Eduard Mörike - Erstes Liebeslied eines Mädchens

Sehnsucht - alter Holzschnitt



Erstes Liebeslied eines Mädchens.

Was im Netze? schau einmal! 
Aber ich bin bange; 
Greif' ich einen süßen Aal? 
Greif' ich eine Schlange?


Lieb' ist blinde 
Fischerin; 
Sagt dem Kinde, 
Wo greift's hin?


– Schon schnellt mir's in Händen! 
Ach Jammer! o Lust!
Mit Schmiegen und Wenden 
Mir schlüpft's an die Brust!


Es beißt sich, o Wunder, 
Mir keck durch die Haut, –
Schießt 's Herze hinunter, – 
O Liebe! mir graut!


Was thun, was beginnen? 
Das schaurige Ding, 
Es schnalzet da drinnen,
Es legt sich im Ring.
Gift muß ich haben! 
Hier schleicht es herum,
Thut wonniglich graben 
Und bringt mich noch um!


aus: Jahrbuch schwäbischer Dichter und Novellisten, Herausgegeben von E. Mörike und W. Zimmermann, Balz'sche Buchhandlung, Stuttgart, 1836



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