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Richard Dehmel - Venus Urania

Dzhambolonya - Venus Urania - Quelle: Tomasso Brothers


Venus Urania
Kommst du, Grollender?
tief von Unten?
Ueber Felsen und Wolken:
suchst du mich, im dunkeln Mantel Du,
schwarzgekrönter Wetterriese,
mit der bleiernen Stirne?
Höher doch! näher! herauf zu mir,
mir und meiner Sonne,
die hier mein zitternder Arm sich
vom Himmel riß,
die mich erleuchtet,
von mir umglüht,
sie meine Seele, ihr Leben ich,
taumelnd versunken in Eine große
einige, einzige Flammenwelt!
Ja, du suchst uns,
willst uns segnen,
Du mit deinen Donnerorgelstürmen,
willst empor zu Unsrer
Flamme, Flammender Du!
Sehnst dich, tief in Unser tiefes
lichtes, allumstrickendes Glück zu blicken,
auch ein Lichtkind,
allverkettender Erschüttrer ... komm!
Ja, ich
kenne dich: du bist
mein Bruder!
Komm, tief schaue,
tief auch Ich dir,
tief durchs nächtige Auge,
in dein heißes zuckendes Herz, das gute:
Du wirfst Frucht,
Liebe aufs schmachtende Feld herab,
wenn du mit wuchtender Faust
krachend zerbrichst
das dumpf drückende Dunstbrett.
Tobe nur, Kommender! nimm,
hebe die splitternde Axt!
Hebe die düstern,
schönen,
schattenumhangenen Lider!
Grüße mich, du glühend,
Ewigkeiten sprühend Auge:
satt, ich will mich satt sehn, satt
an dieser funkelnden Unendlichkeit!
Auf, ihr schmetternden Lippen, jauchzt!
aus eurem rollenden Donnersang rauscht mir
das ewige Lied vom Samen der Sehnsucht,
vom Krieg des Lebens: der Atem der Luft.
Sonne, meine Sonne!
weh – Er – stählerne
Ströme sein Blick,
über uns – brennend –
Sonne, wo bist du –
Licht – oh Sonne –
stehn wir umklammert,
stehn wir von blendenden,
heißen, sausenden Wonnen umzuckt ...
Sonne, mein zitterndes Licht!
Lache! Nur den Baum,
sieh, den Felsen nur
traf sein zischendes Beil.
Hörst du ihn jauchzen?
über der klaffenden Buche,
über den thalab polternden Trümmern,
im flatternden Bart ihn
jauchzen sein eisernes Lied:
Weckender Tod,
komm, reckend loht
von Stamm zu Stamm die straalende Kraft,
Einer stürzt, der tausend drückte!
Stürzen die Ragenden, wachsen die Ringenden;
tausend wachsen, Einer ragt!
Tod-und-Leben-stammelnde Laute dröhnen,
doch darunter schweigt der heil'ge
Mund der Macht ...
Greller doch, Blitze!
spotte nur, Donner du!
triff, zerbrich,
was furchtsam zitternde Kronen trägt!
Uns
segnest du;
uns
prüftest du,
Blut von Deinem Blut, mit heißen
Fingern in deiner Flammentaufe.
Wir
sind fromm und heilig:
mit gefeitem Diademe krönte
uns die Liebe,
unsre sonnenselige Liebe,
zitternd von Wünschen und steiler Kraft!
Oh, und trifft auch Uns,
will ein Bruderopfer Deine Liebe:
nimm uns! herrlich stürzen wir,
vermählt verglühend in Deiner reinen,
in unsrer eignen reinen Glut.
Nein, wir fürchten dich
nicht,
rasend liebender Bruder!
Wir
sind stark wie Du:
ich und meine Sonne,
meine Lust und Seele,
wir zwei Eines,
Eines aller, aller Lust:
wir lieben Alle:
Alle müssen
uns
lieben ...

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Albert Möser - An den Tod

An den Tod.
Im Lärm des Tages sind sie starr befangen:
Seht an die Jagd, die stürmisch-ruhelose,
Mild rast der Schwarm, dem Nichts vermag zu wehren;
Ein Jeder ringt, daß er, was nützt, erlose,
Nach ird’schem Wohl steht einzig sein Verlangen,
Ihm jagt er nach mit Sorgen, lastend-schweren;
Genuß! heißt ihr Begehren,
Der winkt und lockt sirenenhaften Klanges
Und bändigt ganz der bebenden Gedanken;
Ihn suchen, die da athmen, all’ und ranken
Um’s irdische Sein sich zäh’ und gier’gen Dranges;
Am Staube seht ihr durst’gen Sinns sie kleben,
Und ihrer Sehnsucht Ziel heißt: Leben! Leben!
Doch dir, o Tod, naht selten nur ihr Fragen,
Sie lieben’s nicht, den Geist dir zuzuwenden,
Und deinen Namen nennt nicht gern die Lippe;
Denn sieh! dein Amt ist, mitleidlos zu enden
Das Sein, das sie entzückt, und drum mit Zagen Malt dich ihr Geist als höhnisches Gerippe;
Mit Stundenglas und Hippe,
Hohläugig, grinsend, wangenlos und beinern,
Also im Sinn lebst du dem Erdensohne,
Und schreckhaft gleich dem Haupte der Gorgone
Schaffst du…

Pierre Louys - Rosen in der Nacht

ROSEN IN DER NACHT


Wenn die Nacht am Himmel aufsteigt,
ist die Welt unser und der Götter.
Von den Feldern gehn wir zur Quelle,
vom dunkeln Wald nach der Lichtung, wo-
hin uns unsre bloßen Füße führen.

Die Sternlein funkeln genugsam für die klei-
nen Schatten, die wir sind. Manchmal fin-
den wir unter den niederhangenden Zweigen
schlafende Hirschkühe.

Doch zauberischer in der Nacht als alles andre
ist ein Ort, von uns allein gekannt, der uns mäch-
tig auf sich zieht durch den Wald: ein Gebüsch
geheimnisvoller Rosen.

Denn nichts ist göttlich auf der Erde, verglichen
mit dem Duft der Rosen in der Nacht. Wie
kam es nur, daß ich damals, als ich allein war,
mich nicht davon berauscht gefühlt.

Aus: Pierre Louys, Lieder der Bilitis, Übertragen von Richard Hübner, J. Zeitler Verlag, Leipzig, 1901. Illustration von George Barbier

Edgar Steiger - Nächtlicher Ritt

Edgar Steiger - Nächtlicher Ritt


Ich bin der Sturm, der über dich braust,
Du schönste der Edeltannen.
Ich halte dich fest in krampfender Faust
Und trage dich hurtig von dannen.

Schweratmend ruhst du, selig glühende Frau,
Auf meinen bebenden Armen.
Aus deinen Haaren küss' ich den Tau,
Und fühle ein wildes Erwarmen.

Warm über die zuckenden Glieder rinnt
Der rieselnde Mainachtsregen,
Und die Liebe überschauert dich lind
Mit ihrem süßesten Segen.

Und wärst du der Teufel und wärst du der Tod,
Ich will dich umschlingen und pressen
Und das lachende Glück und die wimmernde Not
Und die eigene Seele vergessen.


Aus: Chorus eroticus, Neue deutsche Liebesgedichte, Herausgegeben von Karl Lerbs, Rainer Wunderlich Verlag, Leipzig, 1921