Direkt zum Hauptbereich

René Schickele - Grossstadtvolk

                     Ja, die Grossstadt macht klein . . .
                     O, lasst euch rühren, ihr Tausende . . .
                     Geht doch hinaus und seht die Bäume wachsen:
                     Sie wurzeln fest und lassen sich züchten.
                     Und jeder bäumt sich anders zum Licht.
                     Ihr freilich, ihr habt Füsse und Fäuste,
                     Euch braucht kein Forstmann erst Raum zu schaffen,
                     Ihr steht und schafft euch Zuchthausmauern.
                    So geht doch, schafft euch Land! Land! Rührt euch!
                    Vorwärts! Rückt aus!«
                                                                                       DEHMEL




Mein, hier sollt ihr bleiben!
In diesen bedrückten Maien, in glanzlosen Oktobern.
Hier sollt ihr bleiben, weil es die Stadt ist,
Wo die begehrenswerten Feste gefeiert werden
Der Macht, und die blassmachenden Edikte erlassen werden
Der Macht, die wie Maschinen,
Ob wir wollen, oder nicht, uns treiben.
Weil von hier die bewaffneten Züge hinausgeworfen werden
Auf mordglänzenden Schienen,
Die alle Tage wieder
Das Land erobern.
Weil hier die Quelle des Willens ist,
Überschäumend in Wogen, die millionen Nacken drücken,
Die Quelle, die im Takt der millionen Rücken,
Im Hin und Her der millionen Glieder
Bis an die fernsten Küsten brandet.
Hier sollt ihr bleiben
In diesen bedrückten Maien, in glanzlosen Oktobern.
Niemand soll euch vertreiben.
Ihr werdet mit der Stadt die Erde euch erobern.


[Der Gläubige betet:]


   Gott, der Ihr Euren Sohn uns sandtet
   Zu aller Sünden Wiederkauf:
   Steigt nicht aus allen diesen Knechtsgebärden
   Blutrote Trauer zu Euch auf?
   Sind dieser Schweiss der Angst und der Erniedrigung,
   Des Hungers, alle Tränen der Demütigung,
   Die täglich fliessen, nur der Dung
   Für ihre Erde?
   Wo ist die unsre, Gott?


   Sicher seid Ihr, es gibt einen Himmel: vielleicht.
   Doch will ich nicht, dass
   (Weil es dort besser ist, als hier auf Erden)
   Der Hunger meine Kinder bleicht,
   Und will nicht, dass sie Waisen werden.
   Ihr lebt in mir wie Hass.


   Höre mich, o Gott!
   Ich glaube an Dich,
   Denn, wenn Du nicht wärst, müsste ich morden.
   Ich glaube an Dich,
   Denn wem sollte ich danken, dass ich
   Vor meinem Weibe Mensch geworden.
   Vor ihm wenigsten, wenn mir auch nichts gehört
   Als ihr Herz und ihr Mund, der mich dennoch oft betört
   Aufschluchzen lässt, als wäre es das einzige Glück?
   Wem sollte ich danken für das winzigste Stückchen Glück,
   Wenn nicht Dir?
   Sie gaben es mir nicht.
   Allein von ihrem Gang und ihrem Gesicht
   Schauert mein Blick mir ins Geblüt zurück,
   Wärst Du nicht, ich müsste morden.


   So aber glaube ich, dass mein Hass,
   Der wie ein gutes Feuer mich verzehrt,
   Von Dir und vielfach gesegnet ist,
   Weil er Hoffnung, Liebe und Güte
   Und im Grund mein ganzes Leben ist,
   Um das ich zitternd wüte.
   Alles grausam nur verkehrt.


   O Gott, ich höre Dich wie einen Vater sagen: »Lass
   Nur, bald komm ich wieder
   Und werde euer Hauptmann sein.
   Ich werde die Kleider erneuern, die ihr verschlisst,
   Eurer Frau bring ich ein neues Mieder,
   Ich selber führ euch in die prächtigen Häuser ein.
   Dort badet ihr eure geschundenen Glieder.
   In schönen Zimmern bleibt jeder mit seiner Frau allein.
   Ihr werdet, müde, lang bei milden Küssen säumen
   Und von schlanken, starken Kindern träumen,
   Mit Blumen in den Händen, mit Haaren voll Sonnenschein.«


   O Gott, ich höre Deine Worte, die das Herz mir kühlen.
   Ich frage nicht: Wie lang noch währt die Frist?
   Dass Du gekommen bist,
   Werd ich am Aufruhr meiner Kräfte fühlen.


aus: Sozialistische Monatshefte, 1909, Heft 22, S. 1422-1424







Beliebte Posts aus diesem Blog

Albert Möser - An den Tod

An den Tod.
Im Lärm des Tages sind sie starr befangen:
Seht an die Jagd, die stürmisch-ruhelose,
Mild rast der Schwarm, dem Nichts vermag zu wehren;
Ein Jeder ringt, daß er, was nützt, erlose,
Nach ird’schem Wohl steht einzig sein Verlangen,
Ihm jagt er nach mit Sorgen, lastend-schweren;
Genuß! heißt ihr Begehren,
Der winkt und lockt sirenenhaften Klanges
Und bändigt ganz der bebenden Gedanken;
Ihn suchen, die da athmen, all’ und ranken
Um’s irdische Sein sich zäh’ und gier’gen Dranges;
Am Staube seht ihr durst’gen Sinns sie kleben,
Und ihrer Sehnsucht Ziel heißt: Leben! Leben!
Doch dir, o Tod, naht selten nur ihr Fragen,
Sie lieben’s nicht, den Geist dir zuzuwenden,
Und deinen Namen nennt nicht gern die Lippe;
Denn sieh! dein Amt ist, mitleidlos zu enden
Das Sein, das sie entzückt, und drum mit Zagen Malt dich ihr Geist als höhnisches Gerippe;
Mit Stundenglas und Hippe,
Hohläugig, grinsend, wangenlos und beinern,
Also im Sinn lebst du dem Erdensohne,
Und schreckhaft gleich dem Haupte der Gorgone
Schaffst du…

Pierre Louys - Rosen in der Nacht

ROSEN IN DER NACHT


Wenn die Nacht am Himmel aufsteigt,
ist die Welt unser und der Götter.
Von den Feldern gehn wir zur Quelle,
vom dunkeln Wald nach der Lichtung, wo-
hin uns unsre bloßen Füße führen.

Die Sternlein funkeln genugsam für die klei-
nen Schatten, die wir sind. Manchmal fin-
den wir unter den niederhangenden Zweigen
schlafende Hirschkühe.

Doch zauberischer in der Nacht als alles andre
ist ein Ort, von uns allein gekannt, der uns mäch-
tig auf sich zieht durch den Wald: ein Gebüsch
geheimnisvoller Rosen.

Denn nichts ist göttlich auf der Erde, verglichen
mit dem Duft der Rosen in der Nacht. Wie
kam es nur, daß ich damals, als ich allein war,
mich nicht davon berauscht gefühlt.

Aus: Pierre Louys, Lieder der Bilitis, Übertragen von Richard Hübner, J. Zeitler Verlag, Leipzig, 1901. Illustration von George Barbier

Ludwig Thoma - Sexuelle Aufklärung

Sexuelle Aufklärung

Der alte Storch wird nun begraben. 
Ihr Kinder lernt im Unterricht, 
Warum wir dies und jenes haben, 
Und es verbreitet sich das Licht. 


Zu meiner Zeit, du große Güte! 
Da herrschte tiefe Geistesnacht. 
Man ahnte manches im Gemüte 
Und hat sich selber was gedacht. 


Mich lehrte dieses kein Professer; 
Nur eine gute, dicke Magd 
Nahm meine Unschuld unters Messer 
Und machte auf dieselbe Jagd. 


Ihr Unterricht war nicht ästethisch, 
Im Gegenteil, sehr weit entfernt. 
Und doch, wenn auch nicht theoretisch, 
Ich hab' es ziemlich gut gelernt. 


aus: Ludwig Thoma, Kirchweih, Simplicissimus-Gedichte, Albert Langen Verlag, München, 1912