Direkt zum Hauptbereich

Wilhelm Hertz – Der erste Kuß. (An Irenion.)

Kissing Couple (Copyright 1910 Colonial Art Pub, N.Y. Copyright expired.)

Zum fünften Dezember 2010

Denkst du noch, mein süßes Mädchen,
Denkst du noch der sel’gen Stunde,
Da ich mit verschämtem Munde
Dich zum ersten Mal geküßt?


War am lieben Winterabend,
Wo der heil’ge Christ gekommen,
War in deinem warmen Stübchen,
Und an’s Fenster schneiten Flocken,
Und der Schneewind blies im Giebel.


An das duft’ge Weihnachtbäumchen
Steckten emsig wir die Lichter,
Hängten wir die süßen Gaben,
Pfefferkuchen, goldne Nüsse
Und von Glasschaum manche Kugel.


Draußen vor der Kammerthüre
Lauschte leis ein kichernd Völkchen,
Schwesterlein und kleine Brüder;
Doch die Thür war fest verschlossen.


Hinter’m Christbaum stand mein Mädchen,
Vor dem Christbaum stand ich selber,
Und wir waren ganz allein;
Ich ein wilder, blonder Knabe,
Du ein schüchtern zartes Kind.


Aber durch die grünen Zweige
Spannen sich verstohl’ne Strahlen,
War der Schein von all’ den Lichtlein,
War der Schein von deinen Blicken,
Und das Auge gieng mir über.


Ach, wir hatten von der Liebe
Noch kein einz’ges Wort gesprochen,
Wußte jedes doch von selber,
Wie herzlieb es war dem andern.


Und du tratest vor das Bäumchen,
Mein vollendet’ Werk zu schauen,
Schautest aber nicht auf’s Bäumchen,
Schautest nur in meine Augen,
Und ich faßte deine Hände.


Stille war’s im engen Stübchen,
Doch aus unsern warmen Herzen
Klangen sel’ge Melodieen,
Uns’rer Blicke lichte Bande
Drängten schmeichelnd Herz an Herz.


Näher neigt’ ich meine Wange,
Fühlte deinen keuschen Athem,
Näher neigt’ ich meine Lippen,
Und sie flehten bang’ und schweigend
In der Liebe laut’ster Sprache.
Doch du standest unbeweglich,
Nur ein rosenlichtes Lächeln
Schien auf deinem Engelsantlitz.


Ach, da schwanden mir die Sinne,
Nimmer weiß ich, was geschehen,
Weiß nur, daß ich heiß und bebend
Deine Lippen leis berührte, -
Ob ich küßte, weiß ich nicht. –
Weiß, daß du dich nicht gesträubet,
Denn ich hielt dir beide Hände.
Aber oben an dem Bäumchen
Knisterte ein brennend Zweiglein,
An der Thüre pocht’ die Mutter,
Und du schlüpftest hinter’n Christbaum. –


Lange Zeit ist nun verflossen,
Ist verflossen manche Christnacht.
Kühnlich blick’ ich dir in’s Auge,
Kühn umschling’ ich deine Glieder,
Kühnlich flammen meine Küsse
Auf dein bräutlich Angesicht,
Und mit sehnendem Gewähren
Sinkest du in meinen Schooß;
Hast du doch für Tod und Leben
Seel’ und Leib mir hingegeben.


Aber denkst du, süßes Mädchen,
Denkst du noch der sel’gen Stunde,
Da ich mit verschämtem Munde
Dich zum ersten Mal geküßt?

aus: Wilhelm Hertz, Gedichte, Hoffmann & Campe, Hamburg, 1859, 54ff.

Beliebte Posts aus diesem Blog

Albert Möser - An den Tod

An den Tod.
Im Lärm des Tages sind sie starr befangen:
Seht an die Jagd, die stürmisch-ruhelose,
Mild rast der Schwarm, dem Nichts vermag zu wehren;
Ein Jeder ringt, daß er, was nützt, erlose,
Nach ird’schem Wohl steht einzig sein Verlangen,
Ihm jagt er nach mit Sorgen, lastend-schweren;
Genuß! heißt ihr Begehren,
Der winkt und lockt sirenenhaften Klanges
Und bändigt ganz der bebenden Gedanken;
Ihn suchen, die da athmen, all’ und ranken
Um’s irdische Sein sich zäh’ und gier’gen Dranges;
Am Staube seht ihr durst’gen Sinns sie kleben,
Und ihrer Sehnsucht Ziel heißt: Leben! Leben!
Doch dir, o Tod, naht selten nur ihr Fragen,
Sie lieben’s nicht, den Geist dir zuzuwenden,
Und deinen Namen nennt nicht gern die Lippe;
Denn sieh! dein Amt ist, mitleidlos zu enden
Das Sein, das sie entzückt, und drum mit Zagen Malt dich ihr Geist als höhnisches Gerippe;
Mit Stundenglas und Hippe,
Hohläugig, grinsend, wangenlos und beinern,
Also im Sinn lebst du dem Erdensohne,
Und schreckhaft gleich dem Haupte der Gorgone
Schaffst du…

Pierre Louys - Rosen in der Nacht

ROSEN IN DER NACHT


Wenn die Nacht am Himmel aufsteigt,
ist die Welt unser und der Götter.
Von den Feldern gehn wir zur Quelle,
vom dunkeln Wald nach der Lichtung, wo-
hin uns unsre bloßen Füße führen.

Die Sternlein funkeln genugsam für die klei-
nen Schatten, die wir sind. Manchmal fin-
den wir unter den niederhangenden Zweigen
schlafende Hirschkühe.

Doch zauberischer in der Nacht als alles andre
ist ein Ort, von uns allein gekannt, der uns mäch-
tig auf sich zieht durch den Wald: ein Gebüsch
geheimnisvoller Rosen.

Denn nichts ist göttlich auf der Erde, verglichen
mit dem Duft der Rosen in der Nacht. Wie
kam es nur, daß ich damals, als ich allein war,
mich nicht davon berauscht gefühlt.

Aus: Pierre Louys, Lieder der Bilitis, Übertragen von Richard Hübner, J. Zeitler Verlag, Leipzig, 1901. Illustration von George Barbier

Ludwig Thoma - Sexuelle Aufklärung

Sexuelle Aufklärung

Der alte Storch wird nun begraben. 
Ihr Kinder lernt im Unterricht, 
Warum wir dies und jenes haben, 
Und es verbreitet sich das Licht. 


Zu meiner Zeit, du große Güte! 
Da herrschte tiefe Geistesnacht. 
Man ahnte manches im Gemüte 
Und hat sich selber was gedacht. 


Mich lehrte dieses kein Professer; 
Nur eine gute, dicke Magd 
Nahm meine Unschuld unters Messer 
Und machte auf dieselbe Jagd. 


Ihr Unterricht war nicht ästethisch, 
Im Gegenteil, sehr weit entfernt. 
Und doch, wenn auch nicht theoretisch, 
Ich hab' es ziemlich gut gelernt. 


aus: Ludwig Thoma, Kirchweih, Simplicissimus-Gedichte, Albert Langen Verlag, München, 1912