Michail Eminescu – Die Vampyre

John Henry Fuseli – The Nightmare


Die Vampyre



Im hohen Dom, erhellt vom Fackelscheine,
Ruht Chagan's schöne Braut auf einer Bahre;
Ihr Prachtgewand trägt viele Edelsteine,
Die Priester singen klagend am Altare.


Zur Erde fallen ihre goldnen Locken,
Die Augen liegen tief, doch trüb und leis
Zu lächeln scheint ihr Mund, schon bloß und trocken;
Ihr schönes Antlitz ist wie Kalk so weiß.


Und Chagan, der Avaren König kniet
Dort neben ihr, sein schwarzes Haar ist wirr.
Verzweiflung aus den blut'gen Augen sieht;
Drei Tage spricht er, thränenlos, wie irr:


»Ich war als Kind schon stolz; das Rund der Erden
Vom Tannenhochwald aus mein Blick verheerte.
Von Kaisern, Welten wollt' ich Herrscher werden
Und maß der Wolga Tiefe mit dem Schwerte.


Dem Bienenschwarm glich meines Volkes Schaar,
Dem ich ein Halbgott schien; bei meinem Nahen
Das Weltall bis zum Pol voll Schrecken war,
Und auch die Wüsten flieh'nde Völker sahen.


Denn Odin war es, der aus eis'gem Dom
Gesandt die Völker, die nach blut'gen Zeichen
In tausend Schwärmen eilten gegen Rom,
Mit Priestern, die erweckt aus Urwalds Reichen.


Im Dniesterthal wollt' ich dein Volk vernichten,
Als mit dem Häuptling dich erblickt ich habe,
Dein Antlitz, eingerahmt vom Haar, dem lichten –
Vor dir ward plötzlich ich ein scheuer Knabe.


Dein milder Vorwurf mir die Stimme bannte,
In beide Hände barg ich mein Gesicht;
Beschämt zur Erde nieder ich mich wandte,
Die erste Thräne trübt' mein Augenlicht.


Als deine Freunde lächelnd sich entfernen,
Heft' ich den Blick auf dich und frag' verwirrt:
›Wie hast du, Königin, in wilde Fernen,
Zu der Barbaren Horden dich verirrt?‹


Mit thränenvoller Rührung sprichst du dann,
Die Augen, drin ein Wunsch liegt, mild sich neigen:
›Sei königlich im Siege, stolzer Mann,
Gieb dich, den wilden Chagan, mir zu eigen.‹


Ich wandt' mein Antlitz, reichte dir mein Schwert,
Du hemmtest an der Donau meinen Lauf.
Chagan vergaß die Welt, seit er dir werth,
Und du gingst, Sieg'rin, im Besiegten auf.


Seitdem, wenn Tag in Nacht leis überging,
Naht sich verstohlen, die nun mir geweiht.
Ihr Mund sprach, während mich ihr Arm umfing:
›Um Chagan, König, bittet deine Maid.‹


Hätt'st du die Sterne, die der Himmel trägt,
Gewollt, der Königskronen gold'nes Licht,
Zu Füßen hätt' ich Alles dir gelegt –
Doch nichts mehr willst du jetzt, auch Chagan nicht!


Ach, besser wär's, ich hätt' dich nie gesehen,
Mein wär' die Welt, die ich in wüsten Städten
Und rauchenden Ruinen sah erstehen,
Als mich die Träume meines Walds umwehten.«


Weißbärt'ge Mönche, allen Erdenklagen
Entrückt, die Fackeln heben; alte Priester
Erloschnen Auges, langsam schreitend, tragen
Der Donau Königin in's Grabesdüster.


Und trübe singend, in gewölbten Schacht
Versenken sie den Sarg; der Grabesstein,
Hoch über dem die ew'ge Lampe wacht,
Trägt stolz als Siegel nur das Kreuz allein.


                                II.


Chagan, auf schwarzem Pferd, vom Mond belauscht,
Flieht wie ein Traum dahin auf steilem Stege.
Leis über Höh'n der Wind in Blättern rauscht;
Der Nordstern weist die Richtung seinem Wege.


Doch, wo aus Felsgestein die Flüsse quellen,
Hat er den Rand des Hochwalds jetzt erreicht.
Im dichten Laub hört er des Dachses Bellen,
Des Auerochs' Gebrüll, das Donnern gleicht.


Auf einem Thron im Felsen, aufrecht, steht
Des Heidenpriesters überird'sche Macht.
Schon hundert Jahr' an ihm vorübergeht
Der Tod, sein Aug' nur ist gehüllt in Nacht.


In seinem langen Haare wächst das Moos,
Die Braue reicht zur Brust, zu Erd' der Bart,
Die Hand läßt nie die schwere Krücke los,
Die Füße sind im Felsen fast erstarrt.


So geht der Tag wie Nacht; viel Menschenleben
Zählt er im Sinn, zählt unzählbare Tage.
Ein schwarzer Rabe und ein weißer schweben
Im Kreis um ihn mit müdem Flügelschlage.


Chagan naht sich des Träumers weißem Haupt:
»Du Magier ew'ger Zeit, dich suche ich,
Gieb sie zurück, die mir der Tod geraubt,
Und deinen Göttern unterwerf' ich mich!«


Mit seiner Krücke hebt die Brau'n der Alte
Und starrt ihn lange an, doch schweigt er kalt.
Den Fuß dann lösend aus der Felsenspalte,
Winkt er, zu folgen ihm zurück zum Wald.


An Thor, wo man in Bergestiefen dringt,
Klopft mit dem Stab er dreimal an die Mauer.
Aus alten Angeln laut die Thür aufspringt:
Der Alte neigt sich, Chagan bebt vor Schauer.


Sie treten ein in schwarze Marmorhallen,
Der Greis entzündet einer Fackel Licht.
In's alte Schloß die Thüren wieder fallen,
Die Flamme flackernd an der Wand sich bricht.


In grausem Schweigen winkt der Magier wieder,
Weist auf den Thron, der dort schon seiner harrt;
Der Fürst, erstorb'nen Herzens, läßt sich nieder,
Am Schwert die Rechte, fast zu Stein erstarrt.


Empor zu wachsen scheint der weiße Greis,
Die Luft, von seinem Zauberstab durchzogen,
Gleicht kühlem Hauch, und wie von Stimmen leis
Zieht süßer Sang hin durch die hohen Bogen.


Allmälig schwillt der Sang, als wenn die Winde
Hinbrausen schreckvoll über Meeresflächen,
Als sollt' vor Angst die ganze Erdenrinde
Bis tief in's Innerste in Stücke brechen.


Die Wölbung schwankt, als öffne sie sich droben,
Der mächt'ge Felsen wankt in seinem Grund.
Zu rufen scheint's, zu fluchen und zu toben,
Und wild schwillt's mehr und mehr aus Geistermund:


»Aus ihrem eignen Herzen möge Leben
Die Erde deiner Todten geben wieder!
Der Mond soll Glanz in ihre Haare weben;
Vom Stern strahl' Licht in ihre Augen nieder!


Doch Geist theil' du ihr mit von deinem Geist,
Zamolxes, Same du vom ersten Licht,
Aus deines Mundes Odem, der vereist
Und auch verbrennt, dem keine Kraft entbricht!


Ihr Elemente vier, durchdringt die Erden
Macht Gold aus Steinen, aus den Wassern Gluth;
Aus Fels fließ' Feuer, Eis laßt Dämpfe werden
Und nährt der Jungfrau Herz mit heißem Blut!«


Da schwand der Fels vor Chagan; wogen
Sah er im Kampf die ganze Creatur,
Schnee, Bltz, Eis, Sommerwind; in Flammenbogen
Lag fern die Welt und ächzte die Natur.


Das Gotteshaus, der heil'ge Vorhang wankt,
Zerrissen mitten durch von Blitz-Gewalt,
Und tiefem Grabgewölb' entsteigend schwankt,
Langsam sich nähernd, seiner Braut Gestalt.


Ein süßes Bild des Schnees. Das Haar ihr reicht
Zum Fuß, der Hals, geschmückt mit Perlen reich,
Trägt müd' das kleine Haupt, und leise streicht
Mit weißer Hand sie ihre Stirne bleich.


Sie naht durch Wind und Nebel, Wolken fliehen,
Der Mond verblaßt, der ganze Himmelsbogen
Neigt sich, die Blitze lassen sie durchziehen,
Als käm' ein Engel durch die Höll' gezogen.


Dann schwand das Bild. Doch an der schwarzen Mauer
Schlafwandelnd nahte sie sich langsam wieder,
Chagan verschlang mit Augen sie; vor Schauer
Fiel er, die Arme öffnend, sinnlos nieder.


Von kaltem Arm umfangen fühlt er sich,
Und fühlt den eis'gen Kuß auf seinem Herzen
Durchbohrend brennen, wie ein tiefer Stich.
Lebendig wird sie so durch seine Schmerzen.


In ihre Seele Wärme überging,
Ihr Mund, geöffnet wie zu leisem Streit,
Spricht, während ihn ihr weißer Arm umfing:
»Um Chagan, König, bittet deine Maid.


Willst, Chagan, du nicht ruh'n an meiner Brust?
Du Gott, mit deinen glühend schwarzen Augen;
Mein blondes Haar sei deine Himmelslust,
Laß mich aus dir von Neuem Leben saugen!«


Und mild erklang ein alter, traur'ger Sang.
Wie wenn ein Quell durch trockne Blätter rauscht,
Dann plötzlich es wie Lieb' und Wollust klang,
Dem Wellenschlag des Seees abgelauscht.


                                III.


In hohen Sälen rothe Fackeln scheinen,
Verwunden grell die schwarze Dunkelheit,
Chagan haust einsam dort, und Lachen, Weinen
Ertönet wild durch seine Hallen weit.


Ein Flor die dunkeln Marmorspiegel deckt,
Durch dessen Schwarz der Fackelschein kaum dringt.
Das leere Haus sein Leid von Neuem weckt,
Und überall das Bild der Todten winkt.


Seitdem der Blitz im hohen Dom einschlug,
Schlief schwer und bleiern Chagan ganze Tage.
Den schwarzen Flecken er am Herzen trug,
Und Nachts hört' richtend er des Volkes Klage.


So bleich wie Wachs ist jetzt sein Angesicht
Und starr, doch blutig seiner Lippen Rand.
Die Fiebergluth aus einen Augen bricht,
Auf's Herz ist ihm der schwarze Fleck gebrannt.


In Todeskleid er jetzt das Leben hüllt,
Sein Ohr sucht nur den Klang der trüben Lieder.
Er reitet aus, wenn Mond die Nächte füllt,
Doch heimgekehrt, erfaßt ihn Schauer wieder.


Auch heut' sein Pferd er wiederum besteigt,
Dem Pfeil gleich eilt er fliegend durch die Halde.
Der Mond glänzt silbern. Aus der Ferne zeigt
Sein Lieb sich ihm, sanft kost der Wind im Walde.


Und ihrem Haar Rubinenstrahl entquoll,
Im Licht des Aug's erglänzt das heil'ge Meer,
Sie neigt zu ihm herab sich liebevoll,
Doch scheint's, als ob die Lippe blutig wär'.


Dem Sturmwind gleich, beflügelt, eilen sie,
Von Liebe flüstern sie, von ew'gem Sehnen;
Mit ihrem Hauch streift seine Wange sie,
Und ihre Glieder schwer sich an ihn lehnen.


»Willst, Chagan, du nicht ruh'n an meiner Brust?
Du Gott, mit deinen glühend schwarzen Augen.
Mein blondes Haar sei deine Himmelslust,
Laß mich aus dir von neuem Leben saugen!«


Die Luft ist schwer, von süßen Lindendüften,
Die ihr der Wind sanft auf den Weg gestreut,
Der Donaukönigin; und leis in Lüften
Schwebt fort ihr Seufzer, wie die Küsse beut.


Wie sie mit Windeseile vorwärts jagen,
Seh'n sie am Horizont die Röthe nicht,
Doch eisig ward ihr Herz, die Kräft' erlagen,
Und Todten ähnlich starr ward ihr Gesicht.


»Chagan!« rief bang die Fürstin, »berge mich,
Hörst du nicht dern den Schrei des heisern Hahns?
Ein Streifen Lichtes zeigt im Osten sich
Und raubt das kurze Leben uns'res Wahns!«


Chagan erschrickt, umflort ist Aug' und Sinn,
Wie Schatten aus der finst'ren Hölle jagen
Die Pferde vor des Todes Stimme hin,
Und Winde stöhnend durch die Wälder klagen.


Furtlos die Wasser rasend sie durchflieh'n,
Die Berge immer mächt'ger auf sich bauen,
Aus ihrem Haupt der Blitz zu wettern schien,
Des Tannenhochwalds Schütteln sie erschauen.


Der Priester auf dem Felsenthron erwacht,
Durchdringt mit tiefer Stimm' das Sturmesweh'n,
Gebeut der Sonne halt, erruft die Nacht – – –
Umsonst, das Licht kann nicht mehr untergeh'n!


Der grause Wind sein Leid zu Ende weint,
Sie ziehen in den Fels auf matten Pferden,
Das Aug' umnachtet, schön, im Tod vereint;
Des Felsens Pforten weit geöffnet werden.


Zusammen zieh'n sie ein; zu fällt das Thor,
Für ewig ruhen sie im mächt'gen Grabe.
Des Tannenwaldes Klage dringt empor,
Daß nun geraubt ihm sie sein Königsknabe.


Der Alte senkt die Wimpern, wieder blind,
Im Sinn zählt er die unzählbaren Tage.
Dem Stein verwachsen seine Füße sind,
Und Chagan's Name scheint ihm eine Sage.


Und einsam steht er auf dem Felsenthrone,
Das Moos durchflicht den Bart, die weißen Haare,
Dem Tod zum Trotze und der Zeit zum Hohne.
Es geh'n an ihm vorüber ew'ge Jahre.


aus: Rumänische Dichtungen, Übertragen von Carmen Sylva, Mit Beiträgen von Mite Kremnitz, Verlag von Emil Strauß, Bonn, 1898













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