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Holger Drachmann - Englische Sozialisten

London - Tower Bridge (um 1900)


Englische Sozialisten


Hin über Londons Dächer gleitet
Der letzte Strahl, des Tages matter,
Sterbender Rest. In Strömen wälzt sich
Der Themse Wasser meerwärts ringend fort.
Wie ein schwerfälliger Gast aufs schmutzige Lager
Senkt sich vom Meer her, von den feuchten Pfaden
Der Nordsee, Taudunst über Stadt und Strom:
So senkt die Nacht, der Tod, der Traum sich nieder.


Vorm Wind geschützt, geschirmt vorm Nebeldunst,
Rund um des Kohlenhaufens Qualm und Gluten —
Das Material vom Krug dort hinten, wo
Der Kaufmann die beladnen Boote löscht —
Sitzt eine hemdenrußige Gesellschaft
Mit muskulösen Armen, Stücker dreizehn
Bis vierzehn, die da Boote löschten, Leute,
Die echtes angelsächsisches Blut durchrollt.


Die Pfeife saugend, murmeln sie gedämpft,
Das Bier geht um, und ihre Kannen klingen.
Es liegt was in der Luft, was auf dem Herzen,
Man will ein Ende, will wem auf den Leib.
Doch wie der Arm auch zuckt, der Puls auch pocht,
Es fehlt an Worten für so viel Gedanken;
Erbitterung genug, doch kein System . . .
Da steht ein Mann auf, seine Blicke funkeln,


Er ballt die Faust, er reißt die fette Mütze
Sich von der breiten Stirn und schleudert mitten
Sie in der Kohlen roten Brand und speit
Jäh in die Flamme, daß die Gluten zischen:
»Kam'raden,« ruft er, »seht, da flog der Stand,
Des Kohlenschleppers rußige Kappe hin.
Nun haben Kopf und Arme wir zurück,
Die heben wir uns auf für künftige Tage.


Was helfen Predigten, was fromme Wünsche?
Wir wollen Vorschuß auf die Seligkeit,
Nicht immer Kohlen löschen, Löcher graben,
Um nach dem Tod einmal was 'raus zu haben.
Von Erde sind wir, werden auch zu Erde,
Wir fordern unsern Lohn lebendigen Leibes.
Warum denn stets das Himmelreich so preisen?
Ob was draus wird, kann doch kein Mensch beweisen.


Uns' Herr — verstand auf arme Teufel sich,
Zerfetzte Röcke und zerrißne Stiefel,
Und als er seine Lohnmirakeln schuf,
So war's für mich und euch und solche Leute.
Uns' Herrgott gab, was vor der Hand er hatte,
Und für den Rest Bons auf den Heiligen Geist,
Der Pfaff nimmt uns dafür den letzten Taler:
»Mein Sohn, im Himmel unser Herr bezahlt!«


Hört ihr den Sturm, merkt ihr des Stroms Gebraus?
Es kracht um uns herum an allen Kanten.
Was schlaft ihr noch? Dem Traum noch diese Nacht,
Dem Tod und Weltgericht gehört der Morgen.
Ihr saht die Flammen, rocht die Brände doch,
Der Rauch trieb her zu uns aus fremden Ländern;
Euch kriegt er nicht aus eurem Bau geräuchert,
Ihr liegt noch, döst und träumt in euren Kohlen.


Gotts Tod! Was? Kennt ihr eure Stärke nicht?
Was heischt ihr nicht mit abertausend Stimmen
Vom goldnen Kalbe, das die Herren tränken,
Ein saftig Stück, ein Sauerbratenende?
Sie schicken Priester uns mit Krausenkragen:
»Die Bibel hier für euren Lechzermagen!«
Den Hungernden Text über Kanaan,
Als Mietzins Wechsel auf die Ewigkeiten.


Gut — wenn wir Weiber oder Kinder wären,
Wachsweiche Herzen, gleich im Auge Zähren,
Da möchten blindlings wir uns gängeln lassen,
Das Kreuz nur schleppen, nach dem Jenseits schluchzen,
Doch wir sind Männer! — Eines wollen wir:
Es schmerzt zu schmachten, wenn man schuften muß.
Wir woll'n nicht lungern. Woll'n auf die Tribüne
Und richten — und das Urteil heißt: »Kommune«!


Er schweigt. Da brüllt es los: »Mehr, mehr!«
Er kehrt sich plötzlich, nach der Stadt zu zeigt er.
Dort kommen Kohlenmänner, mehr und mehr,
Herausgestürmt aus einer nahen Kneipe.
Die ziehn ihn mit sich, und er nimmt das Wort
Drin in der Schenke, oben auf dem Tische:
Von Kirche, Staat und goldner Tyrannei . . .
Da räumt die Kneipe aus die Polizei.


Und auf der Walstatt eine Wolke ruht,
Es pfeift der Wind, und wimmernd geht die Flut.
Seltsame Stimmen steigen auf gen Himmel,
Und drohende Klagen droben murmeln sie.
Licht von des »Westends« stolzen Magazinen,
Vom »Ostend« schwarzer Schlote Feuersglut
Werfen ein Brandmal in das Angesicht
Des Himmels: Der Kommune Weltgericht?!


aus: Weltlyrik, Ein Lebenskreis, Nachdichtungen von Karl Henckell, Die Lese Verlag, München, 1910








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Edgar Steiger - Nächtlicher Ritt


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Aus: Chorus eroticus, Neue deutsche Liebesgedichte, Herausgegeben von Karl Lerbs, Rainer Wunderlich Verlag, Leipzig, 1921