Théophile Gautier - Die Wünsche

Ancient chinese painting



Die Wünsche


Wenn eine junge Fee mit Flügeln von Saphir
An kühler, schattiger Arkade,
Weiß wie ein Wiederschein der Perle von Ophir,
Aufstiege meinem Blick beim Hauche des Zephir
Leicht aus dem Schaume der Kaskade,


Und fragte: »Dein Begehr? Sind's Koffer goldesschwer,
Riesenpaläste, Edelsteine?
Sprich! meine Kunst ist groß: was wünschst du dir noch mehr?
Ich geb' es dir sogleich, ich zaubre Schätze her
Aus schmutzigem Laub verdorrter Haine«,


Dann sagt' ich nur: Ich will den Himmel lächelnd rein
Im klaren See gespiegelt finden,
Ich will, von leuchtend schönem Sonnenschein
Soll das Azurblau stets durchflutet sein,
Draus Wölk' und Nebel ewig schwinden;


Und springend unter mir will ich ein weißes Roß,
Deß Augen Funken sprühn, will schmiegen
Mich an die Mähne dicht Arabiens leichtem Sproß,
In einer Stunde will ich wie der Pegasos
Von Norwegen bis Nubien fliegen;


Rot, mit Goldtürmchen will ich einen Kiosk für mich
Mit feinen Alabastersäulchen,
Wänden aus Mosaik, Zierbögen wunderlich,
Mit bunten Scheiben, da hindurch der Himmel sich
Einschliche blau wie Frühlingsveilchen.


Und wird es warm, so will ich einen Wandelhain
Von Eichen und von Sykomoren,
Der überall mir folgt mit Lüften mild und rein,
Der wie ein großer Fächer die Blätter sammetfein
Mir weht und fächelt um die Ohren.


Ich will ein Segelschiff und auch Matrosen drauf,
Mit weißen Segeln, Raaen, Tauen,
Am Kupferpanzer bricht sich blauer Fluten Häuf,
An grünen Inseln hin schaukl' ich, dem lichten Lauf
Der sanften Sterne zuzuschauen.


Einschlummern will ich spät, erwachen will ich früh
Mit italienischen Gesängen
Und will den ganzen Tag der Klagemelodie
Fernleiser Quellen lauschen, der Zauberpoesie
Von süßäolischen Harfenklängen.


Will schaun mit nackter Brust der Bajadere Tanz,
Des Kopftuchschlagens Kokettieren
Um Haupt und Stirn, bestrahlt von der Rubinen Glanz,
Will Spahis, Harem wie ein reicher Sultan ganz
Von Bagdad oder von Palmyren.


Will einen Indierdolch, ein krummes Türkenschwert,
Daran Juwel blitzt an Juwele . . .
Doch über alles gern ein Herz, das mir gehört,
Mich liebt und mich versteht und einzig mich begehrt,
Ein Mädchen frisch an Leib und Seele.

aus: Weltlyrik, Ein Lebenskreis, Nachdichtungen von Karl Henckell, Die Lese Verlag, München, 1910




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