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Richard Dehmel - Die sieben Stufen

En muchas culturas el sol es una analogía con Dios
(National Oceanic and Atmospheric Administration/public domain)



Die sieben Stufen


Die erste Stufe zur Erhabenheit,
als der entzückte Himmelstürmer sie betrat,
ging rings um diese Erde, Raum und Zeit einschließend,
in alle Weltenräume, alle Zeiten hochgeringelt,
ein Folterwerkzeug, unentrinnbar schien's:
                         des Leids Erkennung.


Er stieß bei jedem Schritt auf neuen Marterreiz,
aus Sinnenlust sich Seelenqual erklimmend,
den Geist voll Leid ob dieser Bahn der Schmerzen,
die alle Seelen in die seine einverschlang,
da ging ihm schon die zweite Wendelstufe auf:
                         des Leids Erringung.


Aufschließend Zeit und Raum, entführte sie
den Geist hinab in seines Ursprungs Gründe,
ins Grauen, wo die Brünste um die Inbrunst,
ins Dunkel, wo die Süchte um die Sehnsucht kämpfen,
bis er sich willig an die dritte Stufe hinrang:
                         des Leids Ertragung.


Die lief in steter Windung zu sich selbst,
sich aus den Weiten immer enger drehend,
im schneckenhaften Lauf allseits die Scheinwelt wandelnd,
Diesseits in Jenseits, Zeit in Ewigkeit,
sodaß er plötzlich auf die vierte Stufe sprang:
                         des Leids Bezwingung.


Sie stand im Mittelpunkt, und um sie her
war nur noch Seele, lauter Innenwelt,
durch deren Drang der Geist all seiner Ruhe,
durch deren Kampf er seines Friedens inne ward,
so trat er sicher auf die fünfte Wendelstufe:
                         des Leids Beherrschung.


Dem Grund der Demut allgemach entkreisend,
sich aus den Tiefen immer höher sehnend,
dankbar gedenkend an die Seelenschwere unten,
an die Notwendigkeit der ewigen Not,
erstieg er inbrunstleicht die sechste Stufe:
                         des Leids Bekehrung.


In steter Windung lief die aus sich selbst,
sich aus der Enge immer weiter dehnend,
ausschließend Raum und Zeit und Ewigkeit,
Jenseits wie Diesseits, Innenschein wie Außenschein
hinaus ihn leitend an die letzte Stufe:
                         des Leids Verwehrung.


Als der sich selbst entrückte Himmelstürmer
diese betrat, da ward ihm Sturm zu Stille
ward Tod zu Leben, Weh zu Seligkeit,
denn da verliert sich aller Lebenswandel,
auch jede Fußspur durch die Niederung der Erde,
                         ins Wesen der Erhabenheit.


aus: Richard Dehmel, Schöne wilde Welt, S. Fischer Verlag, Berlin, 1922







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Aus: Chorus eroticus, Neue deutsche Liebesgedichte, Herausgegeben von Karl Lerbs, Rainer Wunderlich Verlag, Leipzig, 1921