Direkt zum Hauptbereich

Emilio Praga - Nachtgebet

Darío de Regoyos y Valdés - Almería en la noche

Nachtgebet


Fromme Leute, die ihr betet, eh euch Schlaf und Träume wiegen,
Betet nicht für jene Toten, die schon auf der Bahre liegen,
Betet nicht für jene Gäste ewigferner Dunkelheiten,
Die von dieser Welt geschieden durften aus der Hölle schreiten!


Ausgestreckt und mit gekreuzten Armen ruhen sie im Grunde,
Und sie hören alles Werdens heiligste und tiefste Kunde.
Spüren, wie das ungeheure Leben will zum Lichte fließen,
Haben in den Haaren feuchte Wurzeln, draus die Veilchen sprießen,
Halten Stengel in den Händen, die zu hohen Tannen werden —
Still und glücklich sind die Toten, liegen ruhig in der Erden.
Fromme Leute, die ihr betet, wenn die Nacht herabgesunken,
Betet nicht für jene Toten, die der Tiefe Tau getrunken,
Die in Blätter sich verwandeln, die sich wandeln zart in Blüten . . .
Betet nicht für die am Ziel sind, betet für die Wandermüden!


Für die Lebenden dann betet, wenn herabsank Nacht und Schatten:
's ist die Zeit, wo rings die Schlechten schlurfen wie ein Rudel Ratten,
Und es scheint, daß Gott vergessen ganz die armen Lebenssklaven,
Gleich als hätt' er in der dunkeln Himmelsherrscherburg geschlafen.


Betet für die schwangern Mütter, betet für die leichenfahlen
Schädel, die in Spiel und Laster dulden finstre Höllenqualen;
Für die Frau, die ihre Arme öffnet einem Unbekannten,
Für den Dichter, den Dämonen hier in Schmutz und Kot verbannten,
Der den Himmel mit der Seele stürmen will in Blut und Tränen,
Betet für die bleichen Opfer, denen Lazarette gähnen,
Über die im Abendgrauen, schlimmer noch als Todesringen,
Furchtbar sinkt die Schwermut nieder mit den schwarzen Unglücksschwingen;
Für die Liebenden nur betet und beschwört den Herrn der Höhe,
Der, als er die Liebe schuf, schuf des Unglücks tiefstes Wehe.

aus: Weltlyrik, Ein Lebenskreis, Nachdichtungen von Karl Henckell, Die Lese Verlag, München, 1910




Beliebte Posts aus diesem Blog

Albert Möser - An den Tod

An den Tod.
Im Lärm des Tages sind sie starr befangen:
Seht an die Jagd, die stürmisch-ruhelose,
Mild rast der Schwarm, dem Nichts vermag zu wehren;
Ein Jeder ringt, daß er, was nützt, erlose,
Nach ird’schem Wohl steht einzig sein Verlangen,
Ihm jagt er nach mit Sorgen, lastend-schweren;
Genuß! heißt ihr Begehren,
Der winkt und lockt sirenenhaften Klanges
Und bändigt ganz der bebenden Gedanken;
Ihn suchen, die da athmen, all’ und ranken
Um’s irdische Sein sich zäh’ und gier’gen Dranges;
Am Staube seht ihr durst’gen Sinns sie kleben,
Und ihrer Sehnsucht Ziel heißt: Leben! Leben!
Doch dir, o Tod, naht selten nur ihr Fragen,
Sie lieben’s nicht, den Geist dir zuzuwenden,
Und deinen Namen nennt nicht gern die Lippe;
Denn sieh! dein Amt ist, mitleidlos zu enden
Das Sein, das sie entzückt, und drum mit Zagen Malt dich ihr Geist als höhnisches Gerippe;
Mit Stundenglas und Hippe,
Hohläugig, grinsend, wangenlos und beinern,
Also im Sinn lebst du dem Erdensohne,
Und schreckhaft gleich dem Haupte der Gorgone
Schaffst du…

Ludwig Thoma - Sexuelle Aufklärung

Sexuelle Aufklärung

Der alte Storch wird nun begraben. 
Ihr Kinder lernt im Unterricht, 
Warum wir dies und jenes haben, 
Und es verbreitet sich das Licht. 


Zu meiner Zeit, du große Güte! 
Da herrschte tiefe Geistesnacht. 
Man ahnte manches im Gemüte 
Und hat sich selber was gedacht. 


Mich lehrte dieses kein Professer; 
Nur eine gute, dicke Magd 
Nahm meine Unschuld unters Messer 
Und machte auf dieselbe Jagd. 


Ihr Unterricht war nicht ästethisch, 
Im Gegenteil, sehr weit entfernt. 
Und doch, wenn auch nicht theoretisch, 
Ich hab' es ziemlich gut gelernt. 


aus: Ludwig Thoma, Kirchweih, Simplicissimus-Gedichte, Albert Langen Verlag, München, 1912



Edgar Steiger - Nächtlicher Ritt

Edgar Steiger - Nächtlicher Ritt


Ich bin der Sturm, der über dich braust,
Du schönste der Edeltannen.
Ich halte dich fest in krampfender Faust
Und trage dich hurtig von dannen.

Schweratmend ruhst du, selig glühende Frau,
Auf meinen bebenden Armen.
Aus deinen Haaren küss' ich den Tau,
Und fühle ein wildes Erwarmen.

Warm über die zuckenden Glieder rinnt
Der rieselnde Mainachtsregen,
Und die Liebe überschauert dich lind
Mit ihrem süßesten Segen.

Und wärst du der Teufel und wärst du der Tod,
Ich will dich umschlingen und pressen
Und das lachende Glück und die wimmernde Not
Und die eigene Seele vergessen.


Aus: Chorus eroticus, Neue deutsche Liebesgedichte, Herausgegeben von Karl Lerbs, Rainer Wunderlich Verlag, Leipzig, 1921