Albert Möser - Agrippina

Benjamin West - Agrippina Landing at Brundisium with the Ashes of Germanicus



Agrippina.
(20 nach Chr.)

Umspielt von sonn’gem Glanze
Laut murmelnd wogt das Meer,
Aufragt mit stolzem Kranze
Brundisiums Mauerwehr;
Und wo die Wogen schäumen,
     Ringsum am weiten Uferrand
Auf Dächern, Simsen, Bäumen
Seht ihr die Menge säumen,
     Aufs Meer blickt Jeder unverwandt.

Dort naht sie schon, die Flotte.
In stummem Trauerzug,
Gelenkt vom Rachegotte,
Der sie zum Hafen trug;
Schon wirft sie aus die Anker,
     Dem Schiff entsteigt das hehrste Weib,
Ihr Schritt ist schwer, ihr schwanker,
Wie fiebernd bebt ihr kranker
     Ihr gramverzehrter müder Leib.

Sie ist’s, die Zier der Frauen,
Augustus’ Enkelkind;
Gesenkt sind ihre Brauen,
Die düstrer Gram umspinnt;
Rings schweigt die weite Runde,
     In Thränen nur manch Auge thaut;
So wehvoll ist die Stunde,
Aus rauher Krieger Munde
     Selbst tönt des Mitleids Seufzerlaut.

Ein rührendes Geleite
Mit Augen groß und klar
Der Hehren geht zur Seite
Ihr zartes Kinderpaar;
Doch sie auf heim’scher Scholle
     — Mit Lippen murmelnd herbsten Fluch —
An’s Herz, an’s übervolle,
Preßt sie in bitterm Grolle
     Des Ehgemahles Aschenkrug.

Einst treu gesellt dem Gatten,
Verklärt von Schönheitspracht,
In deutscher Wälder Schatten
Bestand sie Kampf und Schlacht;
Die einst Arminius’ Streichen
     Erlegen nach des Schicksals Schluß,
Der Varuskrieger Leichen
Im Schutz der deutschen Eichen
     Begrub sie mit Germanicus.

Doch heim aus Deutschlands Gauen
Rief ihn Cäsarenneid,
Ostwärts nach Syriens Auen
Hinzog er todgeweiht;
In Antiochia’s Mauern
     Einritt er stolz in Jugendkraft,
Dort sollt’ ihn Tod erlauern,
Er rang in Fieberschauern,
     Vom Gift des Cäsars hingerafft.

Und rasch am Meeresstrande
Des todten Helden Leib
Vertilgt’ im Flammenbrande
Sein hochgemuthes Weib;
Darauf, die Brust zu baden
     In Rachelust, ging sie zu Schiff,
Von Syriens Gestaden
Trug sie auf Meerespfaden
     Den Aschenkrug durch Fluth und Riff.

Den Aschenkrug am Herzen
Zieht sie nach Rom voll Harm,
Vor ihr, dem Weib der Schmerzen,
Weicht scheu des Volkes Schwarm;
Ihr Herz mit heißen Schlägen
     Heischt Sühne für Germanikus,
Ihr fliegt auf allen Wegen
Der Römer Sinn entgegen:
     Nun hüte dich, Tiberius!

aus: Albert Möser, Schauen und Schaffen, Neue Gedichte, Verlag von Levy & Müller, Stuttgart, 1881





Beliebte Posts aus diesem Blog

Ludwig Thoma - Sexuelle Aufklärung

Albert Möser - An den Tod

Claire Morgenstern - Mich treibtʼs zu suchen