Johann Gaudenz von Salis-Seewis - Abendsehnsucht

Klatschmohn (Papaver rhoeas), aufgenommen am frühen Morgen
auf einer Wiese am Ohleberg in Buseck
(Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen
Bedingungen 2.5 US-amerikanisch (nicht portiert))
Die Aufnahme stammt von Michael H. Lemmer



Abendsehnsucht.


Wenn der Abend sich senkt, flieh’ ich die laute Stadt,
Und durchwandere stumm feuchtes Gefild’ umher,
                Voll die Seele von Sehnsucht
                Und voll süßer Erinn’rung.

Safranfarbiger Schein rändert den Horizont
Und durchglüht das Gebüsch, welches den Hügel kränzt,
                 Wo die stöhnende Windmühl’
                 Ihren langsamen Flügel wälzt.

An die Schleusen gelehnt, schau ich den Weidengrund,
Frisch von perlendem Thau, und wie des duftenden
                  Reps gelbblühende Felder
                  Noch ein röthender Nachschein färbt.

Nur der Emmerling zirpt oben im Erlenstrauch;
Stille waltet umher auf dem umbüschten Dorf,
                  Das der krähende Haushahn
                  Und aufwallender Rauch verräth.

Frischer dünstet der Tau; tiefere Dämmerung
Spannt den trübenden Flor über die Fernung hin.
                  Wo die Formen vernachten,
                  Weilt hinstarrend der lange Blick.

Länder dehnen sich dort hinter der Fläche Rand:
Aber die trennende Nacht füllet den weiten Raum
                   Hin zu meinen Geliebten,
                   Und die Thräne der Sehnsucht rinnt.

Aus: Blumenlese aus den neuen Schweizerischen Dichtern, Herausgegeben von Heinrich Kurz, Verlag von Friedrich Schultheß, Zürich, 1860



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