Karl Gottfried von Leitner – Die schöne Brigitte

Die schöne Brigitte

Die schöne Brigitte, die Füsse bar,
Schweift irr durch die Nacht mit losem Haar.


Sie schweift durch die Nacht voll Jammer, und lauscht,
Was nahe hier wispert, was fern dort rauscht.


Die blitzenden Sterne bedrohen sie: »Du!
Wir standen hier Wache und sahen dir zu.«


Der Mond lacht hämisch: »Der See ist nass.
Drin seh’ ich es liegen; du weisst schon was.«


Sie schleicht durch die Au, und das Blümlein weint:
»Ich habe mit ihm zu spielen gemeint.«


Sie klimmt auf den Felsen, da mahnt das Moos:
»Ich hätt’ es so weich gebettet im Schoos.«


Sie läuft in den Wald; der flüstert: »Gescheit!
Nun brauchst du kein Bäumchen zur Weihnachtszeit.«


Sie springt davon, da krächzet ein Rab,
Ein schwarzer, ihr nach: »Kopf ab! Kopf ab!«


Sie rennt, und rennt durch Busch und Strauch,
Bis rauschet der See: »Nun hab’ ich dich auch!«


aus: Deutsche Lyrik der Gegenwart, herausgegeben von Ferdinand Avenarius, Louis Ehlermnann, Dresden, Zweite Auflage 1884



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