Sonntag, 28. August 2011

Kazinczy Ferenc - Ihr Bild

Vincent van Gogh - Weizenfeld mit Schnitter bei aufgehender Sonne



Ihr Bild


Der Morgen wecket mich; mein höchstes Gut,
Ihr göttlich Bild tritt meinem Aug' entgegen.
Wie bebt mein Herz in süssen Liebesschlägen,
Auf lodert flammenhell die alte Gluth.


»Sie ist's, sie ist's!« so ruft mein wallend Blut.
Ich küss' die Luft, als wäre sie zugegen,
So sprach, so ging sie, so war ihr Bewegen,
So sank ans Herz sie mir voll Liebesmuth.


Wie einst mit Ihr, beginn' ein Flüstern ich
Jetzt mit dem Bild; verborgen, neckend, süss;
Nun holden Streit, nun Worte lieb und mild.


Bis ich diess treibe, hebt die Sonne sich,
Schickt durch die Jalousieen ihre Grüss',
Umstrahlt mit Himmelsglorie das Bild.


(Übersetzung von Graf Mailath)


Aus: Blumenlese aus ungrischen Dichtern in Übersetzungen von Gruber, Graf Mailath, Paziazi, 
Petz, Graf Franz Teleki d. Jüng., Tretter u. a., Gesammelt und mit einer einleitenden Geschichte
der ungrischen Poesie begleitet von Franz Toldy, Pesth und Wien 1828





Samstag, 27. August 2011

Rosa Maria (Assing) – Das seltene Blümchen




Curtis's Botanical Magazine vol. 23, 1806


Das seltene Blümchen.

O Mädchen, sprich, was suchest du
Wohl auf der duft'gen Au?
Ich sah der Blumen mancherlei,
Die glänzen schön im Thau.

Doch gehest du die Blümelein
Ja allesammt vorbei;
So laß mich wissen liebes Kind,
Was denn dein Suchen sey?

»Ich suche wohl, und find es nicht,
Ein Blümchen wunderschön,
Ich sucht' es schon im dunkeln Wald,
Im Thal und auf den Höh'n.«

O sag', wie heißt das Blümchen denn,
Das deiner Wünsche Ziel?
Wer weiß, ich zeig' es dir vielleicht,
Ich kenn' der Blumen viel.

»Vergebens sinn' ich, wie es heißt,
Wie Mutter es genannt,
Ich hörte nur, wie sie's beschrieb,
Da bin ich fortgerannt.

Das Mädchen, das dies Blümchen fand,
Das preise hoch sein Glück,
Dies Blümchen schützt als Talisman
In Noth und Mißgeschick.«

O hör', mich dünkt, ich hab' es schon,
Da blühet rosenroth
Ein wunderbares Blümlein auf,
Das lindert Weh und Noth.

Es blühet freundlich Jedem auf
Im Lebens-Frühlingsschein;
Mag nicht das, was die Mutter meint,
Das Blümchen Liebe seyn?

Das Blümchen Liebe ist es nicht,
Das ist mir wohl bekannt,
Nein, jen's ist seltner, anders auch
Hat Mutter es genannt.

Sie sagt': »Es wähnte Manche schon,
Daß sie das Blümchen fand,
Doch war es stets das rechte nicht,
Und welkt' in ihrer Hand.«

Da steht ein andres Blümlein schön,
Das glänzt und strahlt wie Gold,
Das nennen wir die Freundschaft hier,
Das ist auch Vielen hold.

»Ach nein, auch Freundschaft ist es nicht,
Auch das ist mir bekannt,
Nein, jenes ist viel seltner noch,
Wird anders auch genannt.«

Da ist noch eins, das Freude heißt,
Dies liebe Blümchen lacht
Und duftet süß für Alt und Jung
In vieler Farben Pracht.

»Das heitre Blümchen kenn' ich wohl,
Es sprießet immer neu! –
Doch halt! ich hab's, mein Blümchen heißt,
Es heißt die Männertreu.«

Die Männertreu! ja, gutes Kind,
Du bist umsonst bemüht,
Die findest du wohl nimmermehr,
Die ist schon lang verblüht!

Die blühet gleich der Aloe
All' hundert Jahre neu,
Drum findet unter Hunderten
Kaum Eine Männertreu!

aus: Rosa Maria's poetischer Nachlaß, Herausgegeben von D. A. Assing, Verlag von Joh. Friedr. Hammerich, Altona, 1844





Vasile Alecsandri – Du wunderschönes Mägdlein

Andre Bouys - Maid cleaning the silver

Du wunderschönes Mägdlein.


Du wunderschönes Mägdlein,
O sag'! wo kommst Du her?
Mit Deines Mundes Lächeln,
Mit Augen, hell und hehr?


Trug Dich ein sel'ger Engel
Aus aller Himmel Glück,
Und ließ hier auf der Erde
Als Freude Dich zurück?


Du bist ein helles Leuchten,
Ein goldnes Märchen fein,
Ein Traum von Seligkeiten,
Ein Engel hoch und rein.


Vom Himmel bist ein Wunder!
Und Deine Stimme weht
Um mich in böser Stunde,
Als heiliges Gebet.


aus: Das Buch der Liebe, herausgegeben von Heinrich und Julius Hart, Verlag von Otto Wigand, Leipzig, 1889, S. 445 f. Aus dem Rumänischen übertragen von Carmen Sylva


Mehr bei ngiyaw eBooks unter dem Autor.





Montag, 22. August 2011

Anna Behrens-Litzmann – Sommermittag




Alfons Mucha - Sommer



Sommermittag.

Die Kastanien blühen wieder,
Und geschmiegt in seiner Wälder Hut
Trägt des Flusses silberblanke Flut
Leichte Kähne auf und nieder.
Hier und da ein Segel leuchtet,
Von dem Regen noch befeuchtet,
Der aus grauer Wolke fiel
Zwischen heitrem Sonnenspiel.
Friedlich tauchen aus dem klaren Spiegel
Rings der Dächer rote Ziegel,
Unter denen wie im Mittagsschlummer
Grau und still die Häusermasse ruht.


Tiefer lenk' ich meine Schritte
Nun hinein ins dichte Schattengrün
Um der Hänge duftend Blühn,
Klein mich fühlend
In der Riesen Mitte,
Die mit dunklen Stämmen stehn
Und mir fremd ins Auge sehn.
Ja, es ist, als ob mich litte
Diese hehre Einsamkeit
Nur als ungeladnen Gast,
Nur zu kurzer Wegerast.


Doch wie sie nun leise flüstern,
Jene Träumer, jene Weisen,
Scheint's, als lob in stillen Kreisen
Uns sich nahe ein Verstehn,
Ja, als ob die Bäume wüßten,
Daß sie mir erzählen müßten,
Was sie hören, was sie sehn.


Und so schreit' ich tief versonnen,
Fern dem heute, nur umsponnen
Von vergangenem Geschehn,
Und getragen vom Bewegen
Der Gedanken, die sich regen,
Wenn sie an des Wissens Grenzen
Und versenkt in fernes Schauen,
Traumverloren untergehn.


Aus: Anna Behrens-Litzmann, Gedichte, Weiß'sche Universitäts-Buchhandlung, Heidelberg, 1920


siehe auch unter der Autorin: ngiyaw eBooks

Montag, 8. August 2011

Johann Gaudenz von Salis-Seewis - Abendsehnsucht

Klatschmohn (Papaver rhoeas), aufgenommen am frühen Morgen
auf einer Wiese am Ohleberg in Buseck
(Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen
Bedingungen 2.5 US-amerikanisch (nicht portiert))
Die Aufnahme stammt von Michael H. Lemmer



Abendsehnsucht.


Wenn der Abend sich senkt, flieh’ ich die laute Stadt,
Und durchwandere stumm feuchtes Gefild’ umher,
                Voll die Seele von Sehnsucht
                Und voll süßer Erinn’rung.

Safranfarbiger Schein rändert den Horizont
Und durchglüht das Gebüsch, welches den Hügel kränzt,
                 Wo die stöhnende Windmühl’
                 Ihren langsamen Flügel wälzt.

An die Schleusen gelehnt, schau ich den Weidengrund,
Frisch von perlendem Thau, und wie des duftenden
                  Reps gelbblühende Felder
                  Noch ein röthender Nachschein färbt.

Nur der Emmerling zirpt oben im Erlenstrauch;
Stille waltet umher auf dem umbüschten Dorf,
                  Das der krähende Haushahn
                  Und aufwallender Rauch verräth.

Frischer dünstet der Tau; tiefere Dämmerung
Spannt den trübenden Flor über die Fernung hin.
                  Wo die Formen vernachten,
                  Weilt hinstarrend der lange Blick.

Länder dehnen sich dort hinter der Fläche Rand:
Aber die trennende Nacht füllet den weiten Raum
                   Hin zu meinen Geliebten,
                   Und die Thräne der Sehnsucht rinnt.

Aus: Blumenlese aus den neuen Schweizerischen Dichtern, Herausgegeben von Heinrich Kurz, Verlag von Friedrich Schultheß, Zürich, 1860



Sonntag, 7. August 2011

Johann Gaudenz von Salis-Seewis - Der Garten des Lebens

Matthias Gerung - Melancholie im Garten des Lebens



Der Garten des Lebens.



Der Garten des Lebens
Ist lieblich und schön!
Es keimen und sprossen,
Auf lachenden Höh’n,
In Tagen des Lenzes
Der Blüthen so viel!
Da treiben die Weste
Manch fröhliches Spiel!


Ihr Spiel in den Wellen
Des Grases ist schön!
O! sieh! wie die Blumen
Im Winde sich dreh’n!
Sie biegen die Wipfel,
Die Kelche so blau,
Und schütteln vom Wipfel,
Vom Kelche den Thau.


Und Quellen der Freude,
So lieblich und hehr,
Durchwässern den Garten
Und rieseln einher.
Sie tanzen in Bächen
Durch Blüthen dahin,
Durch Blüthen des Maies
Und murmeln und flieh’n.


Doch währt es nicht ewig,
Der Frühling entflieht.
Die Blumen sind all’, eh
Wir wähnten, verblüht,
Das duftende Veilchen
Es duftet nicht lang;
Und welkt es, dann wird’s mir
Im Busen so bang!


Noch blühet der Garten,
Noch säuselt der Wind
In Zweigen und Blüthen,
So kühlend, so lind!
Und führet in Kreisen
Den Maiduft umher!
Noch blühet der Garten
So lieblich und hehr!


Doch weh! wenn der Herbstwind
In Zweigen sich regt,
Die Bäumchen entblättert,
Die Blüthen zerschlägt!
Wenn sinken im Winde
Die Blumen hinab!
Wohl ist dann der Garten
Des Lebens ein Grab. —


Und, weh wenn der Frühling
Des Lebens verfliegt!
Die Quelle der Freuden
Im Alter versiegt!
Wenn dabei der Wonne
Das Alter! — o Freund!
Unfreundlich und düster
Das Alter mir scheint.


Wir wallen den Garten
Hinab und hinan;
Noch rinnt uns die Quelle
Die gestern uns rann.
Weg Sorgen und Bangen,
Das Unkraut, forthin!
So lange die Blumen
Des Lenzes uns blüh’n!


Und fallen sie unter
Des Wallenden Tritt,
Die duftenden Blumen,
So fallen wir mit.
Die Erde, der ehmals
Das Veilchen entsproß,
Die öffnet auch uns dann
Den kühligen Schooß.


Aus: Blumenlese aus den neuen Schweizerischen Dichtern, Herausgegeben von Heinrich Kurz, Verlag von Friedrich Schultheß, Zürich, 1860








Samstag, 6. August 2011

Nina Camenisch - Der Heinzenberger Grat und Versam




Kirche von Versam (GNU Free Documentation License, Version 1.2
This file is licensed under the Creative Commons
Attribution-Share Alike 3.0 Unported
Die Aufnahme stammt von Adrian Michael



Der Heinzenberger Grat und Versam.

Wie schön von dieser Alpenhöh’
Malt sich das weite Land!
Doch steh’ ich hier in stillem Weh,
Den Blick dorthin gewandt.


Denn jenes kleine Dörflern nur
Füllt meine Seele ganz;
Dort blüh’n so lieblich Baum und Flur
Im dunkeln Waldeskranz.


Dort steht das Haus, wo rosig mir
Der Kindheit Traum entflog;
Zu dem es mich so oft von hier
Mit heißem Sehnen zog;


Wo treue Liebe mich gepflegt.
Die nun im Grabe ruht.
Auf jenem Friedhof, dicht umhegt
Von gold’ner Aehren Fluth.


Du Raum, wo ich als Kind gespielt,
Sei mir gegrüßt von fern!
Du, meiner ersten Heimat Bild,
Bist meines Lebens Stern,


Bist meine Welt, mein Paradies,
Willst du mein Grab auch sein?
Hier muß selbst Todesruhe süß
Wie sanfter Schlummer sein.


Aus: Blumenlese aus den neuen Schweizerischen Dichtern, Herausgegeben von Heinrich Kurz, Verlag von Friedrich Schultheß, Zürich, 1860






Mittwoch, 3. August 2011

Clara von Dincklage - Ick un use Trienke



Ick un use Trienke.
(Lingener Mundart.)


Wat use Vater is, der mennt
»So’n Sönndag nümp doch gar kien End.«
Sien Werkeldag schnitt sülwst he tau:
Des Morgens laat, un’s Avends frau.


Well mit de Sünne up stahn mutt
Un werket hen tau Düstern futt,
Setz Dage fliedig allebott,
Denn ward de Rösttiet mangs tau kott.


För mien Sinn iß’t Leifhäbberei
An’n Sönndagnamiddag tau twei
Hen dör de Felder kaiern gahn,
Tau sein, wo use Früchten stahn.


Ick mit de Piepe as en Heerrn
Alltiet en Trä of twei in’t vörn.
Un use Trienke achter her
Den schmallen Fautpatt in de Föhr.


Uem Pingsten, wenn dat Reuwesaat,
Un naas de Flaß in Blaumen staht,
Seg miene Frau, heil blied un stolt:
»Dat latt as Hemmelblau un Gold.«


Dat is nu Fraulue Proberei,
Ik bün tau’n Lütge-Pan’kauk mei
Wenn dei so zissed, is de Köke,
Un’t heile Hus, vull seuten Röke.


Na Allerhilgen legt an’t Weel
Us’ Trienke Flaß, so schmeu un gäel
As spünn se von er eigen Haar,
Um Ostern is dat Linnen klar.


Wie goht uk na de Wiske tau
Dor weidet use beste Kau
Röp Trienke: Raumännken kumm her!
Dreiht lästernd sei den Kopp na ehr.


Mien Frau de wisket sük den Sweit
Un seggt: »T’is miserabel heit.
Lop mit mi, lat us sitten gahn
Wor an de Emse Böhme stahn.«


»Ne lat us gohn man mit Bedacht«.
Hen löpt se, dreit den Kopp un lacht,
Jüß as son Trieshauhn jichtens flügge,
Ick sei er na un bliev taurügge.


Lichhevig mit den Mund un Faut. —
Vergangen Winder sün wie traut.
Sei is wat jung, dat betert naas,
Ik bün ehr, mein ik, doch de Baas.


Int Größ, war Thimian bleiht, se liggt
Schmitt Gabsen vull mi in’t Gesicht.
Ik pack er üm, se ringt mit mi,
Jüst föhrt ’ne Pünte dor vörbie.


De Jager sitt verdurß up’t Perd;
Uem dat he us den Geck anschäert,
Greiflacht de Fent, un röpt us tau:
»So drock ant Fräien, Gott helpe jau!«


»Dat kump bi Malligkeit herut,«
Seg Trienke, un stappt mi vörut
Den Berg up, an de Waterkant.
Wi stigt nich hoch in’t Emseland.


As sei dar boven bi mi steiht,
De Sünn in Westen unnergeiht.
Erst sackt se daal, allmächtig grot,
Denn ward den Hemmel gleinig rot.


Ründ üm us tau in Füerbrand
De Lucht, dat Water, Fild un Sand;
Van’t Avendgold de Werschien richt’t
Sück vull up Trienke ehr Gesicht.


Wiet süt se weg, de Ogen grot
Do’k ehr ankieke ward se rot.
Wies up er erste Wort ik wachte,
Vergeiht de Glanz van bowen sachte.


Dor trett us’ Trienke dichte bie
Un schling ehr beiden Aerms ’üm mi:
»Mi hav’t de Sünnendahlgang lehrt,
Allnitz denn bün ik wat verkehrt!«


Denn go wie Beide Hand in Hand
Inträchtig dar den Aeuwersand,
Günn wenkt det Dack van use Hus,
T’s nergends beter as bi us. —


Aus: Hannoversches Dichterbuch, Sammelbuch heimatlicher Dichtung, Herausgegeben von Hans Müller-Brauel, Dieterich'sche Universitäts-Buchhandlung, Göttingen, 1898








Wilhelm von Chézy - Das Räthsel der schönen Unbekannten

Wilhelm von Chézy - Das Räthsel der schönen Unbekannten. Ein holdes Räthsel soll ich lösen, Und schon ist mir die Deutung klar, Ich weiß...