Unbekannter chinesischer Dichter - Lieder der Mitternacht

Unbekannter Künstler der Sung-Dynastie



1
Der Weihrauch sendet Düfte aus,
Und bin ich auch nicht reich und schön:
Der Himmel ist uns Menschen hold,
Er schenk’ uns bald ein Wiedersehn.


2
Versponnen bleiben auch zerrissene Fäden,
Und ewig bleibt die Liebe uns im Blut.
Wohl sterben jährlich alle Seidenspinner,
Doch ist ihr Grab die Wiege ihrer Brut.


3
Ich bette mich in weiche Kissen ein,
Mein Liebster kommt und kost mit mir.
Doch allzu ungestüm darf er nicht sein,
Nur rein bewahrt weilt Liebe lange hier.


4
Der Hunger ruft Speisen,
Die Liebe ruft Lieder.
Ich lehn’ an dem Tore —
’s ist Abend! Komm wieder!


5
Ich tret’, noch eh mein Morgenkleid geschlossen,
Mit Falten auf der Stirn hinaus geschwind.
Ein Windstoß flattert in die leichte Seide
Und lüftet sie. Der böse Frühlingswind!


6
Wie freu ich mich des Wiedersehens! —
Doch was siehst du so streng darein?
Dreimal ruf ich und keine Antwort —
Warum willst plötzlich du so weise sein?


7
Ich habe dich lieb, möchte zu dir gehn,
Möcht wohnen ganz nahe bei dir.
Vor meiner Tür müßt ein Holderbusch stehn,
Dann könnt ich dich Holder immerfort sehn.


8
Die Lieb’ im Herzen treibt mich dir entgegen,
Jedoch die Schüchternheit hält mich und will's nicht leiden.
Die roten Lippen öffnen sich zum Liede,
Und mit der weißen Hand rühr ich die zarten Saiten.


aus: Chinesisch-Deutsche Tages- und Jahreszeiten, Richard Wilhelm, Eugen Dietrichs, Jena, 1922, S. 17 f.




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