Sonntag, 31. Juli 2011

Johanna Ambrosius - Ich habe das Glück gesehn

Aufnahme: ngiyaw eBooks 2011 (Sporer Peter Michael)



Ich habe das Glück gesehn.


Ich habe das Glück, das Glück gesehn.
Wißt ihr, es ist wie der Himmel so schön,
Wie der Himmel so blau, wenn die Erde blüht
Und Leben und Licht und Duft nur sprüht;
Und sein Mund, ich kann nicht beschreiben den Mund.
Der machte mit einem Hauch mich gesund.


Und schließen auch Mauern zeitlebens mich ein,
Sinnt meine Hölle auf schärfere Pein,
Springt hoch auf mein Blut aus den Wunden rot,
Tritt man mich mit Füßen lebendig tot:
Was kann mir noch Leid's auf der Welt geschehn?
Ich habe das Glück, das Glück gesehn!


Aus: Johanna Ambrosius, Gedichte, Zweiter Teil, Herausgegeben von Karl Schrattenthal, Thomas & Oppermann, Königsberg i. Pr., 1897





Montag, 25. Juli 2011

Abbé Bretin - Die Gärtnerin

Carl Spitzweg - Der Klosterbruder



Die Gärtnerin.

Einst wandelt Barbara, die schöne Gärtnerin,
Dürrzweige sammelnd auf dem Weg dahin.
Beim Bücken hebt ein tück’scher Ast
Den Rock ihr auf, und in der Hast
Bemerkt sie nicht, daß der am Tragkorb hängen bleibt.

Dieweil so bös’ Geschick ihr seine Possen treibt,
Gehn auch zwei Kapuziner ohne Arg
Selbander dieses Wegs. Da sieht von ohngefähr
Des Jüngern Aug’ – als ob’s ein Trugbild wär’ –
Manch schönes Rund, das sonst der Rock verbarg.
Zum andern spricht er drauf: »Daß Euer Ehrwürden verzeih’:
»Wer hätte je geglaubt, daß eine Magd so schamlos sei.«
 – »Ich seh’, ich seh’! Dein Auge mußt du senken.«
 – »Doch einen Ausweg sollte man bedenken!
«


Und heil’ger Eifer treibt den Jüngling an –
Dies fremde Bild tät frommen Sinn erschrecken. –
Nicht wußt er schier, was er begann:
Er eilt zu Barbara, die Blöße zu bedecken.

Bewegten Herzens tritt er ihr zur Seiten
Und löst den Rock und läßt ihn niedergleiten.
»O Schwester« spricht er, »nicht will ich Euch schelten.
Nein –
Doch müßt’ solch holde Pracht stets wohl verborgen sein!«
Und sie entgegnet: »Dank sei Euch vielmehr.
Ihr tatet Eurem heil’gen Stande all Ehr
!« 

Da sieht sie fernher einen Franziskaner schreiten
Und reckt den Arm, erblaßt, weil sie erschrickt,
Und ruft: »Wie kamt Ihr doch bei Zeiten –
Verloren wär’ ich, hätt’ mich der zuerst erblickt!«

aus: Das Heptameron, Die Erzählungen der Königin von Navarra
        Verdeutscht von Carl Theodor Albert Ritter von Riba
        Wilhelm Borngräber Verlag, Neues Leben, Berlin




(1797.) 

Donnerstag, 21. Juli 2011

Johanna Ambrosius - Ich habe geliebt

Aufnahme: ngiyaw eBooks 2011 (Sporer Peter Michael)


Ich habe geliebt.

Ich habe getrunken der Sonne
Allverzehrende Glut,
Ich habe tief im Schatten
Des Silbermondes geruht.


Auf jagenden Winden gezogen
Bin ich über alle Welt,
Hab' Sterne am Himmelsbogen
Mir zu Gespielen gesellt.


Und Elfen und Nixen sangen
Mir Lieder so süß und fein.
Und alle Wolken schwammen
Im rosigen Zauberschein.


Da fragten der Mond und die Sonne:
Ob's wohl noch Schön’res giebt?
Ich jauchzte entgegen voll Wonne:
Ich habe geliebt, geliebt!


Aus: Johanna Ambrosius, Gedichte, Herausgegeben von Karl Schrattenthal, Thomas & Oppermann, Königsberg i. Pr., 1896



Sonntag, 10. Juli 2011

Johanna Ambrosius - Es ist genug

Gustav Klimt - The Three Ages of Woman



Es ist genug.


Es ist genug! Hör’ auf zu schlagen,
Im Staube liegt mein matt Gebein;
Du stillst des kleinsten Würmchens Klagen,
Soll ich allein vergessen sein?
Willst mich vernichten, wohl, ich stehe
Gewärtig Deines Schwertes Zug,
Nur thu’ mit Schlägen nicht so wehe
Und halte ein. Es ist genug!


Es ist genug! Die Ketten brennen
Mit Höllenglut bis tief ins Herz,
Kein Wort kann ihn beim Namen nennen.
Den unermess’nen tiefen Schmerz.
Man löst dem Frevler seine Stricke,
Wenn zum Schafott ihn treibt der Fluch,
Begnad’ge Du mit einem Blicke
Doch meine Schuld. Es ist genug!


Es ist genug! Ich hab’ gelitten,
Was nur auf Erden Leiden heißt.
Im Kampfe bis aufs Blut gestritten,
Und tief verwundet liegt mein Geist;
Sieh’ meiner Hände müdes Beben,
Hör’ meinen schwachen Atemzug,
Du Richter über Tod und Leben,
Gieb Frieden mir! Es ist genug!


Aus: Johanna Ambrosius, Gedichte, Herausgegeben von Karl Schrattenthal, Thomas & Oppermann, Königsberg i. Pr., 1896





Mittwoch, 6. Juli 2011

Luise Deusch - Mädchenlied

Hermann Fenner-Behmer - Bücherwurm

Mädchenlied

Ob ich dieselbe wie gestern noch bin,
Spähend auf goldene Straßen hinaus?
Seltsames, Neues bewegt mir den Sinn,
Fremd den Gespielen, ja fremde dem Haus.

Suche mein Bild ich im Wassergerinn,
Gehe ich weiter auf sonnigem Plan:
Leuchtet mir lockend ein andres darin,
Glaub ich, es rede mein Schatten mich an.

     Gestern auf totem Feld noch gegangen,
     Wähnt ich mich bis in die Seele allein;
     Heute von Blütenweben umfangen,
     Küssend durchs Auge ins Herz mich hinein!

     Anders geworden bin ich seit gestern,
     Fühle die Tiefe der menschlichen Brust, —
     Möchte umhalsen die arglosen Schwestern:
     Ist denn auch euch solches Wunder bewußt?

Aus: Luise Deusch, Gedichte, Verlag von J. F. Steinkopf, Stuttgart, 1909




Dienstag, 5. Juli 2011

Luise Deusch - Jumneta

Vincent Van Gogh - Vase mit Nelken



Jumneta


Jahrhundertalte Kunde
Ward uns aus Saga's Munde:
Der stolzen Stadt der Wenden,
Jumneta's, Mauern ständen
      Im tiefen Ostseegrund.


Kühn waren die Bewohner
Und nie des Rechtes Schoner,
Aus freier Meeresweite
Heimwärts mit reicher Beute
      Ihr starker Drache schwamm.


Einst jäh ergriff die Mauern
Ein Wanken und Erschauern,
Die See mit gier'gen Lippen
Verschlang mitsamt den Klippen
      Die Stadt und all ihr Volk.


Es bleichen die Gebeine
Im grünen Zwielichtscheine,
Gespenstisch das Gemäuer
Lugt durch den Wogenschleier;
      Der Schiffer sich bekreuzt.


Und Fische überschnellen
Die Giebel und die Schwellen,
Aus Fugen ausgewaschen,
Drängt sich in dichten Maschen
      Das Seegras ums Gestein.


Des Domes Pfeilergänge
Durchrauscht das Flutgedränge,
Die Glocke kommt ins Schwingen
Ins Summen und ins Klingen,
      Zum Schiffer tönt's hinauf.


In blauen Mondennächten
Entringt den Wogenmächten
Jumneta sich, die Zinnen
Erschimmern, silbern rinnen
      Die Tropfen dran herab.


Wie eine Wundermäre
Jumneta steht, die hehre,
Um ihre weißen Hallen
Die Wasser singend wallen
      Und schwebt der Glockenton.


Bis es mit Tagesleuchten
Rücksinkt in Meeresfeuchten;
Nachhallen noch die Glocken,
O Fischer, flieh ihr Locken,
      Sonst wird dir's angetan.


Weiß nicht, ob du's begehrtest,
Daß du mit wiederkehrtest, —
Gewiegt vom Wellenrollen
Wirst gerne schlafen wollen
      Bei solchem Schlummersang.


Steigt er aus fernen Fluten,
Wenn sie im Dämmer ruhten,
Und wenn die leisen Wellen
Zu Lande träumend schwellen:
      Das ist Jumneta's Ruf.


Aus: Luise Deusch, Gedichte, Verlag von J. F. Steinkopf, Stuttgart, 1909












Theodor Kirchhoff - Wie es kam, daß den Spaniern das Rauchen im Himmel verboten ward

David Teniers d. J., Die Raucher


Wie es kam, daß den Spaniern
das Rauchen im Himmel verboten ward.

Eine wahrhaftige Historie aus dem Jenseits,
durch spezielle Offenbarung dem Dichter mitgeteilt.

Viele, die glauben auf Erden, daß droben im himmlischen Reiche
Jeder zufrieden sich fühlt. Das ist ein bedenklicher Irrtum.
Oft schon gab es ein Ärgernis dort. Der Sprachen Gewirre,
Schlimmer, als einst es gewesen bei Babels gewaltigem Turmbau,
Schuf ein ewig Gezanke. Die deutschen Seelen, sie haßten
Bitter das dumme Gewäsch der plappernden, eitlen Franzosen,
Diese das Deutsche nicht minder; und alle verwünschten die Britten,
Welche, seit Milton das Buch vom Paradiese geschrieben,
Hunderte Male bereits sich erfrecht, den Antrag zu stellen,
Daß auf Englisch allein es erlaubt sein solle, zu beten.
Ärger noch ward es in neuerer Zeit. Da erschienen die Yankees,
Sprachen von Freiheit stets und Amerikas glorreichem Lande,
Wo's weit schöner doch sei, als in dem veralteten Himmel.
Kein Telephon gab's hier, um dienende Geister zu rufen,
Und aus entlegenen Sonnen den Oberkellner zu finden.
Wenn es die Freiheitsbummler gelüstete, Nektar zu kneipen,
Mußten den endlosen Weg durch den ganzen Himmel sie laufen,
Eh' sie die Schänke erreichten, anstatt aus einfachem Wege
Ohne Verdruß den Trunk telephonisch bestellen zu können.
An dem Bau der Paläste vermißten sie Elevatoren,
Spotteten über die Monde, die nachts als Lampen man aufhing,
Statt das elektrische Licht von Edison scheinen zu lassen,
Zogen nach Gottes Thron Telegraphendrähte und lachten,
Wenn sich die Engel daran im Flug mit den Fittichen stießen, —
Ein gar freches, blasiertes Geschlecht, das allen verhaßt war,
Zahlreich kamen sodann die Seelen der Ladies aus Boston,
Ärgerten Gabriels Ohr mit schlecht gesungenen Hymnen.
Ihnen gefiel hier nichts. Der gesellige Ton und der Anstand
Waren nicht halb so gewählt, wie in Newport und Saratoga,
Oft schon hatten sie Klage geführt bei der Mutter Maria
Über das Tabakrauchen der stolzen hispanischen Seelen,
Freilich! es rauchten die Deutschen — das trotzige, plumpe Gesindel! —
Auch gern schlechten Kanaster: doch meistens nur in den Hallen,
Während die Dons — o Schmach! sich im Parlor selbst nicht genierten,
Mit Zigaretten im Mund vor den Damen gewaltig zu paffen.
Niemand konnte jedoch das Rauchen verbieten im Himmel,
Denn im Gesetzbuch stand kein Tüttelchen drüber geschrieben.
Als Gott Vater dem Sohn das Corpus Juris diktierte,
Hatt' er den Tabak vergessen, den damals keiner gebrauchte, —

Sprach zu der Mutter Maria der weise Paulus: Es scheint mir,
Daß mit Recht sich beklagen die schönen Seelen aus Boston,
Ob, auch sonst, ich gesteh's, ihre Reden ich wenig beachte.
Diese hispanischen Granden, die treiben's, wahrlich, zu arg doch!
Was ist zu thun? St. Peter und ich, wir wollen darüber
Deliberieren; der Alte ist schlau, ihn werd' ich befragen.

Petrus, der wußte bald trefflichen Rat. Mich dünket, es wäre —
Sprach er — gewiß das Beste, man lockte die spanischen Seelen
Vor die Pforte hinaus, die ich dann mit dem Riegel verschließe.
Keiner von jenen gelangt aufs neu' in den glänzenden Himmel,
Welcher zuvor nicht den Schwur aufs Kreuz barhäuptig gesprochen,
Nie das lästige Kraut fortan hier wieder zu paffen.
Sei so gut nun und gehe, du, Paulus, drüben hinüber,
Wo Herr Faustus, der Doktor, die Morgenzeitung herausgiebt.
Sag' ihm, er solle sofort zehntausend große Plakate
Drucken mit farbiger Schrift, und darin einen mächtigen Bullen.
Morgen, am Pfingstfest, geb' es ein Stiergefecht vor dem Himmel.
Ein andalusischer Stier, mit langen, gewaltigen Hörnern,
Würde zur Feier des Tags dort kämpfen in offner Arena.
Lasse die Zettel kleben an alle demantenen Säulen,
Wo die hispanischen Dons allabend im Mondlicht spazieren.
Auch in den Parlors klebe sie fest an die goldenen Wände,
Daß ein jeder sie seh', und sich keiner morgen verschlafe.

Paulus eilte hinweg, das Nötige prompt zu besorgen.
Ehe der Sirius noch halb untergegangen im Himmel,
Prangten, wohin man nur schaute, die riesigen bunten Plakate.
Hei! da gab es ein Rennen durch alle die Säle und Hallen,
Schreien und lautes Geschwätz von Dons und stolzen Hidalgos.
Jeder erzählt' es voll Eifer den Freunden, so schnell er nur konnte,
Scharen von müßigem Volk betrachteten staunend die Bilder,
Wetteten, daß der Stier den Kampf mit Ehren bestünde.
Lärmend ergoß sich der Menge Gewühl beim Grauen des Tages
Durch das geöffnete Thor, das Stiergefecht zu betrachten.
Nicht Ein Spanier blieb zurück; doch hinter dem letzten
Schob St. Peter geschwind vor die mächtige Pforte den Riegel.
Als nach längerer Zeit mit Schelten die spanischen Seelen,
Welche umsonst sich bemüht, des Kampfspiels Stätte zu finden,
Pochten ans dröhnende Thor, da mußte sich jede bequemen,
Erst einen heiligen Eid aufs Kreuz barhäuptig zu sprechen:
Nimmer hinfüro mehr in den himmlischen Räumen zu rauchen, —
Eh' St. Petrus aufs neu' ihren Paß zum Eintritt visierte.

Also geschah's, — Da erhub sich ein solches Gelächter im Himmel,
Wie's Gott Vater noch nie von den seligen Geistern vernommen.


Aus: Theodor Kirchhoff, Balladen und Neue Gedichte, Schlüter'sche Buchhandlung, Inh. Wilh. Halle; New York, E. Steiger & Co., 1883






Sonntag, 3. Juli 2011

Robert Garrison - Bekenntnis




Bekenntnis


Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust — 
Ach so, das sagte schon ein andrer Dichter.
Jedoch auch mich, glaubt, überkommt die Lust,
Herauszukehren zweierlei Gesichter.


Im Alltagsmenschen, diesem Biedermann,
Der mit konstanter Krämerart mich ödet,
Seh' ich den Vogel am Gefieder an —
Drum stell' ich mich wie er: treu und verblödet.



Jedoch der Geist, der mich zu zwingen weiß,
Enthüllt das zweite Antlitz meines Innern,
Und das heißt: Spott . . . das ist in mir der Greis,
Der feisten Edelmut sucht zu verdünnern.



Das ist der Greis mit anerzog'nem Hang
Zu der Verzerrung aller Sittenreinheit
Ins Lächerliche . . . der sein Lebelang
Verdammt hat diese Biedermannsgemeinheit.



Doch weil sie ihn zum Greisen hat gemacht,
Läuft er mit ihr und lacht bei allen Scherzen
Und zotet mit. Er tut es unbedacht,
Der zweite Ichmensch mit dem braven Herzen . . .



Aus: Robert Garrison, Nachtfalter, Modernes Verlagsbureau, Curt Wigand, Berlin, Leipzig, 1908



Wilhelm von Chézy - Das Räthsel der schönen Unbekannten

Wilhelm von Chézy - Das Räthsel der schönen Unbekannten. Ein holdes Räthsel soll ich lösen, Und schon ist mir die Deutung klar, Ich weiß...