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Peter Altenberg - Gedicht




Gedicht


Wie ich zu Tode quäle eine liebevolle Seele,
Wenn ihre Hülle »Leib« nicht meinem Ideal entspricht — —!
Wie stell' ich's aber an, daß ich das »Edlere« wähle?!?
Mein Wächter »Auge« gestattet es mir nicht!
Er sagt: »Man täuschet dich; die beste Seele
Kann eben nur im besten Leib gedeih'n!
Und nur weil Christus vollkommen schön gewesen,
Könnt’ sich sein Herr der ganzen Menschheit weihn!
Voll innerer Sanftmut ist nur das schönste Wesen;
Es dankt dem Schöpfer gleichsam ewig für seine Gnad' auf Erden — — —,
In ihrem verborgensten Blick kannst du es lesen:
»Ich bin von Ihm verpflichtet worden, gut zu werden!«
Gott ähnlich werden ist jedem benommen,
Der nicht die Glieder dazu mitbekommen!
Nur vom vollendet schönen Menschen fordre ich Hirn und Herz — — — 
Er fliege, Gott-begnadet, himmelwärts!
Er sei gerecht, allgütig und all weise — — 
Und er allein stört mir nicht meine Kreise,
Daß der Mensch engelrein werden könne in absehbarer Zeit!
Von den anderen aber verlang’ ich nur,
Daß sie sich betrachten als mißlungene Exemplare der Ideale erträumenden Natur.


aus: Peter Altenberg: Bilderbögen des kleinen Lebens, 1909



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Albert Möser - An den Tod

An den Tod.
Im Lärm des Tages sind sie starr befangen:
Seht an die Jagd, die stürmisch-ruhelose,
Mild rast der Schwarm, dem Nichts vermag zu wehren;
Ein Jeder ringt, daß er, was nützt, erlose,
Nach ird’schem Wohl steht einzig sein Verlangen,
Ihm jagt er nach mit Sorgen, lastend-schweren;
Genuß! heißt ihr Begehren,
Der winkt und lockt sirenenhaften Klanges
Und bändigt ganz der bebenden Gedanken;
Ihn suchen, die da athmen, all’ und ranken
Um’s irdische Sein sich zäh’ und gier’gen Dranges;
Am Staube seht ihr durst’gen Sinns sie kleben,
Und ihrer Sehnsucht Ziel heißt: Leben! Leben!
Doch dir, o Tod, naht selten nur ihr Fragen,
Sie lieben’s nicht, den Geist dir zuzuwenden,
Und deinen Namen nennt nicht gern die Lippe;
Denn sieh! dein Amt ist, mitleidlos zu enden
Das Sein, das sie entzückt, und drum mit Zagen Malt dich ihr Geist als höhnisches Gerippe;
Mit Stundenglas und Hippe,
Hohläugig, grinsend, wangenlos und beinern,
Also im Sinn lebst du dem Erdensohne,
Und schreckhaft gleich dem Haupte der Gorgone
Schaffst du…

Ludwig Thoma - Sexuelle Aufklärung

Sexuelle Aufklärung

Der alte Storch wird nun begraben. 
Ihr Kinder lernt im Unterricht, 
Warum wir dies und jenes haben, 
Und es verbreitet sich das Licht. 


Zu meiner Zeit, du große Güte! 
Da herrschte tiefe Geistesnacht. 
Man ahnte manches im Gemüte 
Und hat sich selber was gedacht. 


Mich lehrte dieses kein Professer; 
Nur eine gute, dicke Magd 
Nahm meine Unschuld unters Messer 
Und machte auf dieselbe Jagd. 


Ihr Unterricht war nicht ästethisch, 
Im Gegenteil, sehr weit entfernt. 
Und doch, wenn auch nicht theoretisch, 
Ich hab' es ziemlich gut gelernt. 


aus: Ludwig Thoma, Kirchweih, Simplicissimus-Gedichte, Albert Langen Verlag, München, 1912



Edgar Steiger - Nächtlicher Ritt

Edgar Steiger - Nächtlicher Ritt


Ich bin der Sturm, der über dich braust,
Du schönste der Edeltannen.
Ich halte dich fest in krampfender Faust
Und trage dich hurtig von dannen.

Schweratmend ruhst du, selig glühende Frau,
Auf meinen bebenden Armen.
Aus deinen Haaren küss' ich den Tau,
Und fühle ein wildes Erwarmen.

Warm über die zuckenden Glieder rinnt
Der rieselnde Mainachtsregen,
Und die Liebe überschauert dich lind
Mit ihrem süßesten Segen.

Und wärst du der Teufel und wärst du der Tod,
Ich will dich umschlingen und pressen
Und das lachende Glück und die wimmernde Not
Und die eigene Seele vergessen.


Aus: Chorus eroticus, Neue deutsche Liebesgedichte, Herausgegeben von Karl Lerbs, Rainer Wunderlich Verlag, Leipzig, 1921