Otto Julius Bierbaum – Vampyr. Ein Liebeslied.

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Vampyr. Ein Liebeslied.


Im hellen Herbstwald auf buntem Laub waren wir wie Kinder und küßten uns unschuldig in linder Liebe.
Bubenmädel! Bubenmädel, wie lachten deine Augen, die hellen, braunen, wie lag dein liebes Köpferl so leicht auf dem Laube, und leicht auch lagen meine Lippen auf deinen.
Aber die Nacht kam auf Katzenpfoten, die schwarze, schwere, schweigende Nacht, und schwül war's im Zimmer. Das gelbe Licht der schwebenden Lampe lag wie leuchtender, feuchter Nebel über dem Raum, und deine Augen fragten ängstlich aus dem gelben Dämmer.
Braune, brütende, unselige Augen. In ihnen braute, tief unten, tief, brodelnder giftiger Gischt.
Oh du, du, du!
Und über dich hin warf mich die Wut der Liebe.
Und unsere Lippen lasteten aufeinander, wie alle schmerzlichen, sehnsuchtschmachtenden Sünden zweier Sterne, die sich im wirbelnden Weltall treffen und klagegellend sich umklammern.
Oh du, du, du!
Und meine Augen gruben sich in deine, und meine Arme wanden sich um deinen Leib wie Raubtierpranken, und es stöhnte deine Brust, und deine Augen irrten wie verflogene Tauben.
Sie suchten den hellen Herbstwald und die Kindheit unserer Liebe im bunten Laube.
Und fanden nicht und wurden schmerzenstarr und höllebrünstig heiß und hackten in mein Herz wie schwarze Adlerschnäbel.
Oh du!
Oh du!
Matt sank mein Haupt dir in den Schoß. Du bebtest.
Dann sprachst du leise wirre Worte und weintest.
Und deine Augen wurden wieder hell..
Weißt du es wohl, was zwischen uns geschehn?
Der Haß hat uns gepaart in wildem Kampf, der Haß von Mann zu Weib, die heiße Gier, sich einzusaugen das fremde Herz und Blut und Glut und jeden Atemzug.
Mein Herz und dein Herz haben sich geschaut im Kampf, und kämpfend sich durchdringend sind sie in Eins geflossen.
Du bist nun ich, doppelt ist meine Seele.
Ich habe das Weib erkannt.


aus: Die Gesellschaft, Monatschrift für Litteratur, Kunst und Sozialpolitik, begründet von M. G. Conrad, Jahrgang 1892, Drittes Quartal, Verlag von Wilhelm Dietrich, Leipzig



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