Else Galen-Gube – Hymen.

Sir Joshua Reynolds – Three Ladies Adorning a Term of Hymen


Hymen



Am Horizont verglimmt des Tages Schein,
der Abend sinkt in satten Farbengluten;
im fernen West will sich der Tag verbluten,
wir beide endlich, endlich ganz allein.


Du schaust mir selig lächelnd ins Gesicht,
an meinen Wimpern siehst du Tränen hangen;
zwei heiße Zähren, die nach Zweifelsbangen
das Glück gebar. O das verstehst du nicht.


Lös nicht den Gürtel jetzt mir vom Gewand,
entweihe nicht die Heiligkeit der Stunde;
dein bin ich, dein aus tiefsten Herzensgrunde –
Komm, leg auf meine Stirn nur deine Hand.


Ich weiß, du hast dich ja nach mir verzehrt,
in wilder Sehnsucht, schweigend, ohne Klagen;
grausam bin ich – und doch, konnt ich denn sagen:
»Dein eigen sei, was du so heiß begehrt?«


Was blickst du so verstört, so starr mich an?
Nichts soll sich zwischen unsre Liebe türmen?
O du – – ich weiß. Du willst den Himmel stürmen ..
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – 
So stürm ihn denn, du heißgeliebter Mann.


aus: Else Galen-Gube, Im Bann der Sünde, Gedichte, Thomas & Oppermann, (Ferd. Beyers Buchhandlung), Königsberg i. Pr., 1905.

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