Ida Gräfin Hahn-Hahn – Am Weihnachtsabend

 Byzantinische Ikone 

Zum zehnten Dezember 2010

Stehst du freundlich wieder offen,
Meiner Kindheit Paradies,
Das ich unter frohem Hoffen
In der Jugend Muth verließ? –


Haben Zauberlandes Räume
Hell sich wieder aufgethan,
Schaukeln meine alten Träume
Wieder mich in süßem Wahn? –


Gießt der Herzen muntrer Schimmer
Licht durch meine Lebensnacht,
In der schon seit Jahren nimmer
Ruhesterne mir gelacht? –


Wär' ich niemals doch geschieden
Aus dem engbeschränkten Reich;
Dann wär' meiner Seele Frieden
Noch wie damals ewig gleich.


Ach, nun scheinen Weihnachtskerzen
Wie der Fackeln düstrer Zug,
Wenn zum Grab gebrochne Herzen
Auf der Bahre hin man trug.


Oder wie die Morgenröthe
Noch den Horizont bemalt,
Wenn sich schon die Nacht erhöhte,
Längst nicht mehr die Sonne stralt.


Abglanz des verlornen Glückes
Find' ich, wo sonst Glückes Spur;
Nenne Gunst des Augenblickes
Diesen bleichen Schatten nur.


Matt versanken kleine Freuden
Vor der Liebe Sonnenglanz –
Nah der Liebe steht das Scheiden,
Es zerriß mir meinen Kranz.


Flattern auch noch kleine Blüten
Hier und dort mir freundlich zu,
Nehm' ich sie, wie sie sich bieten;
Doch sie geben keine Ruh'.


Einem Sterne zugewendet
Ewig bleibt mein Angesicht,
Und der Stral, den er mir sendet,
Ist des Daseins Lebenslicht.


Leuchtet nur, ihr Weihnachtskerzen,
Durch die Winternacht so mild;
Also stralt durch Gram und Schmerzen
Meiner einz'gen Liebe Bild.


aus: Ida Gräfin Hahn-Hahn, Gedichte, F. A. Brockhaus, Leipzig, 1835, S. 70 f.

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