Theodor Kirchhoff - Die Opfer des Sees Tahó

Albert Bierstadt - Winterlicher Lake Tahoe

Die Opfer des Sees Tahó. 1

Ein gewaltiger Sturm mit Hagel und Schnee
Kam durch Nevada gezogen,
Und donnernd rollte der Alpensee
Tahó ans Ufer die Wogen:
Das Meer, das aus der Sierra Grat
Dem Himmel nah' sich gebettet hat.

In stolzer Ruhe ragten empor
Ringsum die schneeigen Gipfel,
Derweil sich neigten, wie schmächtiges Rohr,
Der Föhren ächzende Wipfel,
Und die Wolken flogen, und Windes Wut
Aufpeitschte die gischtumsprühete Flut.

Kein Tag für Touristen! — rief ungeschlacht
Der Kutscher mit grimmigem Fluchen,
Der übers Gebirge mich hergebracht,
Der Sierra Meer zu besuchen —
Nicht um Millionen beführ' ich so
Im Sturm, wie heute, den See Tahó! —

Ein wettergebräunter Dampferpilot,
Der von Glenbrooks fernem Gestade
Soeben gelandet im letzten Boot —
Nur schwer, mit zerbrochenem Rade,
Erreichte den Port es — trat an den Strand,
Wo, die wilden Wasser betrachtend, ich stand.

Gerad' so ein Tag war's letztes Jahr —
So sprach er — da band von den Sprossen
Der Leiter hier eine lärmende Schar
Von sieben verweg'nen Genossen
Den Strick am schaukelnden Nachen los,
Zu rudern hinaus in der Wogen Getos.

Sie kamen von Erins Inselreich;
Eine teufelslustige Bande!
Zu jedem Wagnis bereit sogleich,
Durchstreiften sie Meere und Lande.
Der Tollste von ihnen entriß mir den Strick,
Den ich hastig ergriffen, und stieß mich zurück.

Ein gottlos Beginnen ist dies! — so schalt
Zuerst ich mit wachsendem Grimme.
Dann bat ich voll Angst; doch der Brandung Gewalt
Verschlang meine warnende Stimme.
Starr blieb ich am einsamen Ufer stehn,
Verlacht, verspottet mein Zorn und mein Flehn.

Mir graut vor dem gierigen See! Nie kam
Aus dem meertief liegenden Grunde
Ein Toter, den er als Opfer nahm,
 
Zurück bis zu dieser Stunde.
Und ach! schon viele zog er hinab
In der Wogen nie entschleiertes Grab.

Im Nachen fuhren die Sieben hinaus.
War's doch, als hört' ich ein Lachen,
Ein höhnisch Geschrei in des Sturmes Gebraus;
Die Wut eines teuflischen Drachen,
Der tief aus der Wasser wirbelndem Schlund
Den Zorn ausspie mit grollendem Mund.

Mit zitternden Händen faßte ich bang
Der Brüstung schwankende Wehre,
Und blickte hinaus in der Wogen Drang
Vom wilden Sierra-Meere.
Dort trieben sie hin: bald tief, bald hoch
Der gebrechliche Kahn durch die Wellen flog.

Ich flehte zu Gott, ein rettendes Wort
Zu sprechen aus ewiger Ferne.
Umsonst! — Nicht plagt um die Menschen sich dort
Der Herr im Reiche der Sterne,
Und höhnisch schrie's aufs neue vom See,
Daß fast erstickte mein Herz vor Weh.

Schon packte die Angst sie. Dem einen entfiel
Das Ruder. Rasch griff er hinüber
Und wollt' es erfassen. Vergebliches Ziel!
In die Fluten stürzt' er kopfüber.
Ein grausiger Schrei! — Schon riß ihn hinab
Der See ins weit aufgähnende Grab.

Nie rangen die Hände. Wild kreiste jetzt
Im wirbelnden Wogenschwalle
Der Kahn. Um schlug er! — Auf schrie ich entsetzt! —
In die Tiefe sanken sie alle.
Ich wankte zurück vom dröhnenden Strand;
Von den Schiffern man nie eine Spur mehr fand.

Und leiser sprach er noch dieses schnell:
Man sagt, wenn im Vollmondscheine
Tahó sich schmückt mit glitzernder Well',
Dann kommen im bleichen Vereine
Die Toten heraus zur Mitternachtstund
Aus der Flut verborgenem, tiefstem Grund.

Dort sind sie gebettet aus buntem Achat
Und aus flammenden Karneolen,
Oft streut an den Strand die reiche Saat
Der stürmende See, und es holen
Die Fremden das Mosaikgestein,
Das die Tiefe schmückte mit rötlichem Schein.

Siehst dort du die blasse Geisterschar,
Die dem wogenden Abgrund entstiegen?
Sie alle sind's, die manch schauriges Jahr
Im Grabe der Fluten hier liegen!
Da wandelt am Strand der gespenstische Schwarm;
Als letzte die Sieben, Arm in Arm.

Horch! Hörst du den traurigen Ton vom See,
Von brausenden Lüften getragen,
Wie ein schwacher Ruf von beklommenem Weh?
Das sind die Sieben! — Sie klagen,
Daß fern von der Heimat wieder hinab
Sie müssen ins kalte Wogengrab. — —

He, Fremder! Was horchst du, wie lang und breit
Geschichten erzählet der Alte!
Rief laut der Kutscher. — Der Weg ist noch weit!
Kaum die scharrenden Rosse ich halte! —
He! spute dich! komm'! — 's wird Abend bald,
Und es raset der Sturm im Föhrenwald! —

Bang war mir zu Mut. Die Nacht brach an,
Dumpf grollten zum Abschied die Wogen.
Hei! Wie mit schnaubendem Viergespann
Durch stöhnende Wälder wir flogen! —
Mir war's als sängen ihr Klaglied so
Die Opfer vom schrecklichen See Tahó.


1 Der Bergsee Tahoe (sprich: Tahó — ein indianisches Wort, das »großes Wasser« bedeutet) liegt an der Grenze der Staaten Californien und Nevada im Gebirgszuge der Sierra Nevada, 6216 Fuß über dem Spiegel des Oceans. Die Länge des unregelmäßig geformten eirunden Sees beträgt 22, seine größte Breite 12 englische Meilen, seine Tiefe 1525 Fuß; seinen Absluß nimmt er durch den ihm in nördlicher Richtung entströmenden Truckeefluß, welcher in den Pyramidsee mündet. Die Ufer des Sees Tahoe, dessen wilde Schönheit jeden Reisenden entzückt, sind mit prächtigen Fichtenwäldern bestanden, welche auch die Abhänge der ihn bis 3000 Fuß überragenden Washóberge und die in seiner Nähe liegenden Höhen der Sierra Nevada malerisch bedecken. Eine Eigentümlichkeit dieses Gebirgssees ist die ungewöhnliche Leichtigkeit seines Wassers, indem nichts, was in ihm versinkt, je wieder an die Oberfläche gelangt. Noch nie ist einer von denen, welche den Tod in seinen Fluten gefunden haben, aus der fast unergründlichen Tiefe wieder zum Vorschein gekommen.  

Aus: Theodor Kirchhoff, Balladen und Neue Gedichte, Schlüter'sche Buchhandlung, Inh. Wilh. Halle; New York, E. Steiger & Co., 1883 












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