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Herta Graf - Venedig

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Venedig

Im Salzhauch der Winde zerbröckeln
die Spitzengewirke aus Stein,
mit denen die Serenissima
sich schmückte, als ihre Galeassen
unter San Marcos
rotgoldenem Löwenbanner
die Adria beherrschten;


noch immer voll Grazie
wiegt sich der Totentanz
der Paläste und Kirchen
am Kanal Grande,
dunkel widerspiegelnd den Abglanz
vergangener, ruhmreicher Tage;


unruhvoll bebt die Lagune
im Pulsschlag des Meeres,
von Marghera vergiftet
bis ins Mark;


o sterbende Stadt,
die schönste der Erde;
der Mensch aber sucht Kontakt
zu fernen Planeten.




Aus: Labile Harmonien. Schwäbisch Gmünd: Einhorn-Verlag 1994, S. 23. In den Band aufgenommen wurden 50 Gedichte, die aufgrund einer 1993 erfolgten Ausschreibung aus 327 Eingesandten von einer Jury ausgewählt wurden.
Herta Graf (1911-1997)


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Albert Giraud – Colombine

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Colombine An Heinrich Rickert

Des Mondlichts bleiche Blüten,
Die weissen Wunderrosen,
Blühn in den Julinächten —
O bräch ich eine nur!

Mein banges Leid zu lindern,
Such ich am dunklen Strome
Des Mondlichts bleiche Blüten,
Die weissen Wunderrosen.


Gestillt wär all mein Sehnen,
Dürft ich so märchenheimlich,
So selig leis — entblättern
Auf deine braunen Haare
Des Mondlichts bleiche Blüten!


Aus: Albert Giraud, Pierrot lunaire, Gedichte (Übersetzung von Otto Erich Hartleben), Verlag der deutschen Phantasten, Berlin, 1892


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Bayard Taylor - Orientalisches Idyll

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Orientalisches Idyll.
In jäher Strömung blitzend fließt Der Parpharmündung schneller Fluß, — Ein Silberspeer, den niederschießt Der Berg in’s Thal, — zu meinem Fuß.
Ich höre hier die muntre Well’, Die immer lachend kommt und geht, Saug’ an der Pfeife, schlürfe schnell, Im Bergesschnee gekühlt, Sherbeth.
Der Sonnenstrahl glüht wie ein Stern Unter des Schattens Baldachin — Und vom Bazare dumpf und fern Hör’ ich den Lärm herüberziehn.
Nicht Furcht noch bange Ahnung mir Umnachten meines Himmels Blau, Mein Blut ist frisch, wie Morgen, hier, Mein Herz mir scheint getaucht in Thau.
Wie Perle in der Schaale ruht, So schläft in mir der frohe Geist. Nichts weiß von Leid mein stolzer Muth, Doch weiß ich halb, was Freude heißt. —
Ich fühle nun in Puls und Brust Der Leidenschaft Gewoge kaum — Ein Leben leb’ ich unbewußt, Wie’s haucht aus jenem Jasminbaum.

Damaskus’ Straßen blick’ ich hin, Mit reichem Prunk und Pomp besetzt — So müßig, wie des Kindes Sinn An Bilderbüchern sich ergötzt.
Vergessen nun sind Nam’ und Land, Verlösch…

Irene von Schellander - Geheime Liebe

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Geheime Liebe. Du nennst die weiße Lilie mich,
Die Schimmernd kühl erblühte,
Und huldigst mir so feierlich
Mit sehnendem Gemüte.
O blicktest du mir einmal klar
Ins Herz, das ruhelose!
Im Grunde glüht es wunderbar
Wie eine rote Rose.
Aus: Irene von Schellander, Tannenbruch, Gedichte, E. Pierson's Verlag, Dresden und Leipzig, 1902

Irene von Schellander - Titanic

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Titanic.
Dein Name schon: Titanic, war die Macht! Dein Anblick Sieg, der aller Stürme lacht.
Und als die Riesenanker Du gelichtet Im Hafen von Southampton, weltgesichtet,
Und ungestüm zerwühlt den Wellenschoß, Da rissen sich zwei große Dampfer los
Von ihren Tauen, die Dein Wirbel schlug, Und schwangen warnend sich vor Deinen Bug. »Hab’ acht. Du größtes Schiff im Meergewog!«
Da blies der Wind und Deine Flagge flog Auf Deiner Brautfahrt, grüßte, wie seit je, Die Freiheit in Alt-Englands Macht zur See! Musik und Volldampf! Ob der Tag zerfloß,
Du stiegst am Himmel auf als Lichtkoloß, Der durch das Weltall in den Abgrund fährt
Und Flut und Eis im Untergang verklärt.
Da horch — vom Krähennest hoch oben schlug
Dreimal der Gong: »Eis vor dem Bug!« — Und: »Hard a-starboard!« das Kommandowort
In einem Atem. »Hart an Steuerbord!« — Es war der Tod, der das Kommando sprach Und Dir das Ruder und die Rippen brach.
Die Männer zweier Länder ins Verderben! Und mußten kühn wie Könige zu sterben! Zweitausend Helden, eins im Seem…

Arno Holz - Samstagsidyll

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Samstagsidyll. 1884.
Es war ein Tag, wie’s ihrer viele giebt, Wenn falb der Sommer in den Herbst zerstiebt; Verstummt schon schien der Vögel buntes Völkchen Und grau am Himmel standen kleine Wölkchen. Nur ab und zu schwamm’s fernher durch die Luft Noch weich wie ein verirrter Rosenduft Und wie ein Lenzlockruf, nur herbstlich stiller, Klang hie und da ein später Vogeltriller. Auf lauen Windes Flügeln kam’s und schwand Und reichte wiederkehrend sich die Hand, Wie wenn zwei Herzen durch ein letztes Grüßen Sich noch des Scheidens bittres Weh versüßen.
Doch also war’s nur draußen fern im Hag, Durch die Fabrikstadt schlich der Werkeltag. Das schwarzberußte Schurzfell um die Lenden, War er bemüht, die Woche zu beenden; Er ließ das Eisen wie ein Licht erglühn Und mehr als hundert Essen Funken sprühn, Und, unbekümmert um den eignen Jammer, Schwang er den centnerschweren Schmiedehammer. Hier war’s ein Schienenwagen, dort ein Schiff, Der Schornstein rauchte und der Dampfhahn pfiff, Die Räder rollten ewig um im Kreise Un…

Rosa Kleinhapl - Novembertage

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Novembertage.
Novembertage trüb und grau
Ihr schleicht dahin so müd und matt
Wie eine gramgebeugte Frau,
Der man das Glück genommen hat.


Man nahm euch auch das Beste fort —
Kein Vogel singt im Tannenbaum.
Die Wiesen brach und längst verdorrt
Die Felder kahl bis an den Saum.


Und weiße Nebel, geistergleich,
Mit langen Armen waldwärts zieh'n;
Sie müssen stumm und schreckensbleich
Dem warmen Leben rasch entflieh'n.


Novembertage trüb und grau,
Ihr schleicht dahin so müd und matt
Wie eine gramgebeugte Frau,
Der man das Glück genommen hat.


Aus: Rosa Kleinhapl, Erzählungen und Gedichte, Kommissionsverlag Josef Kienreich, Graz, 1918


Es konnten leider keine Informationen zum Leben von Rosa Kleinhapl gefunden werden.







Albert Giraud - Absinth

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Absinth
An Richard Dehmel
Im Oceane des Absinths
Fand ich den Continent des Rausches!
Dort ist das Klima capriciös
Wie — eine schwangre Frau.


Das Meer ist trunken wie die Luft
Und tanzt in grünlich gelben Wogen.
Im Oceane des Absinths
Fand ich den Continent des Rausches!


Doch wehe! Was umklammert jäh
Mein Schiff? — Polypen, widrig, klebrig!
Ein Riesenarm zerknickt den Mast —
Und ohne Klagelaut versink ich
Im Oceane des Absinths.

Aus: Albert Giraud, Pierrot lunaire, Übersetzung von Otto Erich Hartleben,  Der Verlag deutscher Phantasten, Berlin, 1893

Angelika von Hörmann - Nun sind sie da, die blauen Tage

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Nun sind sie da, die blauen Tage,
Die Tage voll von Glanz und Duft,
Kein Wölkchen schreibt als leise Frage
Ein Warnungszeichen in die Luft;
Kein Sturm droht mehr mit Hochgewittern,
Du brauchst im Traume nicht zu zittern,
Daß dich ein Schlag ins Wachen ruft.


Noch fällt kein gelbes Blatt vom Baume,
Doch fruchtschwer neigt sich Ast zu Ast
Und dorfwärts schwankt vom Feldessaume
Der Ähren hochgethürmte Last.
Rings fettes Grün und Farbenprangen,
Als ruhten Lenz und Herbst umfangen
In selig stummer Liebesrast.


Das webt den Zauber dieser Stunden:
Sie scheinen frei vom irdschen Zoll,
Als hätt das Pendel Halt gefunden,
Als wär der Zeiten Kreislauf voll;
Kein Winter, wähnst du, käm sie rauben -
Das Herz will ewig dauernd glauben,
Was völlig es beglücken soll.


Aus: Das Buch der Sehnsucht, Herausgegeben von Paul Remer, Schuster & Loeffler Verlag, Berlin und Leipzig, 1900



Elisabeth Janstein - Liebe

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LIEBE

Demütig will ich sein und dienen?
Sind Wünsche, die wie Flammen schienen,
Vor diesem einen Wunsch verweht?


Das Haupt, das sich in Wolken wähnte
Und aller Taten Krone sehnte,
Das jetzt im Sturm der Liebe steht —


Die Hände, die sich zornig ballten
Um Schwert und Fahnenschaft zu halten,
Sind wie ein Becher aufgetan.


Wann steigt dein Durst zu meinem nieder,
Wann beugst du langsam deine Glieder
Und fängst voll Lust zu trinken an?


Aus: Elisabeth Janstein, Die Landung, Drei Masken Verlag, München, 1921


Elisabeth Jenny von Janstein - 19. Oktober 1893, Iglau -  31. Dezember 1944, Winchcombe - war eine deutsche Dichterin und Journalistin.



Angelika Hörmann - Mädchenlieder

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Mädchenlieder
1.

Was ihm an mir gefallen mag?
Zur Kammer schleich ich oft im Tag,
Schieb vor die Thür den Riegel
Und schau in meinen Spiegel.


Warum erwählt er nicht die Ros?
Bin eine schlichte Blume bloß
Und nimmer will's mir glücken,
Mich also hold zu schmücken.


Doch eine Zier ist mein fürwahr!
Die Schönste wär ich aus der Schar,
Stünd all mein treues Lieben
Im Antlitz mir geschrieben.




2.

Im Erker sitz ich früh und spät
Und führe die Nadel durchs Linnen,
Kaum hab ich ein paar Stiche genäht,
So lug ich über die Zinnen.


Erschallt vom Thurm des Wächters Ruf,
So spring ich schnell vom Sitze,
Dröhnt auf der Brück ein Pferdehuf,
Durchzucken mich Freudenblitze.


Wie lausch ich, ob die Trepp empor
Ein rascher Tritt nicht klimme,
Wie selig trinkt mein durstig Ohr
Die tiefe geliebte Stimme!


Wenn einen Tag mir's nicht gelang
Mich in Geduld zu fassen,
Wie schlepp ich dann der Jahre Gang,
Wenn er mich ganz verlassen?


Aus: Das Buch der Sehnsucht, eine Sammlung deutscher Frauendichtung;, eingeleitet und hrsg. von Paul Rem…

Liddy Richter – Sehnsucht

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Liddy Richter – Sehnsucht.

Die Sehnsucht winkt mir aus des Himmels Blau,
Sie flüstert in der Lüfte wildem Wehen;
Die Blume duftet sie im Morgentau;
Sie klingt gar leis aus Nachtigallenflehen.


Die Sonne glüht sie scheidend noch ins Thal,
Im Waldesdunkel rauschen sie die Quellen,
Mit goldnem Griffel schreibt der Mondesstrahl
Sie zitternd auf des stillen Sees Wellen.


Im Himmel leuchtet sie die Sternenpracht
Geheimnisvoll in sommernächt'ger Stunde;
Doch grüßt sie mich mit ihrer Macht
Erst aus des Menschenauges tiefem Grunde.


aus: Dichterklänge, Neue deutsche Lyrik für Herz und Haus, Herausgegeben von Hermine Freiin von Gellenberg, Gustav Flock Verlag, Leipzig, o. J. [1906]



Maria Solina - Epigonen

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Epigonen

Jüngst sah auf einem meiner stillen Gänge
Ich einen Baum von seltsamer Gestalt,
Wie seinesgleichen nie mein Auge schaute.
Weil halb im Licht er, halb im Schatten stand,
Meint' ich zuerst, daß mich die Sonne äffe.
Nicht Baum noch Strauch: ein krankes Mittelding.
Der Stamm unförmlich kurz und dick, die Krone
Ein dichtbelaubter, ästeloser Knauf,
Der ungegliedert, reglos darauf ruhte
Wie eines dunkeln Riesenpilzes Dach.


Der Stamm – ob einer Linde Rest, ob eichen –
Gehört' einst sicher einem König an
Im Reich der Bäume. Mehr ließ nicht erkennen
Der neid'schen Wucherpflanze dicht Geschling,
Das sich mit tausend Würzlein d'ran geklammert,
Und, d'ran erstarkt, in üpp'ger Fülle sprießend
Sich kühn anmaßte eig'nes Lebensrecht.


Und wie man um die Säule eines Großen,
Der frei und stark zur Höh' emporstrebt,
Ein wimmelnd Völklein krabbeln sieht, das emsig
Backsteine schleppt herzu zum Weiterbau,
Bis jene Säule, die so stolz gestanden,
Ein weithin weisend Ehrenmonument
Selbsteig…