Annette Freiin von Droste-Hülshoff - Mondesaufgang

Caspar David Friedrich - Mondaufgang am Meer



Mondesaufgang.


An des Balkones Gitter lehnte ich
Und wartete, du mildes Licht, auf dich;
Hoch über mir gleich trübem Eiskristalle
Zerschmolzen schwamm des Firmamentes Halle;
Grauschimmernd lag der See mit leisem Stöhnen,
Zerfloßne Perlen, oder Wolkenthränen?
Es rieselte, es dämmerte um mich;
Du mildes Licht, ich wartete auf dich.


Hoch stand ich, neben mir der Linden Kamm,
Tief unter mir Gezweige, Ast und Stamm,
Im Laube summte der Phalänen Reigen,
Die Feuerfliege sah ich zieh'n und steigen,
Und Blüten taumelten wie halb entschlafen;
Mir war, als treibe hier ein Herz zum Hafen,
Ein Herz, das übervoll von Glück und Leid
Und Bildern seliger Vergangenheit.


Die Schatten stiegen, drängten finster ein;
Wo weilst du, weilst du denn mein milder Schein?
Sie drangen ein wie sündige Gedanken,
Des Firmamentes Woge schien zu schwanken;
Verzitternd losch der Feuerfliege Funken,
Längst die Phaläne war zum Grund gesunken;
Nur Bergeshäupter stiegen hart empor,
Ein düstrer Richterkreis im Düster vor.


Es visperten die Wipfel mir am Fuß,
Wie Warnungsflüstern oder Todesgruß;
Ein Summen aus des Seees weitem Thale,
Wie Volksgemurmel vor dem Tribunale;
Mir war, als müsse etwas Rechnung geben
Von todten Pfunden, von verträumtem Leben,
Als stehe ein verkümmert Herz allein,
Einsam mit seiner Schuld und seiner Pein.


Da auf die Wasser sank ein Silberstor,
Und langsam stieg die Mondesscheib' empor.
Der Alpen finstre Stirnen strich sie leise,
Und aus den Richtern wurden sanfte Greise;
Der Wellen Zucken ward ein lächelnd Winken,
An jedem Blatte sah ich Tropfen blinken,
Und jeder Tropfen schien ein Kämmerlein,
Drin flimmerte der Heimathlampe Schein.


O Mond, du bist mir wie ein später Freund,
Der seine Jugend dem Verarmten eint,
Um seine sterbenden Erinnerungen
Mit zartem Lebenswiderschein geschlungen;
Bist keine Sonne, die ernährt und blendet,
In Feuerströmen lebt, im Blute endet,
Bist, was dem kranken Sänger sein Gedicht,
Ein fremdes, aber, o, ein mildes Licht.


Aus: Annette Freiin von Droste-Hülshoff, Letzte Gaben, Carl Rümpler Verlag, Hannover, 1860





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