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Clara von Dincklage - Ick un use Trienke



Ick un use Trienke.
(Lingener Mundart.)


Wat use Vater is, der mennt
»So’n Sönndag nümp doch gar kien End.«
Sien Werkeldag schnitt sülwst he tau:
Des Morgens laat, un’s Avends frau.


Well mit de Sünne up stahn mutt
Un werket hen tau Düstern futt,
Setz Dage fliedig allebott,
Denn ward de Rösttiet mangs tau kott.


För mien Sinn iß’t Leifhäbberei
An’n Sönndagnamiddag tau twei
Hen dör de Felder kaiern gahn,
Tau sein, wo use Früchten stahn.


Ick mit de Piepe as en Heerrn
Alltiet en Trä of twei in’t vörn.
Un use Trienke achter her
Den schmallen Fautpatt in de Föhr.


Uem Pingsten, wenn dat Reuwesaat,
Un naas de Flaß in Blaumen staht,
Seg miene Frau, heil blied un stolt:
»Dat latt as Hemmelblau un Gold.«


Dat is nu Fraulue Proberei,
Ik bün tau’n Lütge-Pan’kauk mei
Wenn dei so zissed, is de Köke,
Un’t heile Hus, vull seuten Röke.


Na Allerhilgen legt an’t Weel
Us’ Trienke Flaß, so schmeu un gäel
As spünn se von er eigen Haar,
Um Ostern is dat Linnen klar.


Wie goht uk na de Wiske tau
Dor weidet use beste Kau
Röp Trienke: Raumännken kumm her!
Dreiht lästernd sei den Kopp na ehr.


Mien Frau de wisket sük den Sweit
Un seggt: »T’is miserabel heit.
Lop mit mi, lat us sitten gahn
Wor an de Emse Böhme stahn.«


»Ne lat us gohn man mit Bedacht«.
Hen löpt se, dreit den Kopp un lacht,
Jüß as son Trieshauhn jichtens flügge,
Ick sei er na un bliev taurügge.


Lichhevig mit den Mund un Faut. —
Vergangen Winder sün wie traut.
Sei is wat jung, dat betert naas,
Ik bün ehr, mein ik, doch de Baas.


Int Größ, war Thimian bleiht, se liggt
Schmitt Gabsen vull mi in’t Gesicht.
Ik pack er üm, se ringt mit mi,
Jüst föhrt ’ne Pünte dor vörbie.


De Jager sitt verdurß up’t Perd;
Uem dat he us den Geck anschäert,
Greiflacht de Fent, un röpt us tau:
»So drock ant Fräien, Gott helpe jau!«


»Dat kump bi Malligkeit herut,«
Seg Trienke, un stappt mi vörut
Den Berg up, an de Waterkant.
Wi stigt nich hoch in’t Emseland.


As sei dar boven bi mi steiht,
De Sünn in Westen unnergeiht.
Erst sackt se daal, allmächtig grot,
Denn ward den Hemmel gleinig rot.


Ründ üm us tau in Füerbrand
De Lucht, dat Water, Fild un Sand;
Van’t Avendgold de Werschien richt’t
Sück vull up Trienke ehr Gesicht.


Wiet süt se weg, de Ogen grot
Do’k ehr ankieke ward se rot.
Wies up er erste Wort ik wachte,
Vergeiht de Glanz van bowen sachte.


Dor trett us’ Trienke dichte bie
Un schling ehr beiden Aerms ’üm mi:
»Mi hav’t de Sünnendahlgang lehrt,
Allnitz denn bün ik wat verkehrt!«


Denn go wie Beide Hand in Hand
Inträchtig dar den Aeuwersand,
Günn wenkt det Dack van use Hus,
T’s nergends beter as bi us. —


Aus: Hannoversches Dichterbuch, Sammelbuch heimatlicher Dichtung, Herausgegeben von Hans Müller-Brauel, Dieterich'sche Universitäts-Buchhandlung, Göttingen, 1898








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Aus: Pierre Louys, Lieder der Bilitis, Übertragen von Richard Hübner, J. Zeitler Verlag, Leipzig, 1901. Illustration von George Barbier

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