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Richard Dehmel - Wendekreislauf

Wendekreislauf
Nach einer Abschiedsvisite beim alten Herrn Geheimrath.


Nehmen wir Geschehn für Leben,
haben wir's nicht recht verstanden;
Menschenleben ist das Leben
so nur, wie wir es empfanden –


ja, so schwärmt'ich seelentrunken.
Wie mir alles wohlbehagte,
was ich fühlte, was ich sagte,
in mein Spiegelbild versunken!


Doch jetzt heißt es: mit den Zielen,
mit den Wegen sich beraten.
Zwar den Jüngling ehrt sein Fühlen,
doch dem Manne ziemen Thaten.


Altgeschehnes, Neuerfahrnes,
dunkel drängt es sich zusammen,
und wir wissen nicht zu scheiden
dieses Lodern seltner Flammen;


denn darunter lebt ein Glühen
seltenster Begebenheiten,
und man fühlt ein still Bemühen,
als ob Zeiten sich bereiten.


Nah schon, will der Sonnenwagen
wieder einen Kreis vollenden.
Wird er durch den Steinbock jagen?
wird er sich zum Krebse wenden?


Schaudernd scheint er still zu stehen
zwischen gleichen Finsternissen,
und nun scheint er sich zu drehen,
aber Du – wirst mitgerissen.


aus: Richard Dehmel, Aber die Liebe, Ein Ehemanns und Menschenbuch, Verlag von Dr. E. Albert & Co., Seperat-Conto, München, 1893


Transkription des gesamten Buches als pdf und eText bei ngiyaw eBooks
Digitalisat der Vorlage vorhanden

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Albert Möser - An den Tod

An den Tod.
Im Lärm des Tages sind sie starr befangen:
Seht an die Jagd, die stürmisch-ruhelose,
Mild rast der Schwarm, dem Nichts vermag zu wehren;
Ein Jeder ringt, daß er, was nützt, erlose,
Nach ird’schem Wohl steht einzig sein Verlangen,
Ihm jagt er nach mit Sorgen, lastend-schweren;
Genuß! heißt ihr Begehren,
Der winkt und lockt sirenenhaften Klanges
Und bändigt ganz der bebenden Gedanken;
Ihn suchen, die da athmen, all’ und ranken
Um’s irdische Sein sich zäh’ und gier’gen Dranges;
Am Staube seht ihr durst’gen Sinns sie kleben,
Und ihrer Sehnsucht Ziel heißt: Leben! Leben!
Doch dir, o Tod, naht selten nur ihr Fragen,
Sie lieben’s nicht, den Geist dir zuzuwenden,
Und deinen Namen nennt nicht gern die Lippe;
Denn sieh! dein Amt ist, mitleidlos zu enden
Das Sein, das sie entzückt, und drum mit Zagen Malt dich ihr Geist als höhnisches Gerippe;
Mit Stundenglas und Hippe,
Hohläugig, grinsend, wangenlos und beinern,
Also im Sinn lebst du dem Erdensohne,
Und schreckhaft gleich dem Haupte der Gorgone
Schaffst du…

Ludwig Thoma - Sexuelle Aufklärung

Sexuelle Aufklärung

Der alte Storch wird nun begraben. 
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Warum wir dies und jenes haben, 
Und es verbreitet sich das Licht. 


Zu meiner Zeit, du große Güte! 
Da herrschte tiefe Geistesnacht. 
Man ahnte manches im Gemüte 
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Mich lehrte dieses kein Professer; 
Nur eine gute, dicke Magd 
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Ihr Unterricht war nicht ästethisch, 
Im Gegenteil, sehr weit entfernt. 
Und doch, wenn auch nicht theoretisch, 
Ich hab' es ziemlich gut gelernt. 


aus: Ludwig Thoma, Kirchweih, Simplicissimus-Gedichte, Albert Langen Verlag, München, 1912



Edgar Steiger - Nächtlicher Ritt

Edgar Steiger - Nächtlicher Ritt


Ich bin der Sturm, der über dich braust,
Du schönste der Edeltannen.
Ich halte dich fest in krampfender Faust
Und trage dich hurtig von dannen.

Schweratmend ruhst du, selig glühende Frau,
Auf meinen bebenden Armen.
Aus deinen Haaren küss' ich den Tau,
Und fühle ein wildes Erwarmen.

Warm über die zuckenden Glieder rinnt
Der rieselnde Mainachtsregen,
Und die Liebe überschauert dich lind
Mit ihrem süßesten Segen.

Und wärst du der Teufel und wärst du der Tod,
Ich will dich umschlingen und pressen
Und das lachende Glück und die wimmernde Not
Und die eigene Seele vergessen.


Aus: Chorus eroticus, Neue deutsche Liebesgedichte, Herausgegeben von Karl Lerbs, Rainer Wunderlich Verlag, Leipzig, 1921