Peter Altenberg - Gedicht




Gedicht


Wie ich zu Tode quäle eine liebevolle Seele,
Wenn ihre Hülle »Leib« nicht meinem Ideal entspricht — —!
Wie stell' ich's aber an, daß ich das »Edlere« wähle?!?
Mein Wächter »Auge« gestattet es mir nicht!
Er sagt: »Man täuschet dich; die beste Seele
Kann eben nur im besten Leib gedeih'n!
Und nur weil Christus vollkommen schön gewesen,
Könnt’ sich sein Herr der ganzen Menschheit weihn!
Voll innerer Sanftmut ist nur das schönste Wesen;
Es dankt dem Schöpfer gleichsam ewig für seine Gnad' auf Erden — — —,
In ihrem verborgensten Blick kannst du es lesen:
»Ich bin von Ihm verpflichtet worden, gut zu werden!«
Gott ähnlich werden ist jedem benommen,
Der nicht die Glieder dazu mitbekommen!
Nur vom vollendet schönen Menschen fordre ich Hirn und Herz — — — 
Er fliege, Gott-begnadet, himmelwärts!
Er sei gerecht, allgütig und all weise — — 
Und er allein stört mir nicht meine Kreise,
Daß der Mensch engelrein werden könne in absehbarer Zeit!
Von den anderen aber verlang’ ich nur,
Daß sie sich betrachten als mißlungene Exemplare der Ideale erträumenden Natur.


aus: Peter Altenberg: Bilderbögen des kleinen Lebens, 1909



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