Donnerstag, 29. Dezember 2011

Herta Graf - Venedig

Canaletto, Veduta del Palazzo Ducale



Venedig


Im Salzhauch der Winde zerbröckeln
die Spitzengewirke aus Stein,
mit denen die Serenissima
sich schmückte, als ihre Galeassen
unter San Marcos
rotgoldenem Löwenbanner
die Adria beherrschten;


noch immer voll Grazie
wiegt sich der Totentanz
der Paläste und Kirchen
am Kanal Grande,
dunkel widerspiegelnd den Abglanz
vergangener, ruhmreicher Tage;


unruhvoll bebt die Lagune
im Pulsschlag des Meeres,
von Marghera vergiftet
bis ins Mark;


o sterbende Stadt,
die schönste der Erde;
der Mensch aber sucht Kontakt
zu fernen Planeten.




Aus: Labile Harmonien. Schwäbisch Gmünd: Einhorn-Verlag 1994, S. 23. In den Band aufgenommen wurden 50 Gedichte, die aufgrund einer 1993 erfolgten Ausschreibung aus 327 Eingesandten von einer Jury ausgewählt wurden.
Herta Graf (1911-1997)


This file is licensed under the Creative Commons Attribution 3.0 Unported license.
Copyright holder Klaus Graf (Wikipedia Commons)




Sonntag, 18. Dezember 2011

Albert Giraud – Colombine

Edgar Germain Hilaire Degas - Harlekin und Colombine



Colombine
An Heinrich Rickert


Des Mondlichts bleiche Blüten,
Die weissen Wunderrosen,
Blühn in den Julinächten —
O bräch ich eine nur!

Mein banges Leid zu lindern,
Such ich am dunklen Strome
Des Mondlichts bleiche Blüten,
Die weissen Wunderrosen.


Gestillt wär all mein Sehnen,
Dürft ich so märchenheimlich,
So selig leis — entblättern
Auf deine braunen Haare
Des Mondlichts bleiche Blüten!


Aus: Albert Giraud, Pierrot lunaire, Gedichte (Übersetzung von Otto Erich Hartleben), Verlag der deutschen Phantasten, Berlin, 1892


Mehr bei ngiyaw eBooks unter dem Autor

Montag, 12. Dezember 2011

Bayard Taylor - Orientalisches Idyll

Portrait von Bayard Taylor


Orientalisches Idyll.

In jäher Strömung blitzend fließt
Der Parpharmündung schneller Fluß,
— Ein Silberspeer, den niederschießt
Der Berg in’s Thal, — zu meinem Fuß.

Ich höre hier die muntre Well’,
Die immer lachend kommt und geht,
Saug’ an der Pfeife, schlürfe schnell,
Im Bergesschnee gekühlt, Sherbeth.

Der Sonnenstrahl glüht wie ein Stern
Unter des Schattens Baldachin —
Und vom Bazare dumpf und fern
Hör’ ich den Lärm herüberziehn.

Nicht Furcht noch bange Ahnung mir
Umnachten meines Himmels Blau,
Mein Blut ist frisch, wie Morgen, hier,
Mein Herz mir scheint getaucht in Thau.

Wie Perle in der Schaale ruht,
So schläft in mir der frohe Geist.
Nichts weiß von Leid mein stolzer Muth,
Doch weiß ich halb, was Freude heißt. —

Ich fühle nun in Puls und Brust
Der Leidenschaft Gewoge kaum —
Ein Leben leb’ ich unbewußt,
Wie’s haucht aus jenem Jasminbaum.

Damaskus’ Straßen blick’ ich hin,
Mit reichem Prunk und Pomp besetzt —
So müßig, wie des Kindes Sinn
An Bilderbüchern sich ergötzt.

Vergessen nun sind Nam’ und Land,
Verlöscht im Hirn Vergangenheit —
Erinnerung schläft — die müde Hand
Durchblättert nicht das Buch der Zeit.

Ich seh’ den Glanz des Morgenscheins,
Fühl’, wie die Morgenluft mich kühlt! —
Doch ob sie spielt im Laub des Weins,
Ob sie in meinen Haaren wühlt? — —

Nichts wissen! — Ach, wie macht es froh!
Verzaubert tief in süße Ruh’,
Ob Mann ich oder Rose, o
Nicht aus dem Traum mich pfücke du! —

Aus: Bayard Taylor, Gedichte, Übersetzt von Karl Bleibtreu, Verlag von L. Schleiermacher, Berlin, 1879


Donnerstag, 8. Dezember 2011

Irene von Schellander - Geheime Liebe

Quelle: http://www.liliumbreeding.nl/23b.jpg (modifiziert)
This file is licensed under the
Creative Commons Attribution-Share Alike 2.5 Generic license.

Geheime Liebe.
Du nennst die weiße Lilie mich,
Die Schimmernd kühl erblühte,
Und huldigst mir so feierlich
Mit sehnendem Gemüte.

O blicktest du mir einmal klar
Ins Herz, das ruhelose!
Im Grunde glüht es wunderbar
Wie eine rote Rose.

Aus: Irene von Schellander, Tannenbruch, Gedichte, E. Pierson's Verlag, Dresden und Leipzig, 1902

Irene von Schellander - Titanic

RMS Titanic

Titanic.

Dein Name schon: Titanic, war die Macht!
Dein Anblick Sieg, der aller Stürme lacht.
Und als die Riesenanker Du gelichtet
Im Hafen von Southampton, weltgesichtet,
Und ungestüm zerwühlt den Wellenschoß,
Da rissen sich zwei große Dampfer los
Von ihren Tauen, die Dein Wirbel schlug,
Und schwangen warnend sich vor Deinen Bug.
»Hab’ acht. Du größtes Schiff im Meergewog!«
Da blies der Wind und Deine Flagge flog
Auf Deiner Brautfahrt, grüßte, wie seit je,
Die Freiheit in Alt-Englands Macht zur See!
Musik und Volldampf! Ob der Tag zerfloß,
Du stiegst am Himmel auf als Lichtkoloß,
Der durch das Weltall in den Abgrund fährt
Und Flut und Eis im Untergang verklärt.
Da horch — vom Krähennest hoch oben schlug
Dreimal der Gong: »Eis vor dem Bug!« —
Und: »Hard a-starboard!« das Kommandowort
In einem Atem. »Hart an Steuerbord!«
Es war der Tod, der das Kommando sprach
Und Dir das Ruder und die Rippen brach.

Die Männer zweier Länder ins Verderben!
Und mußten kühn wie Könige zu sterben!
Zweitausend Helden, eins im Seemannsspruch
»Frauen voran«, erlösen Dich vom Fluch.
Und Deines Siegervolkes Opferkranz
Strahlt heller um Dich als Dein Lichterglanz,
Umstrahlt das Schiff, das Dir zu Hilfe stürmte
Und, als sein Ziel in Eisgebirg sich türmte,
Scharf um den Tod geschwenkt mit gleichem Wort
Wie Du — zum Leben. »Hart an Steuerbord!«

Aus: Irene von Schellander, Titanic, Dem Andenken ihrer Helden, 15. April 1912, Xenien Verlag, Leipzig, 1913



Arno Holz - Samstagsidyll

Philip Leslie Hale - Girl by the stream





Samstagsidyll.
1884.

Es war ein Tag, wie’s ihrer viele giebt,
Wenn falb der Sommer in den Herbst zerstiebt;
Verstummt schon schien der Vögel buntes Völkchen
Und grau am Himmel standen kleine Wölkchen.
Nur ab und zu schwamm’s fernher durch die Luft
Noch weich wie ein verirrter Rosenduft
Und wie ein Lenzlockruf, nur herbstlich stiller,
Klang hie und da ein später Vogeltriller.
Auf lauen Windes Flügeln kam’s und schwand
Und reichte wiederkehrend sich die Hand,
Wie wenn zwei Herzen durch ein letztes Grüßen
Sich noch des Scheidens bittres Weh versüßen.

Doch also war’s nur draußen fern im Hag,
Durch die Fabrikstadt schlich der Werkeltag.
Das schwarzberußte Schurzfell um die Lenden,
War er bemüht, die Woche zu beenden;
Er ließ das Eisen wie ein Licht erglühn
Und mehr als hundert Essen Funken sprühn,
Und, unbekümmert um den eignen Jammer,
Schwang er den centnerschweren Schmiedehammer.
Hier war’s ein Schienenwagen, dort ein Schiff,
Der Schornstein rauchte und der Dampfhahn pfiff,
Die Räder rollten ewig um im Kreise
Und alles drehte sich im alten Gleise.

Nur Du und ich, wir beide waren frei
Und wußten nichts von Werktagssclaverei;
Wir jauchzten auf, die Noth in uns begrabend,
Und machten schon Nachmittags Feierabend.
Denn hatte jeder nicht mit Lust und Kraft
Die Woche über pflichtgetreu geschafft?
Die Nähmaschine hattest Du getrieben
Und ich gedacht, gedichtet und geschrieben.
Doch nun war ich »des trocknen Tones satt«
Und schrieb energisch: Punkt! aufs letzte Blatt
Und stieg dann flink, mir selber zur Belohnung,
In Deine zierliche Mansardenwohnung.
Ich klopfte an — ein neckisches: Herein!
Und durch das Fenster brach der Sonnenschein.
Ein Lichtmeer war’s, drin Welle schwamm auf Welle,
Ich aber stand geblendet auf der Schwelle.

O immer, trat ich in Dein trautes Heim,
Schrieb’s mir ins Herz sich wie ein neuer Reim;
Doch war’s mit seinen farbigen Gardinen
So hell und freundlich mir noch nie erschienen.

Zum Schmaus gedeckt stand schon Dein kleiner Tisch,
Grau hinterm Spiegel stack ein Flederwisch,
Doch unbekümmert um die neuste Mode
Stand dicht dabei die ältliche Kommode
Und unter einem Kreuz von Elfenbein
Das Bild von Deinem todten Mütterlein.

Wie tief im Traum sah lächelnd es hernieder
Auf ein zerles’nes Buch: »das Buch der Lieder!«
Vom Blumenbrett, das sich ums Fenster bog,
Um alles das ein süßes Duften flog.
Und dorther glänzten auch die beiden Schilder,
Verzeih! ich meine Deine Landschaftsbilder!
Denn Du hast recht: die reine Phantasie
Und farbenschillernd wie ein Kolibri!
Rechts hing der Watzmann, links der Gamsgarkogel
Und zwischen beiden ein Kanarienvogel.
Du selber aber, häubchenüberdeckt,
Ein weißes Schürzchen vor die Brust gesteckt,
Du schobst nun grad mit hausfraulicher Miene
Den Spiritus in Deine Kochmaschine.
Ein kurzer Aufblick dann, ein leiser Schrei,
Und eins und eins, wie immer, waren zwei!

Drauf, wie ich mich schon oft ließ unterjochen,
Sollt ich auch heute mit Dir Kaffee kochen.
Ich lärmte; doch was half mir mein Protest?
Ein kußersticktes Lachen war der Rest!
Und als ein vielgewandter junger Dichter
Hielt ich galant Dir nun den Kaffeetrichter.
Natürlich ging das »noch einmal so gut«,
— Sieh hier das Lied: »Was man aus Liebe thut!«
Wir schmeckten, wechselnd prüfend, mit den Zungen
Und endlich war der große Wurf gelungen.
Zwar war das Tischzeug nur von grobem Zwilch,
Doch fehlte weder Zucker drauf noch Milch,
Und dampfend füllten nun die braunen Massen
Die goldumränderten Geburstagstassen.
Des Tränkleins Wirkung aber kommt und geht,
Bis sich das Zünglein wie ein Mühlrad dreht:
Was Stift und Tinte, Häkelzeug und Maschen!
Wir waren heut zwei rechte Plaudertaschen!

Du schwärmtest von dem neusten Ausverkauf
Ich aber schlug ein kleines Büchlein auf
Und las Dir Lieder vor von Schack und Keller
Und übersah auch nicht den Kuchenteller.

So saßen wir — zwei große Kinder — da,
Bis roth der Abend durch die Scheiben sah,
Und tappten dann hinab die dunklen Stiegen,
Um noch ein Stündlein vor das Thor zu fliegen.

Dort, wo das Wasser sich am Stadtwall bricht,
Lag bunt der Park im letzten Abendlicht
Und ließ die Wipfel sich mit Purpur tränken
Und Kinder spielten auf den Rasenbänken.
Vom nahen Thorthurm kam das Spätgeläut,
Mir schien’s, es klang noch nie so schön wie heut;
Wir lugten lauschend durch die Laubverhänge
Und schritten flüsternd durch die Buchengänge,
Zu Füßen knirschte uns der gelbe Kies
Und alles schien uns, wie im Paradies.
Doch als die Glocken dann gemach verklangen,
Kam leisen Schritts die Dämmrung angegangen.

Da hieltst Du still und hauchtest mir ins Ohr:
»O, weißt Du noch, dort drüben vor dem Thor?«
Ob ich es weiß! Wie Lenz will’s mich umwehen;
Dort war’s ja, wo wir uns zuerst gesehen!
Und hier, wo waldversteckt das Wasser rauscht,
Hier haben wir den ersten Kuß getauscht!
O Maitag, Sonnenschein und Blüthenregnen,
Noch heut muß ich euch tausendfältig segnen!
Es war doch eine schöne, schöne Zeit,
Und denk ich dran, so wird das Herz mir weit!
Man fühlt’s, auch ohne daß man’s gleich bedichtet:
Der liebe Gott hat’s doch gut eingerichtet.
Doch still! Was braucht’s schon der Erinnerung?
Wir sind ja beide noch so jung, so jung!
Es lacht das Glück aus Deinem rothem Munde:
»Uns winkt ja noch so manche goldne Stunde!«

»Gewiß! fielst Du hier lächelnd ein, und wie?
Zum Beispiel morgen eine Landpartie!
Erinnerst Du dich noch, wie Du vor Wochen
Mir einen Ausflug ins Gebirg versprochen?

Mein Onkel dort, der Wirth zum weißen Schwan,
Wohnt ja ganz nahe an der Eisenbahn!
Ich weiß, er freut sich, wenn wir ihn besuchen,
Und Tantchen gar backt einen Extrakuchen!
Und dann — o Gott — die wunderschöne Luft,
Wald, Wiese, Sonnenschein und Kräuterduft,
Und über sich nichts, nichts als Himmelsbläue —
Nein, nein! Du weißt nicht, wie ich mich schon freue!«
Da sprach ich: »Topp, Du kleiner Niegenug!
Wir fahren morgen mit dem ersten Zug.
Als Musikant mach ich eins gern mal Pause . . . .
Doch es wird kühl hier, komm, wir gehn nach Hause!«

Und wieder thorwärts wandten wir uns um
Und wurden still und wußten nicht, warum.
Im Fluß das Wasser rann nur noch von ferne
Und durch das Laubdach blitzten schon die Sterne.
Ein feuchter Nachtwind durch die Wipfel strich,
Du aber schmiegtest fester Dich an mich,
Und wie das Schlußwort einer schönen Dichtung,
That sich nun wieder vor uns auf die Lichtung.

Dort hub die Stadt sich schwarz und ungewiß
Vom Horizont ab wie ein Schattenriß,
Nur hie und da warf fernher aus dem Dunkel
Ein Fenster noch sein rothes Lichtgefunkel.
Es war so schön, so wunderschön zu sehn,
Und schweigend blieben wir zusammen stehn,
Denn nun trat auch der Mond aus seinen Hallen
Und ließ sein Silber auf die Dächer fallen
Und drüben von der Vorstadt her erklang
Noch windverweht ein frommer Nachtgesang.

Du sahst mich an und wußtest nichts zu sagen,
Doch fühlt ich Dein Herz warm an mein Herz schlagen
Und sprach zu Dir und war bewegt, wie nie:
»Nun weißt auch Du, mein Herz, was Poesie!

Sie speist die Armen und sie stärkt die Schwachen,
Sie kann die Erde uns zum Himmel machen,
Sie kost im Zephyr und sie harft im Föhn:
Nicht wahr, mein Herz, das Leben ist doch schön?«

Aus: Moderne Dichter-Charaktere, Herausgegeben von Wilhelm Arent, Selbstverlag des Herausgebers, Leipzig, 1885







Freitag, 25. November 2011

Rosa Kleinhapl - Novembertage

Rosa Kleinhapl



Novembertage.

Novembertage trüb und grau
Ihr schleicht dahin so müd und matt
Wie eine gramgebeugte Frau,
Der man das Glück genommen hat.


Man nahm euch auch das Beste fort —
Kein Vogel singt im Tannenbaum.
Die Wiesen brach und längst verdorrt
Die Felder kahl bis an den Saum.


Und weiße Nebel, geistergleich,
Mit langen Armen waldwärts zieh'n;
Sie müssen stumm und schreckensbleich
Dem warmen Leben rasch entflieh'n.


Novembertage trüb und grau,
Ihr schleicht dahin so müd und matt
Wie eine gramgebeugte Frau,
Der man das Glück genommen hat.


Aus: Rosa Kleinhapl, Erzählungen und Gedichte, Kommissionsverlag Josef Kienreich, Graz, 1918


Es konnten leider keine Informationen zum Leben von Rosa Kleinhapl gefunden werden.







Samstag, 19. November 2011

Albert Giraud - Absinth

Vincent van Gogh - Cafe Table with Absinth



Absinth

An Richard Dehmel

Im Oceane des Absinths
Fand ich den Continent des Rausches!
Dort ist das Klima capriciös
Wie — eine schwangre Frau.


Das Meer ist trunken wie die Luft
Und tanzt in grünlich gelben Wogen.
Im Oceane des Absinths
Fand ich den Continent des Rausches!


Doch wehe! Was umklammert jäh
Mein Schiff? — Polypen, widrig, klebrig!
Ein Riesenarm zerknickt den Mast —
Und ohne Klagelaut versink ich
Im Oceane des Absinths.

Aus: Albert Giraud, Pierrot lunaire, Übersetzung von Otto Erich Hartleben,  Der Verlag deutscher Phantasten, Berlin, 1893


Mittwoch, 16. November 2011

Angelika von Hörmann - Nun sind sie da, die blauen Tage

Alfons Mucha - Sommer

Nun sind sie da, die blauen Tage,
Die Tage voll von Glanz und Duft,
Kein Wölkchen schreibt als leise Frage
Ein Warnungszeichen in die Luft;
Kein Sturm droht mehr mit Hochgewittern,
Du brauchst im Traume nicht zu zittern,
Daß dich ein Schlag ins Wachen ruft.


Noch fällt kein gelbes Blatt vom Baume,
Doch fruchtschwer neigt sich Ast zu Ast
Und dorfwärts schwankt vom Feldessaume
Der Ähren hochgethürmte Last.
Rings fettes Grün und Farbenprangen,
Als ruhten Lenz und Herbst umfangen
In selig stummer Liebesrast.


Das webt den Zauber dieser Stunden:
Sie scheinen frei vom irdschen Zoll,
Als hätt das Pendel Halt gefunden,
Als wär der Zeiten Kreislauf voll;
Kein Winter, wähnst du, käm sie rauben -
Das Herz will ewig dauernd glauben,
Was völlig es beglücken soll.


Aus: Das Buch der Sehnsucht, Herausgegeben von Paul Remer, Schuster & Loeffler Verlag, Berlin und Leipzig, 1900



Montag, 14. November 2011

Elisabeth Janstein - Liebe

Unbekannter ungarischer Maler

LIEBE


Demütig will ich sein und dienen?
Sind Wünsche, die wie Flammen schienen,
Vor diesem einen Wunsch verweht?


Das Haupt, das sich in Wolken wähnte
Und aller Taten Krone sehnte,
Das jetzt im Sturm der Liebe steht —


Die Hände, die sich zornig ballten
Um Schwert und Fahnenschaft zu halten,
Sind wie ein Becher aufgetan.


Wann steigt dein Durst zu meinem nieder,
Wann beugst du langsam deine Glieder
Und fängst voll Lust zu trinken an?


Aus: Elisabeth Janstein, Die Landung, Drei Masken Verlag, München, 1921


Elisabeth Jenny von Janstein - 19. Oktober 1893, Iglau -  31. Dezember 1944, Winchcombe - war eine deutsche Dichterin und Journalistin.



Montag, 7. November 2011

Angelika Hörmann - Mädchenlieder

Leo Putz - Badende



Mädchenlieder

1.


Was ihm an mir gefallen mag?
Zur Kammer schleich ich oft im Tag,
Schieb vor die Thür den Riegel
Und schau in meinen Spiegel.


Warum erwählt er nicht die Ros?
Bin eine schlichte Blume bloß
Und nimmer will's mir glücken,
Mich also hold zu schmücken.


Doch eine Zier ist mein fürwahr!
Die Schönste wär ich aus der Schar,
Stünd all mein treues Lieben
Im Antlitz mir geschrieben.




2.


Im Erker sitz ich früh und spät
Und führe die Nadel durchs Linnen,
Kaum hab ich ein paar Stiche genäht,
So lug ich über die Zinnen.


Erschallt vom Thurm des Wächters Ruf,
So spring ich schnell vom Sitze,
Dröhnt auf der Brück ein Pferdehuf,
Durchzucken mich Freudenblitze.


Wie lausch ich, ob die Trepp empor
Ein rascher Tritt nicht klimme,
Wie selig trinkt mein durstig Ohr
Die tiefe geliebte Stimme!


Wenn einen Tag mir's nicht gelang
Mich in Geduld zu fassen,
Wie schlepp ich dann der Jahre Gang,
Wenn er mich ganz verlassen?


Aus: Das Buch der Sehnsucht, eine Sammlung deutscher Frauendichtung;, eingeleitet und hrsg. von Paul Remer, Schuster & Loeffler, Berlin,  1900




Sonntag, 6. November 2011

Liddy Richter – Sehnsucht

Pietro Antonio Graf Rotari – Magdalena

Liddy Richter – Sehnsucht.


Die Sehnsucht winkt mir aus des Himmels Blau,
Sie flüstert in der Lüfte wildem Wehen;
Die Blume duftet sie im Morgentau;
Sie klingt gar leis aus Nachtigallenflehen.


Die Sonne glüht sie scheidend noch ins Thal,
Im Waldesdunkel rauschen sie die Quellen,
Mit goldnem Griffel schreibt der Mondesstrahl
Sie zitternd auf des stillen Sees Wellen.


Im Himmel leuchtet sie die Sternenpracht
Geheimnisvoll in sommernächt'ger Stunde;
Doch grüßt sie mich mit ihrer Macht
Erst aus des Menschenauges tiefem Grunde.


aus: Dichterklänge, Neue deutsche Lyrik für Herz und Haus, Herausgegeben von Hermine Freiin von Gellenberg, Gustav Flock Verlag, Leipzig, o. J. [1906]



Maria Solina - Epigonen

Mit freundlicher Genehmigung - Alfons Sabellek (1919-1990)



Epigonen


Jüngst sah auf einem meiner stillen Gänge
Ich einen Baum von seltsamer Gestalt,
Wie seinesgleichen nie mein Auge schaute.
Weil halb im Licht er, halb im Schatten stand,
Meint' ich zuerst, daß mich die Sonne äffe.
Nicht Baum noch Strauch: ein krankes Mittelding.
Der Stamm unförmlich kurz und dick, die Krone
Ein dichtbelaubter, ästeloser Knauf,
Der ungegliedert, reglos darauf ruhte
Wie eines dunkeln Riesenpilzes Dach.


Der Stamm – ob einer Linde Rest, ob eichen –
Gehört' einst sicher einem König an
Im Reich der Bäume. Mehr ließ nicht erkennen
Der neid'schen Wucherpflanze dicht Geschling,
Das sich mit tausend Würzlein d'ran geklammert,
Und, d'ran erstarkt, in üpp'ger Fülle sprießend
Sich kühn anmaßte eig'nes Lebensrecht.


Und wie man um die Säule eines Großen,
Der frei und stark zur Höh' emporstrebt,
Ein wimmelnd Völklein krabbeln sieht, das emsig
Backsteine schleppt herzu zum Weiterbau,
Bis jene Säule, die so stolz gestanden,
Ein weithin weisend Ehrenmonument
Selbsteig'ner Kraft, nur mehr als Stützepfeiler
Den Mauern dient, die sie, verborgen, trägt,
So sah ich um des Baumesriesen Leiche
Die Blätter wogen seines grünen Grabs,
Von Sperlingen, die in den Epheuranken
Laut zwitschernd hausten, ruhelos bewegt.


Doch die Bewegung hemmt der kurze Stengel,
Und dieses Wogen war nicht halb so schön,
Wie wenn durchs Laub der biegsam schlanken Zweige
Der andern Bäume jäh ein Windstoß fuhr
Und jedes Ästlein raschelte und rauschte.
Das war wie Flügelschlag des freien Aars,
Verglichen mit dem ängstlichen Geflatter
Der Spatzenbrut.
                             Und dennoch hing gefesselt
Mein Blick bald wieder an dem Zwitterwesen,
Und sein Gedeih'n lockt' mir ein Lächeln ab
Geduld'ger Nachsicht. War's doch auch ein Bild
Der nimmermüden Schaffenslust des Seins,
Die Tod nicht kennt, nur ewig neues Werden,
Und aus dem einen Großen, das da fällt,
Läßt Lebensodem vieles Kleine saugen,
Das, fröhlich wuchernd, in naiver Selbstsucht
Die Stütze zwar verhüllt, um die sich's rankt,
Und undankbar beschleunigt ihr Vermodern,
Doch unbewußt in jeder seiner Ranken
Ihr Angedenken frisch hält und unsterblich.


aus: Deutsche Dichtung, Herausgegeben von Karl Emil Franzos, Vierundzwanzigster Band, April 1898 bis September 1898, Concordia Deutsche Verlagsanstalt, Berlin, 1898



Wilhelm von Chézy - Das Räthsel der schönen Unbekannten

Wilhelm von Chézy - Das Räthsel der schönen Unbekannten. Ein holdes Räthsel soll ich lösen, Und schon ist mir die Deutung klar, Ich weiß...