Hedwig von Olfers - An ein paar Augen

Hedwig von Olfers



An ein paar Augen.

Wie süß aus Nacht und trübem Wahn
In Deinen Glanz zu schauen,
Ich mag der Sterne sichrer Bahn
Nicht mehr als Dir vertrauen,


Sie stehn in Seligkeit für sich
Und mögen wohl nicht weinen,
Du lächelst mir und weinst um mich,
Kannst auch durch Thränen scheinen.

Dürft' ich die Welt in Deinem Licht
Und nicht in meinem sehen,
Da mühte ich zu Zeiten nicht
Mit Furcht und Unmuth gehen.

Da wäre mir der Tag nicht schwül,
Gewiß, bei Dir ist Frieden.
Du blickst so ruhig, tief und kühl,
Als lockt ein Grab den Müden.

Ich schliefe unter Lilien ein,
Verträumte Schuld und Trauer,
Nnd wachte aus im Himmelsschein,
Kein Himmel lächelt blauer.

Wohl mir, wenn ich Dich ganz erhellt
Für immer finden werde —
Bald weicht, was sich dazwischen stellt,
Der Schatten dieser Erde.

aus: Hedwig von Olfers, Gedichte, Verlag von Wilhelm Hertz, Berlin, 1892



Beliebte Posts aus diesem Blog

Ludwig Thoma - Sexuelle Aufklärung

Albert Möser - An den Tod

Claire Morgenstern - Mich treibtʼs zu suchen