Rudolf von Gottschall - Ostern




Ostern.


Ostern! Ueber fernen Hügeln
Taucht empor dein erster Strahl;
Auf der Morgenröthe Flügeln
Schwebst du über Berg und Thal;
Frischer rauscht im Wald die Quelle
Und des Bachs geschwätz’ge Welle,
Plaudernd mit dem Felsgestein,
Und es taucht die Anemone
Ihre luft’ge Blüthenkrone
In der Frühe goldnen Schein.


Und die Knospen werden rege,
Und das Blatt die Hülle sprengt,
Und im waldigen Gehege
Alles sich zum Lichte drängt.
Nun entbrennt auf deinem Herde
Die erlosch’ne Gluth, o Erde,
Die aus deinen Tiefen bricht.
Deine Lenze kehren wieder,
Deine Blumen, deine Lieder,
Aber deine Todten nicht.


Deine Todten, tiefgeborgen
In dem mütterlichen Schoß!
Selbst am Auferstehungsmorgen
Giebst du nicht die Deinen los.
Ach, mit ihnen hat die Klage
Goldne Träume künft’ger Tage,
Schönes Hoffen aufgebahrt!
Noch hat keine Sonnenwende
Heißer Thränen Opferspende
Trostlos Trauernden erspart.


Doch die Welt ist licht und offen,
Und es naht ein schön’rer Tag!
Laßt uns glauben, laßt uns hoffen,
Daß er bald erscheinen mag!
Ja, ein künft’ges Ostern kröne
Alles Gute, alles Schöne,
Wälze von der Gruft den Stein,
Daß die Menschheit auferstehe
Aus dem tausendjähr’gen Wehe,
Glücklich, edel, frei und rein!



aus: Die Gartenlaube, Heft 6, Herausgegeben von Adolf Kröner, Ernst Keil's Nachfolger Verlag, Leipzig, 1890, S. 165

Scans von joergens_mi bei der dt. wikisource

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