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Albert Möser - Pygmalion

Franz von Stuck - Pygmalion



Pygmalion

Nun steht vor mir das Werk vollendet,
Dran ich, beseelt von heilger Glut,
Des Busens Götterkraft verschwendet,
Es sinkt die Hand, der Meißel ruht;
Ich schwelg’ in selges Schaun versunken,
Mich faßt der Freude Überschwang,
Und meine Augen hängen trunken
Am Bilde, das mir selbst gelang.

Der Leib, der süße, sonder Hülle
Wie ragt er auf in stolzer Pracht!
Der edlen Glieder strenge Fülle
Bannt jedes Herz mit Zaubermacht:
Es träumt ein wundersüßes Sehnen
Im Aug’, das feucht in Liebe thaut,
Und nie im Lande der Hellenen
Ward noch ein Weib wie dies geschaut.

Seit meiner Jugend frühsten Zeiten
Hat heiße Sehnsucht, ungestillt,
Als Muster der Vollkommenheiten
Gesucht ein holdes Frauenbild;
Ich jagt’ ihm nach auf irdschen Fluren,
Ich sucht’ es hier und sucht’ es dort,
Doch immer nur zerstreute Spuren
Fand ich von höchster Schönheit Hort.

Nie schmückt, drum meine Wünsche warben,
Vollendung, was im Staube weilt,
Der Reiz der Formen ward und Farben
An viele Leiber rings vertheilt;
Von höchster Schönheit heilgem Glanze
Schaun wir nur stets verirrten Strahl,
Doch nie die reine, volle, ganze,
Niemals des Busens Ideal.

Und mahnend fühlt’ ich in mir tönen,
Der mich beseelt, des Geistes Ruf:
»Wohlan, den Inbegriff des Schönen
Schaff selbst, den nie Natur erschuf!«
Ich gieng an’s Werk; was vor der Seele
Mir stand, vermählt hab’ ich’s dem Stein;
Ich formt’ ein Weib mir sonder Fehle,
Umstrahlt von höchster Schönheit Schein.

Und auf zum Zeus nun meine Hände
Erhebend möcht’ ich brünstig fleh’n:
»O in dies Bild herniedersende
Des Lebens Hauch, des Geistes Weh’n!
Den ros’gen Lippen laß entquellen
Liebreicher Worte süße Fluth,
Laß athmend mir entgegenschwellen
Die Brust, daß Herz an Herzen ruht!«

Er thut es nicht; was ich gestaltet,
Stets bleibt es seelenlos und kalt;
Nie wird, ob’s auch das Herz mir spaltet,
Dies Bild von Leben warm durchwallt;
Ich seh’s: was lebt, wird niemals prangen
Von Mängeln frei im Thal der Noth;
Und Bilder, die dem Stein entsprangen,
Sie sind vollendet, aber todt.

aus: Albert Möser, Schauen und Schaffen, Neue Gedichte, Verlag von Levy & Müller, Stuttgart, 1881




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Albert Möser - An den Tod

An den Tod.
Im Lärm des Tages sind sie starr befangen:
Seht an die Jagd, die stürmisch-ruhelose,
Mild rast der Schwarm, dem Nichts vermag zu wehren;
Ein Jeder ringt, daß er, was nützt, erlose,
Nach ird’schem Wohl steht einzig sein Verlangen,
Ihm jagt er nach mit Sorgen, lastend-schweren;
Genuß! heißt ihr Begehren,
Der winkt und lockt sirenenhaften Klanges
Und bändigt ganz der bebenden Gedanken;
Ihn suchen, die da athmen, all’ und ranken
Um’s irdische Sein sich zäh’ und gier’gen Dranges;
Am Staube seht ihr durst’gen Sinns sie kleben,
Und ihrer Sehnsucht Ziel heißt: Leben! Leben!
Doch dir, o Tod, naht selten nur ihr Fragen,
Sie lieben’s nicht, den Geist dir zuzuwenden,
Und deinen Namen nennt nicht gern die Lippe;
Denn sieh! dein Amt ist, mitleidlos zu enden
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Mit Stundenglas und Hippe,
Hohläugig, grinsend, wangenlos und beinern,
Also im Sinn lebst du dem Erdensohne,
Und schreckhaft gleich dem Haupte der Gorgone
Schaffst du…

Pierre Louys - Rosen in der Nacht

ROSEN IN DER NACHT


Wenn die Nacht am Himmel aufsteigt,
ist die Welt unser und der Götter.
Von den Feldern gehn wir zur Quelle,
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hin uns unsre bloßen Füße führen.

Die Sternlein funkeln genugsam für die klei-
nen Schatten, die wir sind. Manchmal fin-
den wir unter den niederhangenden Zweigen
schlafende Hirschkühe.

Doch zauberischer in der Nacht als alles andre
ist ein Ort, von uns allein gekannt, der uns mäch-
tig auf sich zieht durch den Wald: ein Gebüsch
geheimnisvoller Rosen.

Denn nichts ist göttlich auf der Erde, verglichen
mit dem Duft der Rosen in der Nacht. Wie
kam es nur, daß ich damals, als ich allein war,
mich nicht davon berauscht gefühlt.

Aus: Pierre Louys, Lieder der Bilitis, Übertragen von Richard Hübner, J. Zeitler Verlag, Leipzig, 1901. Illustration von George Barbier

Ludwig Thoma - Sexuelle Aufklärung

Sexuelle Aufklärung

Der alte Storch wird nun begraben. 
Ihr Kinder lernt im Unterricht, 
Warum wir dies und jenes haben, 
Und es verbreitet sich das Licht. 


Zu meiner Zeit, du große Güte! 
Da herrschte tiefe Geistesnacht. 
Man ahnte manches im Gemüte 
Und hat sich selber was gedacht. 


Mich lehrte dieses kein Professer; 
Nur eine gute, dicke Magd 
Nahm meine Unschuld unters Messer 
Und machte auf dieselbe Jagd. 


Ihr Unterricht war nicht ästethisch, 
Im Gegenteil, sehr weit entfernt. 
Und doch, wenn auch nicht theoretisch, 
Ich hab' es ziemlich gut gelernt. 


aus: Ludwig Thoma, Kirchweih, Simplicissimus-Gedichte, Albert Langen Verlag, München, 1912