Albert Möser - An den Tod

Hans Baldung - Die drei Lebensalter und der Tod



An den Tod.

Im Lärm des Tages sind sie starr befangen:
Seht an die Jagd, die stürmisch-ruhelose,
Mild rast der Schwarm, dem Nichts vermag zu wehren;
Ein Jeder ringt, daß er, was nützt, erlose,
Nach ird’schem Wohl steht einzig sein Verlangen,
Ihm jagt er nach mit Sorgen, lastend-schweren;
Genuß! heißt ihr Begehren,
Der winkt und lockt sirenenhaften Klanges
Und bändigt ganz der bebenden Gedanken;
Ihn suchen, die da athmen, all’ und ranken
Um’s irdische Sein sich zäh’ und gier’gen Dranges;
Am Staube seht ihr durst’gen Sinns sie kleben,
Und ihrer Sehnsucht Ziel heißt: Leben! Leben!

Doch dir, o Tod, naht selten nur ihr Fragen,
Sie lieben’s nicht, den Geist dir zuzuwenden,
Und deinen Namen nennt nicht gern die Lippe;
Denn sieh! dein Amt ist, mitleidlos zu enden
Das Sein, das sie entzückt, und drum mit Zagen
Malt dich ihr Geist als höhnisches Gerippe;
Mit Stundenglas und Hippe,
Hohläugig, grinsend, wangenlos und beinern,
Also im Sinn lebst du dem Erdensohne,
Und schreckhaft gleich dem Haupte der Gorgone
Schaffst du das Herz ihm furchterstarrt und steinern;
Ja, will der Uebel schlimmstes einer künden,
Dich nennt er, Tod; kein größres mag er finden.

Und geht ein Zug zu dunklem Grabesschachte,
Das Volk schaut ihn mit Scherzen und Gekicher;
Weil’s noch verschont ist von des Siechthums Zahne,
Fühlt es sich keck, getrosten Muths und sicher;
Und Jeglicher, der heut’ noch froh erwachte,
Er lebt, als naht’ er nie sich Charons Kahne;
Bethört von eitlem Wahnc
Denkt Keiner, daß von denen, die da gaffen,
Zunächst vielleicht ihn selbst erharrt die Bahre,
Und daß nach kurzer Fristung flücht’ger Jahre
Du, Tod, sie alle, alle wirst entraffen;
So stehn sie da, leichtfertig und vermessen,
Das trübe Bild — schon hats ihr Sinn vergessen.

Doch mir, o Tod, warst du des Lebens Tage
Ein lieber stets, ein freundlicher Geselle:
Wie oft fühlt’ ich von Sehnsucht mich durchdrungen,
Zu trinken aus des Selbstvergessens Welle,
Wenn wund mich schuf des Erdenlebens Plage,
Wenn ich verzagte, ganz von Leid bezwungen;
Doch auch voll Huld umschlungen
Und traut gebettet von geliebten Händen
Fühlt’ ich, o Tod, gar oft dein lindes Wehen,
Und leise Mahnung glaubt’ ich zu verstehen:
Bedenk’ es wohl, wie bald dein Glück kann enden!
Also in düstern wie in goldnen Stunden
Ist niemals mir dein ernstes Bild entschwunden.

Des Weisen Thun ist stilles Todessinnen
Und stete Rüstung für des Sterbens Stunde,
Ein Denker sprach es vom Hellenenstamme;
Dem Wort getreu hab’ ich im Seelengrunde,
Empor mich schwingend zu des Geistes Zinnen,
Stets bang’ gehegt die heil’ge Gottesflamme;
Entrückt dem ird’schen Schlamme,
Des Weltgedrängs still-lächelnder Beschauer,
Hab’ ich mit Ernst dem Ew’gen mich ergeben,
Und du, o Tod, schufst niemals noch mir Beben,
Ins Antlitz sah ich oft dir sonder Schauer;
Dich faßt’ ich gern, drum ewig geht mein Fragen:
Wer bist du, Tod, vor dem die Wesen zagen?

Ich weiß: du bist des Menschenstamms Bezwinger,
Herr über alle, die da sind und waren;
Dir sind bestimmt auch, die im Nichts noch träumen,
Der Ungebornen ungezählte Scharen;
So gehst du um als großer Allverschlinger
Und tilgst Lebend’ges, mag’s auch wild sich bäumen;
Du liebst es nicht, zu säumen,
Kein Tag sinkt ungenützt dir in die Fluthen;
So lang’ die Menschheit strebt und keucht und hastet,
Jahrtausendlang hast du noch nie gerastet;
Wo war’ ein Platz, wo nicht verblich’ne ruhten?
Staub schläft an Staub im dunklen Erdenschoße,
Und schier ein Beinhaus ist die Welt, die große.

Du riefst hinab des fernen Ostens Kinder,
Die Völker all’ in Ninive und Babel,
Nur Trümmer blieben, öd’ umkreist von Aaren,
Und fast ward auch ihr Name schon zur Fabel;
Du tilgtest längst die Pyramidengründer,
Des stillen Pharaonenvolkes Scharen;
Mit üppigem Gebahren
Der Perser, sanft gestreckt auf weichem Lager,
Der Griechen Volk, für Schönes heiß erglühend,
Der Römer Stamm, um Weltherrschaft sich mühend,
Numider, Mazedonier und Karthager —
Wohin, wohin doch sind sie all entschwunden?
Ins Nichts, und ihre Spur wird nicht gefunden.

Wenn du dich nahst, sinkt bleich der Fürst vom Throne,
Es wankt, was keucht in schnöden Elends Solde;
Du tilgst, was hehr, du tilgst das Frech-Gemeine,
Das Edle welkt, es welkt geknickt das Holde;
Wohl fleht der Sinn, vom Reiz bestrickt: „o schone!"
Umsonst! es wird zu Staub im düstern Schreine;
Ob bang das Herz auch weine,
Was frommt’s? Du raubst das Weib voll Hohn dem Gatten,
Der Mutter Bild entrückst du kalt dem Kinde;
Den Freund, wie eng ihn Freundesarm umwinde,
Entraffst du jäh ins nächt’ge Reich der Schatten;
Wir stehn erstaunt, doch ob uns Schreck durchschauert,
Was kümmert’s dich, der im verborgnen lauert?

Und zahllos, traun, sind deiner Allmacht Schergen,
Natur, uns feind, bot dir die Hand zum Bunde
Und lieh die Elemente dir zu Sklaven;
Dir dienend wühlt der Sturm im Meeresgrunde,
Die Fluthen schwell’n empor zu Wasserbergen
Und drohn dem Schifflein, das sie wehrlos trafen;
Weit, weit entrückt dem Hafen
Hinschwankt es leck gleich federleichtem Balle,
Die Mannschaft bebt, indes die Planken krachen,
Ihr Ohr, schon hört’s im Brandungshall dein Lachen,
Ein Ruck! ein Schrei! das Schiff versinkt im Schwalle;
Du aber, Tod, tauchst froh zur Tiefe nieder
Und leihst dem Hai zum Fraß der Todten Glieder.

Oft nahst du dich im Purpurflammenkleide
Dem Haus des Guten, der sich wiegt in Träumen,
Denn liebster Ton ist dir des Unglücks Jammern;
Leis, leis erst schleicht es knisternd in den Räumen,
Nun loht’s empor, und jäh zu bängstem Leide
Erstehn vom Pfühl die Schläfer in den Kammern;
Der Mutter Bild umklammern
Die Kindlein, und Geschrei entsteigt den Flammen,
Sie sehn es bang: hinaus führt keine Brücke,
Stets gier’ger schließt sie ein der Gluthen Tücke,
Und dumpfen Sturzes sinkt der Bau zusammen;
Der Morgen schaut verkohlt der Aermsten Leichen,
Du aber, Tod, fühlst Wollust sondergleichen.

Mit Hast durchwühlst du tief des Erdballs Gründe,
Und staunend hören, die auf Triften wachen,
Die Hirten Nachts ein dumpfverhaltnes Dröhnen;
Nun plötzlich welch’ ein donnergleiches Krachen!
Die Erde bebt, es öffnen sich die Schlünde,
Denn du verlangst nach der Verzweiflung Tönen;
Geheul nun hallt und Stöhnen,
In Nacht hinsinken Tempel und Paläste,
Es sinkt, was lebt, von dir hinabgezogen: —
Nun Oede rings! nur träge Fluthen wogen
Am Ort der Qual, kaum leis bewegt vom Weste;
Und wo einst Lust gejauchzt in frühern Tagen,
Hört man im Rohr den Ruf der Unken klagen.

Dir schmeichelnd zeugt die Luft viel ekle Dünste,
Daß alpgepreßt der flücht’ge Schwarm der Wesen
Im Athemzug schon Gift trinkt und Verderben;
Hinsiechen sie, zu ew’gem Schlaf erlesen,
Umsonst und fruchtlos sind der Heilung Künste,
Denn, traun, wer hemmt der Pest gewalt’ges Sterben?
Und all’ die andern herben,
Peinvollen Quäler, die uns Armen dräuen,
Die grausigen, des Siechthums Schreckgestalten,
Die, dienstbar dir, mit Hohn und Willkür schalten,
Nicht Rang, nicht Macht, nicht Ort und Stunde scheuen,
Die Würgerschar, die nie ihr Ziel verfehlte,
Wer lebt, o Tod, der jemals ganz sie zählte?

Und oftmals, wenn die Schar der Schergen alle,
Zu langsam, nicht genug dir schafft der Leichen,
Dann fachst du an, zu schau’n ein großes Morden,
In Völkern Wahnsinn, welchem nichts mag gleichen,
Dann ziehn sie her mit Schwertern und mit Schalle,
Zum Kampf bereit von Süden und von Norden;
von Haß gehetzt die Horden
Seht an! wie sie entmenscht sich selbst zerfleischen,
Indes im Kreis verlass’ne Dörfer rauchen,
Bis nachtumflort die Tausende verhauchen
Und übers Schlachtfeld gier’ge Raben kreischen;
Dann sieht der Mond, webt er um Bergesspitzen,
O Tod, dich froh auf Leichenhügeln sitzen. —

Ja, Herr der Welt, du bist’s; wer mag’s bestreiten?
Doch, Tod, was bist du sonst? — O könnt ich’s fassen
Das Räthsel, stets mir nah seit Jugendtagen,
Vor dem die Weisen hoffnungslos erblassen,
Drob Menschen sannen seit der Vorwelt Zeiten,
Und das noch heut die Seele läßt verzagen;
Hör’ an und laß dich fragen:
Wohin, wohin führst du der Wesen Scharen?
Wo sind, die du entrafftest seit Aeonen?
Wär’s wahr, daß sie zu freundlicheren Zonen
Entrückt nun stets im Lichte gehn, im klaren?
Ist’s nicht? Und ward, was je dir fiel zum Raube,
Ein Nichts für immerdar und Staub zu Staube?

Und wär’s und möchtest ganz du uns vernichten
Und war’ erträumt das Glück in Himmelsauen,
Doch schien’st du hold und brünstig zu begehren: —
Denn traun! entrückt dem düstren Nebelgrauen,
Der Wuth des Nords und schalen Alltagspflichten
Und all’ den Menschen, die nur Niedres ehren,
Fern irdischem Entbehren,
Umfriedet und umhegt von stiller Truhe
Tief, traumlos tief für immerdar zu schlafen,

Und sanft umzirkt vom ew’gen Friedenshafen
Zu kosten allgenugsam-sel’ge Ruhe —
Solch’ Los, erlangt nach flücht’gen Lebenstagen,
Es war’ ein Glück, mit Worten nicht zu sagen.

Doch glaub’ ich’s nicht; denn sieh: der Herr der Erde
Das bist du; doch — Triumph! — du bist nichts weiter;
Wenn du auch rasest mit empörtem Grollen
Und spornend ausschickst deiner Allmacht Streiter,
Stets schafft dein Grimm nur Irdischem Gefährde,
Nur Erdentstammtes fällt anheim den Schollen;
Doch ob sie dröhnend rollen
Auf’s schwarze Holz, nicht trifft es uns im Kerne,
Denn traun! in uns sind Gott und Thier im Bunde,
Und uns durchloht im tiefsten Wesensgrunde
Ein Himmlisches, erhabner als die Sterne,
Ein Lichtes, Ew’ges, fremd des Erdballs Zonen,
Und dieses, Tod, und dieses mußt du schonen.

Das Thier — hinzieht es dumpf des Lebens Wege,
vom Arme der Natur noch fest umschlungen
Und ganz umstrickt von niedrer Triebe Banden;
Kein Lichtstrahl klärt des Innern Dämmerungen,
Sein Aug’ blickt blöd’, kaum wird der Sinn ihm rege,
Wenn laut des Daseins Wogen es umbranden;
Verwirrt und unverstanden
Ziehn matt des Lebens Bilder ihm vorüber,
Und nie glückt ihm ein Aufschwung, ein Besinnen,
Nicht merkt es, wie die Tage rasch verrinnen,
Und du, o Tod, schaffst nie den Sinn ihm trüber;
Ein Traum ist nur, ein dumpfer, all’ sein Leben,
Und stirbt es, ist’s ein taumelndes Verschweben.

Der Mensch nur geht bewußt mit klarem Blicke,
Sein Geist durchschweift beflügelt Erd’ und Himmel;
Die Sterne mißt er, sieht den Aether blauen
Und schaut im Staub der bebenden Gewimmel;
Er folgt dem Wandel menschlicher Geschicke,
Dem Weben der Natur in Wald und Auen;
Mit Qual füllt ihn und Grauen
Des Lebens Leid, er kennt des Todes Schrecken,
Und sieh! er sinnt, von Staunen ganz bezwungen:
Dies All, woher, woher doch ist’s entsprungen?
Wer schuf’s und fügt’ es? und zu welchen Zwecken?
So fragt er und, des Weltbau’s klarer Spiegel,
Trägt er zur Schau der Gottverwandtschaft Siegel.

Doch weh! wie heiß auch Inder und Hellenen
Ums Räthselwort des Weltgewirrs sich mühten,
Wie mächtig-kühn die Denker der Germanen
Aufleuchtend-helle Geistesblitze sprühten,
Nicht einer brachte Stillung uns’rem Sehnen,
Und kaum ward uns vergönnt ein schwaches Ahnen;
Noch stets auf falschen Bahnen
Umschweiften Alle, die da grübelnd dachten,
Und jede Deutung schuf nur neue Wirren;
Des Menschen Los, es ist ein ew’ges Irren,
Und stets wird Dunkel unsern Geist umnachten;
Wie auch die Menschheit streben mag und ringen,
Des Räthsels Lösung wird ihr nie gelingen.

Doch wie? Soll stets, vom Denken nicht zu fassen,
Die Welt sich drehn in tollbewegtem Reigen?
Soll’n ewig-neu Geschlechter sich begatten
Und bang sich mühn und sich ersterbend neigen
Und brütend gehn, eh sie geknickt erblassen,
Doch irren Sinns erfolglos stets ermatten?
Schon des Gedankens Schatten
Er könnte Wahnsinn im Gemüth entfachen,
Und besser wär’s, niemals das Licht zu schauen,
Drum glaub’ ich’s nicht, und gern mag ich vertrauen:
Dies Sein ist Traum, du, Tod, läßt uns erwachen;
Und jäh verscheucht wird einst in licht’ren Sphären,
Die jetzt uns quält, des Geistes Nacht sich klären.

Und seht! Natur, gedenk der Mutterpflichten,
Lieh sorgend, die sie schuf, den Kreaturen
Als sich’res Erbtheil heißer Selbstsucht Trachten;
Drum rast nun Selbstsucht auf des Erdballs Fluren,
Sie lenkt der Menschheit hastendes Verrichten
Und herrscht allmächtig in des Busens Schachten;
Und weh! die gierentfachten
Gemüther schafft sie feindlich fremdem Glücke,
Und fremdes Leiden liebt sie frech zu höhnen,
Sie kennt nur sich, sich selbst nur mag sie fröhnen
Und säh’ es kalt, bräch’ auch die Welt in Stücke;
Und mitleidlos umhegt von eis’gem Walle
Schürt sie den Krieg von Allen wider Alle.

Doch wie erhaben ob des Erdballs Landen
Der Mond hinzieht am blauen Himmelsbogen,
Geruh’gen Gangs von mildem Glanz umwoben,
Indes tief unten graus’ge Meereswogen
Mit lautem Anprall wildentfesselt branden
Und aufruhrtoll um zack’ge Klippen toben:
Also dem Sturm enthoben,
Dem rasenden, ichseliger Gedanken
Glühn mild in uns zwei hehre Himmelsmächte,
Ein Zeugenpaar dem sterblichen Geschlechte,
Daß, fremd der Welt, vom Götterwein wir tranken;
Denn ewig feind der Selbstsucht schnödem Triebe
Durchlohn zutiefst uns Edelsinn und Liebe.

Gut sein und edel — leuchtender Gedanke!
Beseligt, wer als Höchstes dich empfindet,
Wer machtvoll von Begeisterung durchfluthet
Selbstsücht’gem Hang verzichtend sich entwindet
Und ungehemmt von leid’ger Ichheit Schranke
Die Wunden schaut, daraus die Menschheit blutet,
Wer frei und hochgemuthet
Zum Allgefühl sein enges Herz erweitert
Und eignes Wohl von Andrer Wohl nicht scheidet,
Wer trübsten Sinns, wie selbst vernichtet, leidet,
Wenn fremdes Glück in Lebenswettern scheitert;
Wem’s ganz gelang, er geht der Gottheit Pfade,
Die, was da lebt, mit Huld umfaßt und Gnade.

Und Liebe? Seht, o seht die Holdverzückten,
Die Eros’ Gunst mit süßer Huld begnadet,
Wie engumspannt sie Brust an Brust sich lehnen,
Wie stumm ihr Aug’ in feuchtem Glanz sich badet!
Kein Du, kein Ich! so spricht’s aus weltentrückten,
Gotttrunknen Seelen, die geschwellt sich dehnen;
Mit allgewalt’gem Sehnen
Möcht’ Jegliches im Andern sich verzehren
Und eignem Sein für immerdar entsagen,
Und auch den Tod für Heißgeliebtes tragen,
Ein Glück nur wär’s, auf’s Höchste zu begehren;
Und also stirbt, wo Liebeszauber waltet,
Der Selbstsucht Drang, der herb die Menschheit spaltet.

Ja, Lieb’ und edler Sinn — mit diesen Worten
Sind wir enthoben der Naturmacht Banden;
Ist auch, was lebt, noch stets in Nichts zerronnen,
Des Todes Grimm — hier, hier wird er zu Schanden;
Denn traun! nur Ird’sches schaut die dunklen Pforten,
Der Staub nur stirbt, von ew’ger Nacht umsponnen;
Doch was nach Liebeswonnen
In uns verlangt und himmlisch-hohen Thaten,
Ein Fremdes ist’s im niedren Gang der Dinge,
Drum kann’s nicht sein, daß Tod es je bezwinge,
Wie tief uns auch verscharrt des Gräbers Spaten;
Beharrend und bestimmt zu ew’gem Leben
Wird es im Tod einst heimathwärts entschweben —

Und Eins noch hört! — Die Welt, sie liegt im Argen,
Dies Erdensein ist, wie es soll, mit nichten;
Im Thal der Mängel wandeln wir mit Bangen,
Und Leben heißt: entsagen und verzichten;
Denn kaum noch wird vom Schicksal uns, vom kargen,
Ein Glück gegönnt, daran das Herz mag hangen;
Mit brünstigem Verlangen
Ringt hehrer Sinn nach makelloser Schöne,
Und mächtig lockt Vollendung ihn und Frieden,
Doch weh! er schaut Verzerrung nur hienieden,
Und ihn umtosen wilder Zwietracht Töne;
Vom Thor des Ostens bis zum Niedergange
Beut Stillung nichts des Geistes höchstem Drange.

Doch sagt! woher in unsrer Brust die lichten,
Erhab’nen Bilder, die den Sinn entflammen,
Die Wünsche, die, erzeugt von Ungenügen,
Von ew’gem, was die Welt uns beut, verdammen?
Kann Irdisches das Irdische je richten?
Muß Irdisches nicht Irdischem sich fügen?
Und wenn in hehren Flügen
Der Geist sich über Ird’sches kann erheben
Und ird’sche Lust mit Hohn vermag zu schauen,
Ist’s Zeugniß nicht, daß wir aus fernen Auen
Herabverbannt als Fremde ziehn durchs Leben?
Zeigt nicht die Flucht ins Reich der Ideale,
Daß wir einst weilten in der Götter Saale?

O wohl! und so erkannt’ es längst vor Zeiten
Mit weisem Sinn der hehrste der Hellenen;
Er sprach: Eh’ ird’sches Sein des Geistes Schwinge
Gelähmt, war ganz gestillt des Busens Sehnen;
Denn körperlos sah in des Himmels Weiten
Der Geist bei Gott das Urbild einst der Dinge;
Doch nun vom Sklavenringe
Der Welt umspannt kann er vom Glanz nicht lassen
Und jagt ihm nach im ird’schen Nebelthale,
Doch stets umsonst! Denn vor des Ew’gen Strahle
Muß stets entstellt die Kreatur erblassen;
Doch Hoffnung blieb, daß wir zu Himmelshallen
Erhab’nen Flugs im Tod einst heimwärts wallen.

O holdes Wort, dem gern der Geist mag trauen;
O wohl! ein Tag des Lichts muß einst noch tagen;
Und uns erharrt nach flücht’gen Lebensjahren
Ein Reich, wo stumm verhall’n des Leides Klagen,
Ein hehres, wo erstirbt des Haders Grauen
Und nicht mehr drohn des Weltenkriegs Gefahren,
Wo reiner Menschen Scharen
Einträchtig zieh’n ohn’ irdisches Bedürfen
Und still sich freu’n an ewigen Gedanken
Und zeitentrückt und frei von Raumesschranken
Beseligung in durst’gen Zügen schlürfen
Und froh erlöst von eigensücht’gem Triebe
Sich jauchzend weihn dem Wunderglück der Liebe.

Drum, Tod, leb’ ich getrost und ohne Klage,
Wie du auch dräust, du kannst mich nicht vernichten;
Ich seh’s gefaßt, wie der Lebend’gen Schwärme,
Von dir getilgt, stets mehr ringsum sich lichten;
Und sinkt geknickt vom Baum der Lebenstage
Mir Blatt um Blatt, glaub’ nicht, daß ich mich härme;
Von milder Herzenswärme
Durchhaucht, bad’ ich mit Lust in Geistesfluthen
Und wandle rein, vor Niedrem scheu erbebend;
Und brünst’gen Drangs Vergöttlichung erstrebend
Nütz’ ich mit Ernst die flüchtigen Minuten;
Und so, wann mir zu nahen dich gelüstet,
Ob früh, ob spat, o Tod, ich bin gerüstet.

Aus: Albert Möser, Gedichte, Erste Sammlung, Dritte sehr veränderte und vermehrte Auflage, Verlagsanstalt und Druckerei Aktien-Gesellschaft (vormals J. F. Richter), Hamburg, 1890



















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