihnacht ihre Sterne funkeln!
Die Engel im Himmel hört man sich küssen
und die ganze Welt riecht nach Pfeffernüssen ...


So heimlich war es die letzten Wochen,
die Häuser nach Mehl und Honig rochen,
die Dächer lagen dick verschneit
und fern, noch fern schien die schöne Zeit.
Man dachte an sie kaum dann und wann.
Mutter teigte die Kuchen an
und Vater, dem mehr der Lehnstuhl taugte,
saß daneben und las und rauchte.
Da plötzlich, eh man sich’s versah,
mit einmmal war sie wieder da.


Mitten im Zimmer steht nun der Baum!


Man reibt sich die Augen und glaubt es kaum ...
Die Ketten schaukeln, die Lichter wehn,
Herrgott, was gibt’s da nicht alles zu sehn!
Die kleinen Kügelchen und hier
die niedlichen Krönchen aus Goldpapier!
Und an all den grünen, glitzernden Schnürchen
all die unzähligen, kleinen Figürchen:
Mohren, Schlittschuhläufer und Schwälbchen,
Elefanten und kleine Kälbchen,
Schornsteinfeger und trommelnde Hasen,
dicke Kerle mit roten Nasen,
reiche Hunde und arme Schlucker
und alles, alles aus purem Zucker!


Ein alter Herr mit weißen Bäffchen
hängt grade unter einem Äffchen.
Und hier gar schält sich aus seinem Ei
ein kleiner, geflügelter Nackedei.
Und oben, oben erst in der Krone!
Da hängt eine wirkliche, gelbe Kanone
und ein Husarenleutnant mit silbernen Tressen –
ich glaube wahrhaftig, man kann ihn essen!


In den offenen Mäulerchen ihre Finger,
stehn um den Tisch die kleinen Dinger,
und um die Wette mit den Kerzen
puppern vor Freuden ihre Herzen.
Ihre großen, blauen Augen leuchten,
indes die unsern sich leise feuchten.
Wir sind ja leider schon längst »erwachsen«,
uns dreht sich die Welt um andre Achsen
und zwar zumeist um unser Bureau.
Ach, nicht wie früher mehr macht uns froh
aus Zinkblech eine Eisenbahn,
ein kleines Schweinchen aus Marzipan.
Eine Blechtrompete gefiel uns einst sehr,
der Reichstag interessiert uns heut mehr;
auch sind wir verliebt in die Regeldetri
und spielen natürlich auch Lotterie.
Uns quälen tausend Siebensachen.
Mit einem Wort, um es kurz zu machen,
wir sind große, verständige, vernünftige Leute!


Nur eben heute nicht, heute, heute!


Über uns kommt es wie ein Traum,
ist nicht die Welt heut ein einziger Baum,
an dem Millionen Kerzen schaukeln?
Alte Erinnerungen gaukeln
aus fernen Zeiten an uns vorüber
und jede klagt: Hinüber, hinüber!
Und ein altes Lied fällt uns wieder ein:
O selig, o selig, ein Kind noch zu sein!


aus: Arno Holz, Buch der Zeit. Lieder eines Modernen, Carl Reißner, Dresden, 1884, S. 210 f.
(übernommen von dt. wikisource)

Dienstag, 21. Dezember 2010

Joachim Ringelnatz – Einsiedlers Heiliger Abend

Wilhelm Leibl - Der Trinker

Zum 21. Dezember 2010


Ich hab' in den Weihnachtstagen –
Ich weiß auch, warum –
Mir selbst einen Christbaum geschlagen,
Der ist ganz verkrüppelt und krumm.


Ich bohrte ein Loch in die Diele
Und steckte ihn da hinein
Und stellte rings um ihn viele
Flaschen Burgunderwein.


Und zierte, um Baumschmuck und Lichter
Zu sparen, ihn abends noch spät
Mit Löffeln, Gabeln und Trichter
Und anderem blanken Gerät.


Ich kochte zur heiligen Stunde
Mir Erbsensuppe mit Speck
Und gab meinem fröhlichen Hunde
Gulasch und litt seinen Dreck.


Und sang aus burgundernder Kehle
Das Pfannenflickerlied.
Und pries mit bewundernder Seele
Alles das, was ich mied.


Es glimmte petroleumbetrunken
Später der Lampendocht.
Ich saß in Gedanken versunken.
Da hat's an die Türe gepocht,


Und pochte wieder und wieder.
Es konnte das Christkind sein.
Und klang's nicht wie Weihnachtslieder?
Ich aber rief nicht: »Herein!«


Ich zog mich aus und ging leise
Zu Bett, ohne Angst, ohne Spott,
Und dankte auf krumme Weise
Lallend dem lieben Gott. 


aus: Joachim Ringelnatz, Allerdings, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1928, S. 125 f. 

Sonntag, 19. Dezember 2010

Theodor Storm – Knecht Ruprecht.

Weihnachtsgruesse
BNK 34793-4 http://www.goethezeitportal.de

Zum 20. Dezember 2010


Von drauß' vom Walde komm ich her;
Ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr!
Allüberall auf den Tannenspitzen
Sah ich goldene Lichtlein sitzen;
Und droben aus dem Himmelsthor
Sah mit großen Augen das Christkind hervor,
Und wie ich so strolcht' durch den finstern Tann,
Da rief's mich mit heller Stimme an:
»Knecht Ruprecht«, rief es, »alter Gesell,
»Hebe die Beine und spute dich schnell!
»Die Kerzen fangen zu brennen an,
»Das Himmelsthor ist aufgethan,
»Alt' und Junge sollen nun
»Von der Jagd des Lebens einmal ruhn;
»Und morgen flieg' ich hinab zur Erden,
»Denn es soll wieder Weihnachten werden!«
Ich sprach: »O lieber Herre Christ,
»Meine Reise fast zu Ende ist;
»Ich soll nur noch in diese Stadt,
»Wo's eitel gute Kinder hat.«
– »Hast denn das Säcklein auch bei dir?«
Ich sprach: »Das Säcklein das ist hier:
»Denn Aepfel, Nuß und Mandelkern
»Fressen fromme Kinder gern.«
– »Hast denn die Ruthe auch bei dir?«
Ich sprach: »Die Ruthe, die ist hier:
»Doch für die Kinder nur, die schlechten,
»Die trifft sie auf den Theil den rechten.«
Christkindlein sprach: »So ist es recht;
»So geh mit Gott, mein treuer Knecht!«


Von drauß' vom Walde komm ich her;
Ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr!
Nun sprecht, wie ich's hierinnen find'!
Sind's gute Kind', sind's böse Kind'?


aus: Theodor Storm, Gedichte, Verlag von Gebrüder Paetel, 1889, Berlin, S. 143f

Arthur Sakheim - Die Nixe in Hag

John William Waterhouse-Hylas-Nymphs (bearbeitet)



Soll ich dirs, Verzauberte, verkünden?
Goldner Wahnsinn träumte von der Macht,
Dir ein Licht des Lebens zu entzünden
In der schweren, dunsterfüllten Nacht.


Leise klangs, in mildem Zaubertone —
Schwoll zu einer wilden Melodie;
Und du trugst die kummervolle Krone
Nebelsilberner Melancholie.


Weiß und still verrannen jene Stunden,
Märchen duftete dein edles haar;
Und mir wars, als könntest du gesunden
Von der fahlen, grabenden Gefahr.


Kaltes Feuer glomm in deinen Brüsten,
Meine freudeleere Wasserfee, —
Und die weißen Nenüfare küßten
Und umschmiegten ungestilltes Weh.

Goldner Wahnsinn träumte, zu entzünden
Deiner Seele seltsam blauen Laut —:
Laß es dir, Verzauberte, verkünden,
Meine müde, meine tote Braut.


Aus: Arthur Sakheim, Magnificat, Verlag von Carl Reissner, Dresden, 1912




Samstag, 18. Dezember 2010

Joachim Ringelnatz – Vorfreude auf Weihnachten

Geburt Christi von Hans Leonhard Schäufelein

Zum 19. Dezember 2010


Ein Kind – von einem Schiefertafel-Schwämmchen
Umhüpft – rennt froh durch mein Gemüt.


Bald ist es Weihnacht! – Wenn der Christbaum blüht,


Dann blüht er Flämmchen.
Und Flämmchen heizen. Und die Wärme stimmt
Uns mild. – Es werden Lieder, Düfte fächeln. –


Wer nicht mehr Flämmchen hat, wem nur noch Fünkchen glimmt,
Wird dann doch gütig lächeln.


Wenn wir im Traume eines ewigen Traumes
Alle unfeindlich sind – einmal im Jahr! –
Uns alle Kinder fühlen eines Baumes.


Wie es sein soll, wie's allen einmal war. 


aus: Joachim Ringelnatz, 103 Gedichte, Ernst Rowohlt, Berlin, 1933, S. 52 f. 

Theodor Fontane - [Knecht Ruprecht]





Zum 18. Dezember 2010


Noch ist Herbst nicht ganz entflohn,
Aber als Knecht Ruprecht schon
Kommt der Winter hergeschritten,
Und alsbald aus Schnee'es Mitten
Klingt des Schlittenglöckleins Ton.


Und was jüngst noch, fern und nah,
Bunt auf uns herniedersah,
Weiß sind Türme, Dächer, Zweige,
Und das Jahr geht auf die Neige,
Und das schönste Fest ist da.


Tag du der Geburt des Herrn,
Heute bist du uns noch fern,
Aber Tannen, Engel, Fahnen
Lassen uns den Tag schon ahnen,
Und wir sehen schon den Stern.


aus dem Roman Unwiederbringlich

Freitag, 17. Dezember 2010

Rudolf Lavant – Rothe Weihnachten.

Blake Dante Hölle XXIV Diebe


Zum 17. Dezember 2010


Wie seinen Arm im Licht des jungen Tages
Der Zecher seufzend auf die Tafel stemmt,
Die man im wüsten Toben des Gelages
Mit Blut der Reben achtlos überschwemmt;
Wie in die Hand er müde senkt die Stirne,
Und wie ein Frösteln seinen Leib durchbebt
Und wie ihm leise schaudert vor der Dirne,
Die stieren Blicks das Glas noch immer hebt;


Wie er sich schämt, daß dem verbuhlten Flüstern
Er Nachts gelauscht – wie er in Ueberdruß
Sie von sich stößt, die ihm die Lippe lüstern
Noch immer bietet zu verbotnem Kuß;
Und wie, voll Ekels vor dem Wein, der Schlaffe
Das Glas, das vor ihm, hastig von sich stößt
Und gierig ein aus blitzender Karaffe
Des Wassers kalte, reine Fluth sich flößt –


So schüttelt langsam ab des Rausches Bande,
Von Frost durchrieselt, müde, stumpf und bleich,
Und so besinnt sich auf die eigne Schande
Das arme Volk im neuen Deutschen Reich.
Es weist zurück in Ungeduld und Grauen
Den Taumelkelch, mit Lolch und Mohn bekränzt,
Und runzelt drohend seine dunklen Brauen,
Wenn er ihm gleißend vor der Lippe glänzt.


Es ist der Lüge satt, die ihm geschmeichelt,
Die es berauscht, die seinen Blick verhängt,
Die ihm die Wange dirnenhaft gestreichelt
Und immer dichter sich an ihn gedrängt.
Der Rausch der Siege und der Macht – verflogen!
Die goldne Zeit, die man verhieß – ein Schein!
Wie plump und frech die Presse dich betrogen –
Mein armes Volk, siehst du es endlich ein?


Nun hörst du wieder auf der Wahrheit Stimme,
Die Trommelwirbel lange übertäubt,
Und wider die und deren Wort die schlimme
Verführerin in wildem Haß sich sträubt.
Laß sie nur immer durch die Zähne zischen,
Laß sie nur zetern, bis die Kraft ihr schwand –
Von ihren Wangen wird die Schminke wischen,
Die lügnerische, strenger Wahrheit Hand.


Wohl steht sie höhnisch lächelnd da – es gleißen
Die falschen Steine – groß ist ihre Macht,
Die Wahrheit aber wird vom Leibe reißen
In Fetzen ihr die angemaßte Pracht,
Und wie sie nieder jetzt zu treten trachtet,
Was schlicht und edel, wahr und frei und rein,
So wird mit Recht sie von der Welt verachtet
Und wie die Pest dereinst gemieden sein.


Wir sind die Plänkler, und voraus zu streifen
Durch Busch und Hecken, brechen rasch wir auf
Und lassen lustig unsre Kugeln pfeifen,
Im Schleichen jetzt und dann im vollen Lauf,
In einen Graben wirft sich rasch die Kette
Und sendet knatternd Schuß auf Schuß hervor
Und plötzlich pflanzt sie auf die Bayonnette
Und springt in wildem Ungestüm empor.


Doch folgt den Plänklern, die den Kampf begonnen,
Von fern in Massen dunkel, tief und schwer
Und näher dann in glitzernden Kolonnen
Mit Sang und Klang und Trommelschlag das Heer,
Und donnernd schleudert seine Eisenbälle
Es in der Lüge Veste, hochgethürmt,
Bis es zuletzt die schuttgewordnen Wälle
Mit tausendstimm'gem Siegesruf erstürmt.


aus: Rudolf Lavant, In Reih und Glied, J. H. W. Dietz Verlag, 1893, Stuttgart, S. 12-15. 

Mittwoch, 15. Dezember 2010

Karl Henckell – Christnacht




Zum 15. Dezember 2010



Der Kaiser rief: »Reserve her!
Ins Glied, getreue Herden!
Allein Gott in der Höh sei Ehr'!
Schlagt an das Repetiergewehr,
Und Friede sei auf Erden!«
Choräle schallen in schimmernden Hallen,
Der Pfaff schrie: »Jesus machte uns gleich.
Den Menschenkindern ein Wohlgefallen,
In einer Krippe das Himmelreich!«


Der Engel zu Kommerzrats kam
Mit Atlaskleid und Schleppe,
Mit Flittertand und Flatterkram,
Dekolletiert und ohne Scham
Wie eine feine Schneppe.
Bei Schnepfendrecke und Austerngeschlecke
Der Börsenkönig sein Bäuchlein strich,
Champagnerpfropfen knallten zur Decke –
Jesus von Nazareth, freue dich!


Durch eisige Gassen schritt der Wind
In weißem Totenkleide
Und mähte auf dem Weg geschwind
Ein ausgezehrtes Bettelkind
Mit seines Messers Schneide.
Pfiff um ein fadenscheiniges Dach,
Fuhr durch den Schornstein ins Zimmer,
Da tönte schwach durchs Bodengemach
Eines Säuglings flehend Gewimmer.


Die Mutter trug ihn auf dem Arm:
Wie stillt sie sein Verlangen?
Ihr Auge hohl von langem Harm,
Und Kinder rings, daß Gott erbarm!
Mit kreidebleichen Wangen.
Die Hungergeister tanzten den Reigen,
Das Unheil hockt' auf dem Ofenrost,
Der Jammer hub an Krescendo zu geigen,
Die Not fraß Spinnen als Vesperkost.


Da starrt der ausgesperrte Mann,
Sah Weib und Kinder weinen
Und sann und starrte, starrt' und sann
Und schrie die nackten Wände an:
»Brot, Brot! Brot für die Meinen!«
Weil mit eigener Hand für seinen Stand
Er gewählt nach Pflicht und Gewissen,
Hat mit eigener Hand ihm der Fabrikant
Seinen Lohn vor die Füße geschmissen ...


Die Türe seufzte jämmerlich:
Gebt Raum dem Polizisten!
Der alte Scherge schämte sich:
»Ausweisungsordre – dauert mich –
Doch Ihr seid Sozialisten.«
Tür kracht. Wie Eisenrädergeschmetter
Brach der gemarterte Lohnsklav los:
»Fluch, Fluch! Ein höllisches Donnerwetter
Schleudre die Schurken in Jesu Schoß!«


Wie wenn des Dampfes Schwall, gezwängt
In die metallne Fessel,
Urplötzlich wild nach außen drängt
Und unaufhaltsam treibt und sprengt
Und zischend leert den Kessel:
So schoß dem Eisendreher empor
Aus dem erzgepanzerten Herzen
Mit Zischen und Brausen ein brodelnder Chor,
Der dampfende Gischt seiner Schmerzen.


»Die Ketten klirren Hohn und Spott,
Die Ketten klirr'n im Nacken,
Uns hilft kein Heiland, hilft kein Gott,
Die Ketten klirren Hohn und Spott,
Die Ketten klirr'n im Nacken.
Zu feiernder Stund', wo im Weltenrund
Halleluja! die Engel trompeten,
In des Elends Schlund wie ein räudiger Hund,
Wie ein räudiger Hund getreten!«


Er schwang den Hammer in der Faust
Und wuchs empor, ein Grauen;
Die Kinder vor dem Vater graust,
Er schwang den Hammer in der Faust,
Entsetzlich anzuschauen.
Und wie von prophetischem Geist entbrannt,
Im Hirne verheerende Gluten,
Umspannt er des ältesten Knaben Hand,
Seine Worte fluten und bluten:


»Ich hör's und seh's: das Rottuch weht,
Im Sturmschritt die Kolonnen;
Eilt, Brüder, eilt! – was kommt ihr spät?
Hoch auf der Barrikade steht
Das Häuflein blutberonnen.
Die Lücke schließt! Kartätschen prasseln,
Des Kaisers Garden – Genossen, Sturm!
Kommandorufe! Kanonen rasseln,
Die Glocken heulen von Turm zu Turm.


Nun schwöre deinem Vater, Sohn,
In heiliger Freiheit Namen,
Zum Todeskampf mit Schmach und Fron
Den Eid der Revolution –
Und sei kein Schurke! Amen.«
Hohl heulte vermummte Verschwörergesänge
Der Wind im Ofen mit dräuendem Ton
Und trieb mit des Aschenvolks totem Gemenge
Eine frische, fröhliche Rebellion.


–   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –


Der Scherge stieß sie vor sich her
Wie eine Hammelherde.
Allein Gott in der Höh sei Ehr'! –
Ein roher Knuff zur Wegeszehr –
Und Frieden auf der Erde!
Choräle schallen, Sektpfropfen knallen,
Lump, stirb, verdirb, du roter Hallunk!
Den Menschenkindern ein Wohlgefallen,
Dem Kanzler Fackeln und Minnetrunk!


aus: Karl Henckell, Gesammelte Werke Bd. 2, J. M. Müller, München, 1921 S. 54ff

Dienstag, 14. Dezember 2010

Rainer Maria Rilke -Schwarze Katze

Chat noir (1896)





Ein Gespenst ist noch wie eine Stelle,
dran dein Blick mit einem Klange stößt;
aber da an diesem schwarzen Felle
wird dein stärkstes Schauen aufgelöst:


wie ein Tobender, wenn er in vollster
Raserei ins Schwarze stampft,
jählings am benehmenden Gepolster
einer Zelle aufhört und verdampft.


Alle Blicke, die sie jemals trafen,
scheint sie also an sich zu verhehlen,
um darüber drohend und verdrossen
zuzuschauern und damit zu schlafen.
Doch auf einmal kehrt sie, wie geweckt,
ihr Gesicht und mitten in das deine:
und da triffst du deinen Blick im geelen
Amber ihrer runden Augensteine
unerwartet wieder: eingeschlossen
wie ein ausgestorbenes Insekt.


aus: Rainer Maria Rilke, Der neuen Gedichte anderer Teil, Insel-Verlag, Leipzig, 1918, S. 53



Montag, 13. Dezember 2010

Bertha Rombauer – (Christabend ist's – und in dem kleinen Zimmer)

Christmas Eve Underground Polish Soldiers WorldWar I


Zum 14. Dezember 2010


Christabend ist's – und in dem kleinen Zimmer
Sind alt und jung versammelt um den Baum,
Spielsachen, Pfefferkuchen, Goldgeflimmer,
Sind rings verstreut in dem geschloss'nen Raum.


Mit regem Fleiße alle sich bemühen,
Den Baum zu schmücken für das frohe Fest,
Bald sieht man schwankend hin und her ihn ziehen,
Auch nicht ein Aestchen leer die Sorgfalt läßt.


Seit Tag und Wochen harrten schon die Kinder,
Und malten sich in ihrem frischen Sinn
Bald zagend, scheu, bald freuend sich nicht minder,
Viel schöne Sachen für den Abend hin.


Die Glocke tönt, es öffnen sich die Thüren,
Die Kinder treten ein mit frohem Blick,
Die größern eilen vor, die kleinern führen
Die Eltern ein, im Auge stilles Glück.


Und als sie sehn das bunte frohe Treiben
Erfaßt Erinn'rung sie an alte Zeit,
An manches gleiche Fest, und stille weihen
Sie eine Thräne der Vergangenheit.


aus: Bertha Rombauer, Bunte Blätter, A. Wiebusch & Son Prtg. Co., St. Louis, Mo., USA, Februar 1889, S. 22

Frances Sargent Osgood - Stumme Liebe

John William Waterhouse - Gather ye rosebuds while ye may



Geschlossner Rosenknospe gleich im Hag
Sei unsre Lieb’, erröthend, sich zu  zeigen,
Verschleiernd Duft und Glanz bis zu dem Tag,
Wo Seel’ und Seel’ der Staubesfüll’ entsteigen.


Laß keinen Hauch der Leidenschaft die Hut
Der scheuen Blätter zu Entfaltung schrecken;
Laß nicht des Sonnenstrahls zu heiße Gluth
Die thauige Frische ihres Kelchs beflecken!


Verschlossen wahr sie wie ein Heiligthum —
Mit Thränen magst du sie, mit Lächeln nähren;
Doch hüte stets den lichten Schleier drum,
Laß kein Berühren ihre Pracht entehren!


Sei du begnügt, zu wissen, nicht zu sehn
Die Gluth, den reichen Schatz in ihrer Seele,
Zu fühlen ihres Blumengeistes Wehn —
Und halt ihr Lächeln rein von Sünd’ und Fehle!


O, wahr sie heilig! Zwingst du sie zum Blühn: —
Gen Himmel wird sie ihren Duft entschicken,
Wie  einst mit Trauer floh und Zornesglühn
Der aufgeschreckte Gott vor Psyche’s Blicken.


aus: Lieder- und Balladenbuch amerikanischer und englischer Dichter der Gegenwart, Herausgegeben und übertragen von Adolf Strothmann, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1862, S. 142.



Wilhelm von Chézy - Das Räthsel der schönen Unbekannten

Wilhelm von Chézy - Das Räthsel der schönen Unbekannten. Ein holdes Räthsel soll ich lösen, Und schon ist mir die Deutung klar, Ich weiß...