Direkt zum Hauptbereich

Rudolf Lavant – Rothe Weihnachten.

Blake Dante Hölle XXIV Diebe


Zum 17. Dezember 2010


Wie seinen Arm im Licht des jungen Tages
Der Zecher seufzend auf die Tafel stemmt,
Die man im wüsten Toben des Gelages
Mit Blut der Reben achtlos überschwemmt;
Wie in die Hand er müde senkt die Stirne,
Und wie ein Frösteln seinen Leib durchbebt
Und wie ihm leise schaudert vor der Dirne,
Die stieren Blicks das Glas noch immer hebt;


Wie er sich schämt, daß dem verbuhlten Flüstern
Er Nachts gelauscht – wie er in Ueberdruß
Sie von sich stößt, die ihm die Lippe lüstern
Noch immer bietet zu verbotnem Kuß;
Und wie, voll Ekels vor dem Wein, der Schlaffe
Das Glas, das vor ihm, hastig von sich stößt
Und gierig ein aus blitzender Karaffe
Des Wassers kalte, reine Fluth sich flößt –


So schüttelt langsam ab des Rausches Bande,
Von Frost durchrieselt, müde, stumpf und bleich,
Und so besinnt sich auf die eigne Schande
Das arme Volk im neuen Deutschen Reich.
Es weist zurück in Ungeduld und Grauen
Den Taumelkelch, mit Lolch und Mohn bekränzt,
Und runzelt drohend seine dunklen Brauen,
Wenn er ihm gleißend vor der Lippe glänzt.


Es ist der Lüge satt, die ihm geschmeichelt,
Die es berauscht, die seinen Blick verhängt,
Die ihm die Wange dirnenhaft gestreichelt
Und immer dichter sich an ihn gedrängt.
Der Rausch der Siege und der Macht – verflogen!
Die goldne Zeit, die man verhieß – ein Schein!
Wie plump und frech die Presse dich betrogen –
Mein armes Volk, siehst du es endlich ein?


Nun hörst du wieder auf der Wahrheit Stimme,
Die Trommelwirbel lange übertäubt,
Und wider die und deren Wort die schlimme
Verführerin in wildem Haß sich sträubt.
Laß sie nur immer durch die Zähne zischen,
Laß sie nur zetern, bis die Kraft ihr schwand –
Von ihren Wangen wird die Schminke wischen,
Die lügnerische, strenger Wahrheit Hand.


Wohl steht sie höhnisch lächelnd da – es gleißen
Die falschen Steine – groß ist ihre Macht,
Die Wahrheit aber wird vom Leibe reißen
In Fetzen ihr die angemaßte Pracht,
Und wie sie nieder jetzt zu treten trachtet,
Was schlicht und edel, wahr und frei und rein,
So wird mit Recht sie von der Welt verachtet
Und wie die Pest dereinst gemieden sein.


Wir sind die Plänkler, und voraus zu streifen
Durch Busch und Hecken, brechen rasch wir auf
Und lassen lustig unsre Kugeln pfeifen,
Im Schleichen jetzt und dann im vollen Lauf,
In einen Graben wirft sich rasch die Kette
Und sendet knatternd Schuß auf Schuß hervor
Und plötzlich pflanzt sie auf die Bayonnette
Und springt in wildem Ungestüm empor.


Doch folgt den Plänklern, die den Kampf begonnen,
Von fern in Massen dunkel, tief und schwer
Und näher dann in glitzernden Kolonnen
Mit Sang und Klang und Trommelschlag das Heer,
Und donnernd schleudert seine Eisenbälle
Es in der Lüge Veste, hochgethürmt,
Bis es zuletzt die schuttgewordnen Wälle
Mit tausendstimm'gem Siegesruf erstürmt.


aus: Rudolf Lavant, In Reih und Glied, J. H. W. Dietz Verlag, 1893, Stuttgart, S. 12-15. 

Beliebte Posts aus diesem Blog

Albert Möser - An den Tod

An den Tod.
Im Lärm des Tages sind sie starr befangen:
Seht an die Jagd, die stürmisch-ruhelose,
Mild rast der Schwarm, dem Nichts vermag zu wehren;
Ein Jeder ringt, daß er, was nützt, erlose,
Nach ird’schem Wohl steht einzig sein Verlangen,
Ihm jagt er nach mit Sorgen, lastend-schweren;
Genuß! heißt ihr Begehren,
Der winkt und lockt sirenenhaften Klanges
Und bändigt ganz der bebenden Gedanken;
Ihn suchen, die da athmen, all’ und ranken
Um’s irdische Sein sich zäh’ und gier’gen Dranges;
Am Staube seht ihr durst’gen Sinns sie kleben,
Und ihrer Sehnsucht Ziel heißt: Leben! Leben!
Doch dir, o Tod, naht selten nur ihr Fragen,
Sie lieben’s nicht, den Geist dir zuzuwenden,
Und deinen Namen nennt nicht gern die Lippe;
Denn sieh! dein Amt ist, mitleidlos zu enden
Das Sein, das sie entzückt, und drum mit Zagen Malt dich ihr Geist als höhnisches Gerippe;
Mit Stundenglas und Hippe,
Hohläugig, grinsend, wangenlos und beinern,
Also im Sinn lebst du dem Erdensohne,
Und schreckhaft gleich dem Haupte der Gorgone
Schaffst du…

Pierre Louys - Rosen in der Nacht

ROSEN IN DER NACHT


Wenn die Nacht am Himmel aufsteigt,
ist die Welt unser und der Götter.
Von den Feldern gehn wir zur Quelle,
vom dunkeln Wald nach der Lichtung, wo-
hin uns unsre bloßen Füße führen.

Die Sternlein funkeln genugsam für die klei-
nen Schatten, die wir sind. Manchmal fin-
den wir unter den niederhangenden Zweigen
schlafende Hirschkühe.

Doch zauberischer in der Nacht als alles andre
ist ein Ort, von uns allein gekannt, der uns mäch-
tig auf sich zieht durch den Wald: ein Gebüsch
geheimnisvoller Rosen.

Denn nichts ist göttlich auf der Erde, verglichen
mit dem Duft der Rosen in der Nacht. Wie
kam es nur, daß ich damals, als ich allein war,
mich nicht davon berauscht gefühlt.

Aus: Pierre Louys, Lieder der Bilitis, Übertragen von Richard Hübner, J. Zeitler Verlag, Leipzig, 1901. Illustration von George Barbier

Ludwig Thoma - Sexuelle Aufklärung

Sexuelle Aufklärung

Der alte Storch wird nun begraben. 
Ihr Kinder lernt im Unterricht, 
Warum wir dies und jenes haben, 
Und es verbreitet sich das Licht. 


Zu meiner Zeit, du große Güte! 
Da herrschte tiefe Geistesnacht. 
Man ahnte manches im Gemüte 
Und hat sich selber was gedacht. 


Mich lehrte dieses kein Professer; 
Nur eine gute, dicke Magd 
Nahm meine Unschuld unters Messer 
Und machte auf dieselbe Jagd. 


Ihr Unterricht war nicht ästethisch, 
Im Gegenteil, sehr weit entfernt. 
Und doch, wenn auch nicht theoretisch, 
Ich hab' es ziemlich gut gelernt. 


aus: Ludwig Thoma, Kirchweih, Simplicissimus-Gedichte, Albert Langen Verlag, München, 1912